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Banja Luka oder Der Krieg in den Köpfen

Von Matthias G. Bernold

Politik

Bosnien fünf Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton. Noch immer ist das Land von seiner blutigen Vergangenheit gezeichnet. Banja Luka, die Hauptstadt der serbischen Teilrepublik (Republika Srpska), ist voller Flüchtlinge und Militär. Doch die Stadt hat den Neubeginn bereits hinter sich und ihre Bewohner werden täglich zuversichtlicher . . .


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Wer nachmittags durch die Straßen von Banja Luka spaziert, wird unweigerlich an einen italienischen Ferienort erinnert.

Das frühsommerliche Wetter hat die Leute aus ihren Wohnungen auf die Straßen und in deren unzählige Cafés getrieben. Das Lärmen und Lachen der Menschen und die Musik aus den Lokalen erzeugen eine heitere, ausgelassene Atmosphäre. Auf den Trottoirs bieten Schmuggler Tabakwaren, Kaugummis und in Albanien kopierte CDs zu Spottpreisen an. Teenager promenieren wie am Laufsteg die Fußgängerzone im Zentrum auf und ab. Die Farbe der Saison ist Pink, dazu tragen die Frauen Stöckel- und die Mädchen Plateauschuhe. Ein Touristenidyll ohne Touristen? Ein Jesolo-Klon im Herzen des Balkans? Alles Friede und Harmonie?

Keine Kämpfe im Inneren der "Grünen Stadt"

Nicht ganz. Auch wenn die "Grüne Stadt" am Vrbas-Fluss im Unterschied zu vielen anderen Städten Ex-Jugoslawiens von unmittelbaren Kampfhandlungen und Bombardements weitgehend verschont geblieben ist, sind die Hinterlassenschaften der Krise auch heute noch erkennbar: Uniformierte mit kahlgeschorenen Köpfen und Militärfahrzeuge sind allgegenwärtig, in den Seitengassen prangen unzählige politische Graffiti an den Fassaden.

Außerhalb Banja Lukas verewigte sich der Krieg noch deutlicher: hier reihen sich Ruinen an neuerrichtete Rohbauten. Kein Haus in ganz Bosnien blieb ohne Einschussloch. Die stacheldrahtumzäunten Militärcamps der SFOR-Einheiten säumen die Straßen. Überall Autowracks.

Bis heute ist die während des Krieges vollkommen zerstörte Infrastruktur nicht wieder instand gesetzt. Noch immer kann man den Landstrich nur mit den - von den internationalen Organisationen initiierten - Buslinien bereisen, weil das Bahnnetz in der Region nicht mehr existiert. (Reisedauer Wien-Banja Luka: zwischen 10 und 14 Stunden!).

50 Kilometer nördlich von Banja Luka liegt der Ort "Zwei Seen" inmitten eines bewaldeten Talkessels. In den 60er Jahren drehte man hier den ersten Winnetou-Film und die Gegend sieht teilweise noch immer so aus, als ritte im nächsten Moment Lex Barker alias Old Shatterhand um die Ecke. Heftig konterkariert wird die traumhafte Landschaft rund um den ehemaligen Kurort durch die ausgebrannten Hotelruinen am Seeufer.

Natascha, die 24-jährige Studentin aus Banja Luka, die uns durch die Gegend führt, wendet sich betreten an mich: "Kannst du dir vorstellen, dass sie hier gekämpft haben?" In ihrer Stimme liegen Wut und Trauer, Ratlosigkeit und Resignation.

Denn was der Krieg in der Landschaft angerichtet hat, ist nichts gegen das, was er in den Köpfen der Menschen zurückließ. Jeder Mann, der heute zwischen 23 und 45 Jahre alt ist, hat gekämpft. Keine Familie, die nicht zumindest ein Opfer zu beklagen hätte. Die Wirren des Krieges und die ethnischen Säuberungen haben die Bevölkerungsstruktur Banja Lukas vollkommen verändert. Tausende haben die 200.000- Einwohner-Stadt während des Krieges verlassen, Unzählige sind aus den umliegenden Krisengebieten hierher geflohen und geblieben.

"Wir wollen, dass die Menschen zurückkehren"

Dass Flüchtlinge und Vertriebene wieder dorthin zurückkehren können, wo sie vor dem Krieg gewohnt haben, ist das erklärte Ziel von Cesar Dubon, dem Chef des UNO-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) für Bosnien-Herzegowina. "Wir bemühen uns, die Rahmenbedingungen für die Rückkehr zu schaffen," erklärt Dubon.

Die Sicherheit sei jetzt viel höher als noch vor einigen Jahren. Manchmal detonierten zwar noch Bomben - erst im Februar dieses Jahres war das UNHCR-Büro durch einen Bombenanschlag vollkommen zerstört worden.

Summa summarum sei Banja Luka aber ein ruhiges Pflaster geworden. Jetzt gelte es in erster Linie bei den Vertriebenen Vertrauen und Zuversicht zu stärken, sie bei ihrer Rückkehr zu beraten und zu unterstützen.

