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(Bar-)Geld als Individual- und Sozialform

Von Holger Blisse

Gastkommentare
Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialanalytiker und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.
© privat

Nationale, regionale und Gemeinschaftswährungen und ihre gesellschaftliche Funktion.


Oft empfiehlt es sich, zum Ausgangspunkt zurückzukehren, um eine Entwicklung und deren Ergebnis im Heute und deren Zukunftsentwurf besser verstehen oder überhaupt erkennen zu können. Im Falle des Geldes liegt der Ursprung sehr weit in der Vergangenheit und ist womöglich gar nicht eindeutig festzustellen. Für eine Spurensuche sei daher sicherheitshalber ein erfahrener Experte zu Rate gezogen: Paul Kellermann, emeritierter Professor für Soziologie der Universität Klagenfurt. Welch starker Handlungsdruck derzeit von digitalen Angeboten auf das gesetzlich anerkannte Zahlungsmittel Geld ausgeht und staatliches Handeln hervorruft oder aufzuheben versucht, belegen Pläne der Notenbanken, gegenzusteuern und ebenso eine digitale Variante zu gestalten, wie in China oder seitens der EZB.

Handlungsspielräume durch nationale Währungen

Kryptowährungen stellen noch kein Geld im Sinne eines allgemein anerkannten Zahlungsmittels dar, auch wenn El Salvador Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel zugelassen hat. Diese hoheitliche Funktion bilden die von einem Staat - oder einem Staatenverbund - erlassenen rechtlichen Regelungen zum Geld ab. Europas Gemeinschaftswährung Euro soll die europäische Integration in Richtung eines gemeinsamen Marktes fördern. Damit treiben wirtschaftspolitische Kräfte und Vorstellungen diese Vereinheitlichung und wirken gesellschaftspolitisch und sogar demokratiepolitisch. Bürger gewinnen an individueller Freiheit, Ausgaben für Waren, Investitionsgüter oder Dienstleistungen mit dem Geld, das sie im Heimatland verdient haben, in jedem anderen Mitgliedstaat zu tätigen, solange dessen Eigenständigkeit und damit Grenzen anerkannt werden und fortbestehen dürfen.

Gleichwohl besteht Skepsis bei potenziellen Euro-Beitrittskandidaten, die oft eine deutlich niedrigere Staatsverschuldungsquote aufweisen als die in Euro verschuldeten Länder. Handeln Staaten in einem überschaubareren Rahmen verantwortlicher? In Krisenzeiten erweisen sich eine eigene Währung und die Kontrolle darüber als vorteilhaft, wie die Diskussion über Griechenlands Austritt und die Wiedereinführung der Drachme während der Finanzmarktkrise zeigte. Die anschließenden Auflagen und Sanierungsbeiträge des Landes waren einschneidend und betrafen die Bevölkerung, ohne dass diese selbst noch Einfluss nehmen konnte.

Man befand sich währungspolitisch in den Händen der nächsthöheren Hierarchiestufen: EZB, IWF und EU-Kommission und etwas später noch ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus). Die geldpolitischen Maßnahmen betrafen Pensionssystem sowie Staatsvermögen und hätten eine sozialpolitische Gegensteuerung erfordert, für die aber das Geld gerade fehlte. Es kam zum Verkauf von Staatseigentum: Neue Geldgeber und damit Eigentümer traten in Erscheinung, die zumindest lokal- und regionalpolitisches Gewicht erlangten, aber außerhalb der Kontrolle durch die Bevölkerung, etwa durch Wahlen.

Regionalwährungen in Geschichte und Gegenwart

Umgekehrt kann man sich teilweise durch ein Regionalgeld kleinräumiger einem übergeordneten geldpolitischen Einfluss entziehen und lokale beziehungsweise regionale Wirtschaftskreisläufe steuern, was individuelle Freiheit und Beschäftigungsmöglichkeiten hebt. Beispiele finden sich mit dem Freigeld von Wörgl (Juni 1932 bis September 1933), das als Schwundgeld konstruiert war. Es verbesserte die Nachfrage und Beschäftigung während der Weltwirtschaftskrise und war durch bei der örtlichen Raiffeisenkasse hinterlegtes Bargeld in Schilling gedeckt. Eine Intervention der Oesterreichischen Nationalbank beendete das Projekt.

