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Bange Blicke in ungewisse Zukunft

Von Von Michael Schmölzer aus Kairo

Politik

Linke Parteien werden zwischen Armee und Islamisten aufgerieben.


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Kairo. Die Metrostation Mubarak gibt es nicht mehr. Sie wurde umbenannt und heißt jetzt "Märtyrer" zu Ehren der vielen Toten, die der Kampf gegen die Diktatur im vergangenen Jahr gekostet hat. Die Menschenmassen, die einst den Kairoer Tahrir-Platz bevölkert haben, sind ebenfalls nicht mehr da. An Arbeitstagen halten einige Unentwegte den symbolträchtigen Ort besetzt, sie haben hier ihre Zelte aufgeschlagen, zeigen rund um die Uhr Präsenz. Nur an Freitagen oder nach neuen Gewaltakten der des regierenden Militärrats versammelt sich eine größere Menschenmenge zu Protesten. Die Zufahrtsstraßen zum Tahrir sind vorsorglich mit Stacheldraht und Betonblöcken abgesperrt, dahinter warten Panzer. Händler haben ihre Verkaufsbuden aufgestellt, kleine Gruppen halten Versammlungen ab, umringen einen Redner, der das große Wort führt. Es wird heftig diskutiert, Aggression liegt in der Luft. Dazwischen bewegen sich abgerissen gekleidete Jugendliche, sie werden von den Umstehenden angefeindet und in Raufereien verwickelt. "Der Ort hier ist nicht sicher", weiß ein Ägypter mittleren Alters. "Überall laufen Kriminelle herum, die von Mubarak letzten Februar aus den Gefängnissen entlassen worden sind. Viele hat die Polizei wieder eingefangen, einige verstecken sich da, weil sie wissen, dass sich die Polizei momentan nicht hierher traut."

Knapp ein Jahr nach dem Sturz Hosni Mubaraks ist völlig ungewiss, wie die Zukunft Ägyptens aussehen wird. Von revolutionärer Euphorie und kämpferischem Optimismus ist auf dem Tahrir-Platz nicht mehr viel zu merken. Man gedenkt der toten Helden, die ernst von großen Postern blicken. Es gibt eine kleine Fotoausstellung, die Bilder dokumentieren die Tage des Aufstandes. Oft ist hier vom Auswandern die Rede. Vor allen junge Leute, die Fremdsprachen können und über Kontakte verfügen, wollen nach Europa und dort ihr Glück versuchen.

Liberale auf Tauchstation

Die liberalen ägyptischen Parteien blicken unterdessen einer Niederlage bei den derzeit laufenden Parlamentswahlen entgegen. Die Religiösen dominieren das Feld, die islamistischen Muslimbrüder und die noch viel radikaleren Salafisten werden im Parlament über eine sichere Mehrheit verfügen. Tritt man mit liberalen Ägyptern in Kontakt, wird man das Gefühl nicht los, mit Untergrundkämpfern zu kommunizieren. Über Politik im Allgemeinen spricht man hier nicht gerne, Sympathisanten der Nicht-Religiösen lassen sich am Telefon verleugnen oder verweisen auf andere Kontaktadressen. Es herrscht Misstrauen, jedes Wort wird genau abgewogen. Die Laizisten sehen die Gefahr, zwischen Armee und Islamisten zerrieben zu werden. Viele modern denkende Ägypter sitzen nachdenklich in den Cafés und fragen sich, ob sie auch in einem Jahr noch friedlich ihr Bier trinken werden.

In der Tat ist in Ägypten die Zeit der Repression mit dem Sturz Mubaraks nicht vorbei, sie lastet schwer auf dem Land. Der regierende Militärrat unter Feldmarschall Mohammed Tantawi lässt Regimegegner in Gruppen verhaften und vor Militärgerichte stellen, 12.000 Menschen sind seit dem Umsturz auf diesem Weg verurteilt worden. Vor den Kairoer Gerichtsgebäuden stehen reihenweise graue Arrestwägen. Männer werden gefoltert, Frauen demütigenden Jungfernschaft-Tests durch Ärzte unterzogen. Damit diese später nicht behaupten könnten, in Polizeigewahrsam vergewaltigt worden zu sein, heißt es.