Auf viel Gegenliebe stoßen die Präsenz der Internationalen Organisationen und ihre Aktivitäten bei der Bevölkerung nicht. Die meisten Serben haben das Gefühl, von der Staatengemeinschaft bevormundet zu werden. Da nützt es auch nichts, dass das Ausland Milliarden für den Wiederaufbau beisteuert.

Natascha spricht aus, was viele ihrer Landsleute denken: "Das Gefühl, keine Kontrolle zu haben, tut uns weh. Die Gesetze werden uns von den Besatzern vorgeschrieben, ihre Soldaten sind auf unseren Straßen."

Wenn wir heute gehen, fängt morgen alles von vorne an

Widerstand der Bevölkerung und mangelnde Kooperationsbereitschaft der lokalen Behörden gehören nach Ansicht von Dubon auch zu den größten Problemen: "Was die internationalen Behörden anordnen, wird nur sehr, sehr langsam umgesetzt, geschweige denn befolgt." Dabei, ist der UN-Beamte überzeugt, geschehe alles im Interesse des Landes und seiner Menschen. Die Anwesenheit von OSZE, SFOR und UNHCR sei die Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden: "Wenn wir heute hier weggehen, beginnt morgen alles von vorne." Die Region sei definitiv noch nicht reif für eine Rückgabe an lokale Behörden und in den nächsten fünf Jahren werde sich das auch nicht ändern.

Nationalistische Partei

gewinnt Kommunalwahlen Ihrer Unzufriedenheit mit den internationalen Truppen und Behörden verliehen die Bewohner der Republica Srpska bei den Wahlen Ausdruck. Die serbische nationalistische Partei (SDS) gewann mit großem Abstand vor den moderaten Parteien von Ministerpräsident Milorad Dodik und Ex-Präsidentin Biljana Plavsics. Ein Wahlergebnis, über das man sich im Büro des UNHCR nicht gerade freut. Zweifellos sei das nicht das erhoffte Resultat, man müsse sich nun mit den Wahlsiegern arrangieren. Praktische Auswirkungen werde die veränderte Situation aber keine nach sich ziehen. Höchstens eine gewisse Verlangsamung.

Vergessen und in die Zukunft schauen

Es fällt den jungen Leuten nicht leicht, über den Krieg zu sprechen. Die Wunden von damals sind noch längst nicht verheilt. Die 24-jährige Nina, die während des Krieges dreimal umziehen musste, verleiht ihrer Verbitterung Ausdruck: "Wir waren Teenager, als der Krieg gekommen ist, er nahm uns die schönsten Jahre." Anstatt an das Erlittene zu denken, blickt man lieber nach vorne und genießt einfach sein Leben. Weggehen, Spaß haben, sich durchwursteln.

Giorgio, der drei Jahre als Soldat für die Republika Srpska gekämpft hat und jetzt in Banja Luka Pharmazie studiert, erzählt, wie ihn der Krieg verändert hat. Früher wollte er reisen, die Welt sehen - heute wünscht er sich nichts sehnlicher als ein "ganz normales" Leben zu führen: Heiraten, Zusammenziehen, ein Kind bekommen. Wie lang es noch dauern wird, bis sich die Verhältnisse vollends normalisiert haben, ist ungewiss. Die Arbeitslosigkeit, vor allem unter den Jugendlichen ist immer noch enorm hoch. Ein Studium in Bosnien wird im Ausland nicht ohne weiteres angerechnet. Schmuggel und Drogenhandel blühen.

Genauso ungern wie über die Kämpfe, wird über die Animositäten unter den verschiedenen ethnischen Gruppen gesprochen. "Es gibt gute und schlechte Menschen, welcher Nationalität jemand angehört, ist mir egal," bringt es Natascha auf den Punkt. Die meisten ihrer Freunde sehen das ähnlich. Tatsächlich treffen sich Kroaten, Serben und Muslime auf den selben Plätzen, man besucht die selben Lokale und tanzt in den selben Discotheken. Giorgo verdeutlicht: Noch immer sei es "eigenartig" wenn er jemanden trifft, dem er früher an der Front gegenübergestanden ist. Trotzdem verspüre er keinen Haß, denn: "Keiner hier hat sich den Krieg gewünscht, keiner wurde gefragt, ob er kämpfen will."

"Wir wissen, es kann wieder zum Krieg kommen"

Bei den Älteren, weniger Gebildeten, sieht die Sache freilich ganz anders aus. Dort liefern schlechte Lebensqualität und das Gefühl erlittener Ungerechtigkeit neue Nahrung für den Nationalismus. In den Hinterhöfen und Gärten treffen die Männer zusammen und pflegen ihre Traditionen. Bei Wein und Cevapcici beschwört man in Volksliedern und Balladen die Heldentaten der Vorväter. Ob sich letzten Endes Aufgeschlossenheit und Optimismus der Jugend gegen Feindschaft und Nationalismus auf Dauer durchsetzen können, kann heute wohl niemand mit Sicherheit sagen. Den Menschen in Bosnien sitzt die Angst vor einem neuen Konflikt tief in den Knochen. "Wir wissen, dass es jederzeit wieder zu einem Krieg kommen kann," meint Natascha, um gleich trotzig nachzusetzen: "Aber wir haben gelernt, mit der Angst zu leben."