Heute bekannte Regionalwährungen sind etwa der bayerische Chiemgauer, der Sardex auf Sardinien oder der Waldviertler - Letzterer wurde 2005 eingeführt, allerdings 2016 ruhendgestellt. Wie bei Kryptowährungen handelt es sich bei Regionalgeld um alternative Formen. Während jedoch Kryptowährungen aufgrund der Technologie globale Geltung beanspruchen, sind Regionalwährungen, auch wenn sie digital organisiert werden, sozialräumlich begrenzt und anerkannt. Euro oder Kryptowährungen stellen sich als staatenübergreifende Währungen dar, Regionalgelder beanspruchen einen kleineren Geltungsbereich, können aber ebenso jenseits bestehender Staatsgrenzen organisiert werden und stellen damit den mitgliedstaatlichen Aufbau der Europäischen Union in Frage.

Mit Geld sparen und investieren

In jedem Falle geht es um Geld als Zahlungsmittel, mit dem sich direkt oder vermittelt über Kreditinstitute oder Kapitalanlagegesellschaften (Fonds) sparen und investieren lässt. Doch nicht das investierte Geld führt die für die wirtschaftliche Tätigkeit und das beabsichtigte Ergebnis notwendigen Aktivitäten durch, wie Kellermann hervorhebt, sondern es dient als Mittel zur gesellschaftlichen Organisation der erforderlichen Arbeit und erlaubt es, diese in Verbindung mit der Arbeitszeit zu "bewerten" und ihr einen Preis zu geben. Das Geld eines Staates oder eines Staatenverbundes ist "so viel wert wie die Leistungsfähigkeit des Systems".

Ein solches Verständnis erlaubt Austausch und Vergleich der Leistungsfähigkeit von Staaten, konzentriert in den Wechselkursen. Dass sie einen Mechanismus darstellen, währungspolitisch von außen Einfluss auf ein Gemeinwesen zu nehmen, belegen Staaten, deren Währungen vorübergehend als nicht konvertierbar in andere Währungen galten wie der Peso in Argentinien oder stark abgewertet werden mussten wie die türkische Lira. Das kann zu Geldentwertung (Inflation) führen, die innenpolitischen Sprengstoff birgt und wiederum Außenstehenden durch niedrigere Preise den Vermögenserwerb erleichtert. Damit ist Geld ein notwendiges Mittel für den Monopole fördernden Markt-Preis-Mechanismus und ein Maßstab innerhalb eines auf Wettbewerb ausgelegten Welthandelssystems.

Zunehmende Arbeitsteilung und Geld in der Gegenwart

Doch dafür, dass das Geld überhaupt da ist, muss es von einer zentralen Stelle in Verkehr gesetzt und allgemein anerkannt werden. Die Notwendigkeit, Geld zu verwenden, stuft Kellermann "eher als Zwang" ein: "Man muss in der heutigen extrem arbeitsteilig entfalteten Gesellschaft über Geld verfügen, um benötigte und gewünschte Dinge kaufen zu können; wer über mehr Geld verfügen kann, hat allerdings in vielen Bereichen die größere Freiheit."

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858 bis 1918) hob in seiner "Philosophie des Geldes" (1900) die Zusammenhänge zwischen der Geldwirtschaft und der Entwicklung individueller Freiheit hervor, während Kellermann in seiner daran angelehnten "Soziologie des Geldes" von einer Geldgesellschaft spricht, "weil das Denken an und in Geld die gesamte Gesellschaft und nicht mehr nur das Subsystem ‚Wirtschaft‘ erfasst hat" und so eine soziale Dimension erreicht.

Diese soziale Dimension unterstreicht, dass die Quelle des gesellschaftlichen Reichtums oder die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft auf die Arbeitsteilung zurückgehen. Doch scheint es, als hätten wir versäumt, den "Preis" als Ausgleich für die mit der Arbeitsteilung in vieler Hinsicht verbundenen individuellen, regionalen, aber auch sozialpolitischen Probleme und Unterschiede zu bezahlen. Dies ist das Geld, das - gerade in der aktuellen Krise - die öffentlichen Haushalte der Gebietskörperschaften, von der Gemeinde bis zur Europäischen Union, so dringend benötigen.