Mohsen Abu Bakr, Funktionär der liberalen Hizb-Partei, ist wegen des guten Abschneidens der islamistischen Salafisten bei den Parlamentswahlen beunruhigt. "Das kommt unerwartet und macht mir Angst", so Bakr zur "Wiener Zeitung". Einig ist man sich im liberalen Lager, dass Ägypten nicht den Weg gehen wird, den der Iran im Jahr 1979 eingeschlagen hat. "Wir bewegen uns ganz sicher nicht in Richtung Gottesstaat", sagt Bakr und wirkt dabei so, als sei er davon überzeugt. Eine blutige Konfrontation zwischen Islamisten und der Armee steht nach allgemeiner Auffassung ebenfalls nicht bevor. Die Muslimbrüder, so hört man, hätten aus den traumatischen Erfahrungen gelernt, die ihre islamistischen Gesinnungsgenossen in Algerien gemacht hätten. Dort lieferten sich religiöse Gruppierungen in den 90er Jahren einen blutigen Bürgerkrieg mit den Machthabern, die Regierung behielt aber die Oberhand. Die Auseinandersetzung begann 1991, als die algerische Regierung die Parlamentswahlen annullieren ließ, nachdem sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. Schließlich übernahm die Armee das Kommando, der Bürgerkrieg kostete Zehntausenden das Leben.

Mohsen Abu Bakr ist unterdessen davon überzeugt, dass die Muslimbrüder dieser Tage einen entscheidenden Wandel durchmachen. Sie seien längst nicht mehr so radikal-antidemokratisch und fundamentalistisch wie noch unter Hosni Mubarak, ist Bakr überzeugt. Die junge ägyptische Politologin Rasha Ramzy ist ebenfalls der Ansicht, dass man den Muslimbrüdern über den Weg trauen könne: "Die müssen sich schließlich gegenüber den Salafisten abgrenzen." Diese Ultra-Radikalen wollen einen Scharia-Staat, wie er in Saudi-Arabien existiert. Die Muslimbrüder setzen dem die Idee vom parlamentarischen Rechtsstaat entgegen - heißt es.

Die Hoffnung, dass die Muslimbrüder die demokratischen Spielregeln einhalten werden und einen moderaten Weg einschlagen, hegen mittlerweile auch viele westliche Kommentatoren. Selbst die USA tragen den neuen Gegebenheiten Rechnung, das Außenamt in Washington hat bereits Kontakt zu den Islamisten aufgenommen. Das wäre zu Mubarak-Zeiten noch völlig ausgeschlossen gewesen. Der Erfolg der Salafisten macht sich unterdessen bereits im ägyptischen Alltag bemerkbar. "Die schicken Trupps los, die westlich gekleidete Frauen attackieren. Etwa solche, die ohne Kopftuch am Steuer eines Autos sitzen", so die junge Politologin Rasha Ramzy. Diese würden dann von den bärtigen Frömmlern wüst beschimpft und zur "Umkehr" aufgerufen.

Ruf nach Ruhe

Ein Cafetier im Zentrum von Kairo sieht die Sache etwas anders. Er ist vor allem dafür, dass nach den Turbulenzen der letzten Monate endlich Ruhe und Ordnung einkehren. Der Missmut des älteren Mannes richtet sich gegen Israel und gegen die USA, der regierende Militärrat sei ein Vasall der Amerikaner kritisiert er. Gegen die Errichtung einer Islamischen Republik Ägypten hat er nichts. Dem Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei, ehemaliger Chef der Atombehörde in Wien, wird er bei den kommenden Präsidentschaftswahlen nicht seine Stimme geben. "Der war lange im Ausland - und noch dazu in den USA." Es ist davon auszugehen, dass die Mehrheit der Ägypter so denkt wie er.

Die Oppositionelle Seham Saneja-Abdel Salem hat schon gegen die Mubarak-Vorgänger Nasser und Sadat protestiert und ist nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. "Wer die Revolution will, der muss bluten", sagt sie. "Das, was wir bisher erlebt haben, war keine Revolution sondern eine Volkserhebung." Derzeit geht alles weiter wie unter Mubarak. Mit einem großen Unterschied: "Vor der Revolte waren die Leute so gut wie tot. Durch den Umsturz haben sie wieder Antrieb bekommen." Außerdem seien die Ägypter Meister der Improvisation - "irgendwie wird es weitergehen."