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"Bang" - der Dialog beginnt

Von Alexia Weiss

Politik

60 Juden und Moslems in Wien. | Kontaktnetzwerk wurde geschaffen. | Wien. Ein ungewöhnliches Duo rockte diese Woche den Ost Klub: der eine Jude, mit Kopfbedeckung, der andere schwarzer Moslem. Die beiden britischen Jugendbetreuer Daniel Raphael und Mohammed Yahya bilden die Hip Hop-Formation "Lines of Faith". Und wollen so gegenseitige Toleranz und Frieden fördern.


In Wien spielten sie vor einem speziellen Publikum: den Teilnehmern der ersten "Muslim Jewish Conference", ins Leben gerufen von dem Wiener Juden Ilja Sichrovsky, organisiert von Ehab Bilal, Moslem mit libyschen Wurzeln. 60 jüdische und muslimische junge Menschen aus aller Welt reisten nach Wien, um eine Woche lang eine gemeinsame Sprache zu finden, Vorurteile zu überwinden - und in Zukunft sogar bei gemeinsamen Projekten zusammenzuarbeiten.

Die Studenten Charlotte Krick und Gulraiz Khan wären ohne die Konferenz wohl nie ins Gespräch gekommen. Die Jüdin Krick, 21, stammt aus Deutschland und lebt in Wien. Der Moslem Khan, 22, kommt aus Pakistan. "Ich wollte unbedingt Teil dieser Initiative sein", erzählt Krick. "Ich finde es toll, dass hier eine Bühne geschaffen wurde, auf der man Vorurteile gegenüber der jeweils anderen Kultur überwinden und aufeinander zugehen kann."

Ja, sagt Krick, auch sie habe Vorurteile gegen Moslems im Kopf. "Beispielsweise, dass sie rückständig sind." Khan, der ihr auf dem Campus der Uni Wien gegenüber steht, zeigt ihr, dass dem ganz und gar nicht so ist. "Ja, ich weiß, alle glauben, wir sind so rückwärts gewandt. Und dass Pakistan ein extrem instabiles Land ist." Ist es das nicht? "Doch, es ist instabil. Aber das Leben geht weiter. Wir studieren, wir arbeiten." Khan ist überrascht, dass die moslemisch-jüdische Begegnung auch in der Praxis so problemlos verläuft. "Bang - und wir haben begonnen miteinander zu sprechen."

Unter den Teilnehmern sind ein Gastredner mit Kippa, zwei Studierende mit Kopftuch. Gemeinsam folgen sie in einem Hörsaal der Uni Wien den Ausführungen von Walter Ruby, einem säkularen Juden aus New York, der seit drei Jahren als "Muslim Jewish Relations Officer" für die "Foundation for Ethnic Understanding" tätig ist. Einmal im Jahr organisiert die Einrichtung ein "Weekend of Twinning". Dabei kooperieren weltweit jeweils eine Moschee und eine Synagoge in einer Nachbarschaft. Die Aufgabe von Ruby ist es, "Schadchen zu sein" - Schadchen nennt man den jüdischen Heiratsvermittler. Ruby vermittelt heute zwischen Juden und Moslems.

Eine Konferenz von Rabbinern und Imamen im Jahr 2006 sei für ihn zum Schlüsselerlebnis geworden, erzählt er. "Zum ersten Mal ist mir da klar geworden, dass religiöse Menschen Teil der Lösung im Konflikt sein können."

Künftig gemeinsame Pressekonferenzen

Nein, auch die "Weekends of Twinning" könnten keine Lösung des Nahostkonflikts erreichen, so Ruby. Doch darum gehe es nicht. Ziel sei, eine reibungsfreie Koexistenz beider Gruppen in der jeweiligen Nachbarschaft. Und vielleicht auch mehr. Ideal wäre es, wenn Juden und Moslems bei Islamophobie und Antisemitismus zu Alliierten würden. Der eine solle dem anderen beistehen, wenn er angegriffen würde - auch durch gemeinsame Pressekonferenzen. Die Medienwirksamkeit wäre viel höher, so der frühere Journalist ("Jerusalem Post").

Damit umriss Ruby auch jene Themen, die für die Diskussionsrunden in Wien vorgegeben waren: Islamophobie und Antisemitismus, Abbau gegenseitiger Stereotype und Vorurteile durch Bildung sowie die Rolle der Medien. Der Nahostkonflikt wurde im Programm bewusst ausgespart. Zuerst müsse man zu einer gemeinsamen Sprache finden, einander auf Augenhöhe begegnen, so Sichrovsky.

Diese Ziele sieht er nach dieser Woche erreicht, und noch viel mehr. Es seien Kontakte geknüpft worden, Projektideen entstanden, die es nun umzusetzen gelte. "Wir haben gezeigt, dass wir kein Verein von utopischen Gutfühlstudenten sind", meint Sichrovsky augenzwinkernd. Die Konferenz habe vielmehr den Grundstein für das Bilden eines weltweiten Kontaktnetzwerkes gelegt. Dieses gelte es nun auszubauen.

"Wenn nun einer der Teilnehmer eine Idee hat, weiß er, wen er anrufen kann", betont Sichrovsky. Läuft alles nach Plan, soll es die Konferenz jährlich geben, bei der die bisherigen Teilnehmer auf neue engagierte junge Menschen stoßen. Sichrovsky und Bilal hoffen, einen Partner zu finden - eine Stiftung, einen Spender oder Investor - der dies ermöglicht. Die erste Konferenz wurde großteils von der Karl-Kahane-Stiftung finanziert.

www.mjconference.org