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Baltisches Wunder hält an

Von Martyna Czarnowska

Europaarchiv

"Erstaunlich" sei die wirtschaftliche Entwicklung Estlands. Dies behaupten nicht nur Regierungsvertreter in Tallinn, sondern konstatierte auch die Europäische Zentralbank. Ein Jahr nach seinem EU-Beitritt weist der baltische Staat weiterhin hohes Wachstum und Budgetüberschüsse auf. Die Einführung des Euro könnte sich allerdings verschieben.


Josef ist nicht mehr da. Vor einem Jahr noch arbeitete der 20-Jährige als Kellner in einem Tallinner Altstadtlokal. Vielleicht hat er sich mittlerweile seinen Traum erfüllt: auf einem Luxuskreuzfahrtschiff zu arbeiten. Reisen zu können ohne Visum war jedenfalls der einzige Vorteil, den Josef von einem Beitritt Estlands zur Europäischen Union erwartete.

Was Josef damals ablehnte - weil ihm die neugedruckten nationalen Banknoten so gut gefielen -, peilt die Regierung in Tallinn zielstrebig an. Ein Beitritt zur Eurozone könnte bereits 2006 erfolgen, wenn auch Experten das Jahr 2007 als realistischeren Termin ansehen. Denn im Vorjahr ist die Inflationsrate leicht auf 3,1 Prozent gestiegen.

Über Budgetdefizite muss sich Estland allerdings keine Sorgen machen. Im Vorjahr erwirtschaftete das Land mit seinen 1,4 Millionen Menschen einen Überschuss von 0,3 Prozent. Mit einem Wirtschaftswachstum von 6,2 Prozent verzeichnete es eine der höchsten Raten in der EU. Das Leistungsbilanzdefizit wächst jedoch.

Für Unternehmer ist Estland ein freundliches Land, mit einer der liberalsten Wirtschaften weltweit. Es gilt ein einheitlicher Einkommenssteuersatz, die sogenannte flat tax. Diese soll bis 2010 auf 20 Prozent gesenkt werden. Die Körperschaftssteuer auf nicht entnommene Gewinne wurde bereits vor Jahren abgeschafft.

Der EU-Beitritt verlieh der Wirtschaft einen zusätzlichen Schub, bestätigt Johannes Brunner, Handelsdelegierter der Außenwirtschaft Österreich. "Erst jetzt kommen die Strukturhilfe-Fördergelder voll zum Tragen", begründet er. Ein weiteres deutliches Zeichen für Veränderungen sei der intensivierte Außenhandel mit Russland. Mit der Mitgliedschaft in der EU fielen die doppelten russischen Importzölle auf estnische Einfuhren nämlich weg.

Soziale Kluft bleibt bestehen

Doch die wirtschaftliche Dynamik bekommt nicht jeder zu spüren. Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp zehn Prozent, die Gehälter in der Landwirtschaft und in den meisten Gebieten außerhalb Tallinns sind niedrig. Kann ein Manager auch 1.500 Euro verdienen, so beträgt das durchschnittliche Einkommen nicht einmal ein Viertel davon. Bis 2006 soll die monatliche Durchschnittspension auf knapp 200 Euro erhöht werden. Josef aber wollte seine Pension sowieso nicht unbedingt in Estland erleben.