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Bald Michigan statt Torino?

Von Helmut Dité

Wirtschaft

Fiat erhöht nach Chrysler-Übernahme Gewinnprognose. | Marchionne will für beide Firmen ein gemeinsames Management.


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Turin/Auburn Hills. Sergio Marchionnes Traum vom globalen Automobilriesen Fiat/Chrysler rückt der Realisierung näher - aber im Mutterland Italien wächst trotz Investitionszusagen die Sorge um Arbeitsplätze und Standorte: Von gut zwei Millionen im Vorjahr produzierten Autos der Hausmarken Fiat, Alfa Romeo, Lancia und Co. liefen gerade einmal 561.000 von Bändern in italienischen Werken.

Fiats Bestsellermodelle 500 und Panda werden seit Jahren in Polen und jetzt auch in Mexiko gebaut. Nun kommen Chrysler-Modelle wie der Voyager und der 300 C aus den US-Werken als Lancia nach Europa.

Fiat hat das zweite Quartal 2011 mit einem Gewinnwachstum von mehr als 22 Prozent Euro abgeschlossen. Die positiven Ergebnisse sind vor allem den guten Leistungen bei den Luxus-Töchtern Maserati und Ferrari zuzuschreiben.

Aber vor allem dank der amerikanischen Verstärkung - die Italiener halten mittlerweile 53,5 Prozent an Chrysler - peilt Fiat nun im Gesamtjahr einen Umsatz von mehr als 58 Milliarden Euro an, nachdem das bisherige Ziel bei 37 Milliarden Euro lag. Seit dem 1. Juni fließen auch die Chrysler-Ergebnisse mit ein, unterm Strich soll am Jahresende ein Gewinn von 1,7 Milliarden Euro herauskommen.

Nach kritischen Aussagen zur Marktentwicklung und den Produktionsbedingungen in Europa und der Schließung des Fiat-Werks im sizilianischen Termini Imerese hatte Marchionne im Frühjahr vor der Abgeordnetenkammer in Rom versichern müssen, dass der Autokonzern sein Hauptquartier in Turin bewahren wird: „Das Herz bleibt in Italien, doch der Konzern wird mehrere Sitze haben. Wir leugnen nicht unsere italienische Wurzeln, doch wir wollen sie schützen, indem wir der Vergangenheit auch eine Zukunft sichern”, sagte Marchionne.

Der Topmanager bestätigte - nach Zugeständnissen der Gewerkschaften - auch Investitionen in Höhe von 16 Milliarden Euro zur Modernisierung der Produktionswerke in Italien und einer Verdoppelung deren Auslastung auf 80 Prozent. Fiats Umsatz soll laut Marchionnes Plänen 2014 auf 64 Milliarden Euro klettern, zusammen mit Chrysler gar auf 100 Milliarden.

Chrysler zahlte die Staatshilfe vorzeitig

Chrysler hat im zweiten Quartal vorzeitig die Staatskredite abgelöst, die dem US-Hersteller in der schweren Branchenkrise des Jahres 2009 das Überleben ermöglicht hatten. Der Schritt drückte das Unternehmen zwar mit 370 Millionen Dollar in die Verlustzone. Marchionne pries dennoch die Fortschritte, die Chrysler im Quartal gemacht habe: Die Verkäufe stiegen um fast ein Fünftel auf fast 490.000 Autos. Vor allem die Jeep-Geländewagen - die heuer den 70. Geburtstag feiern - liefen blendend. Weil man zudem höhere Preise erzielen konnte, kletterte der Umsatz um 30 Prozent auf 13,7 Milliarden Dollar. „Wir schlagen uns weiter gut, sowohl in den USA wie auch in Kanada.” Ohne die Rückzahlung der Staatshilfe wäre es Chrysler sogar zum zweiten Mal seit dem Neustart gelungen, Geld zu verdienen.

Der einzige verbliebene Mitbesitzer bei Chrysler ist der Gesundheitsfonds der Auto-Gewerkschaft UAW. Fiat hat sich das Recht gesichert, auch diese Anteile zu übernehmen, eventuell im Zuge eines Börsengangs. Marchionne machte jedoch deutlich, dass er keine Eile hat: „Das steht nicht auf meiner Liste für diese Woche oder diesen Monat. Es gibt Wichtigeres zu tun”: Schon in den kommenden Tagen soll ein gemeinsames Management der Fiat-Chrysler-Group installiert werden - Marchionne selbst ist seit dem Fiat-Einstieg bei Chrysler vor zwei Jahren Vorstandschef beider Unternehmen und pendelt seither zwischen Turin und Auburn Hills, Michigan.