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Barack Obama: Die Angst vor der Angst

Von Hans Lechleitner

Gastkommentare

Der US-Präsident hat seine Amtszeit mutig begonnen.

Aber jetzt? Die Angst vor der eigenen Courage war es nicht, eher eine ganz andere: die Angst vor der Angst. Dabei handelt es sich um ein verhängnisvolles Gefühl, das den, der es empfindet, korrumpiert und seine wahre Angst der Kraft beraubt, die notwendig ist, um sich einer Konfrontation zu stellen. Die Angst vor der Angst lässt einen das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren. Statt den Stier bei den Hörnern zu packen, tut man das, was der Volksmund gerne "den Schwanz einziehen" nennt.

Es gibt dafür unzählige Beispiele, die allesamt weder zur eigenen noch zur Wertschätzung anderer beitragen können. So wurde die Erlaubnis zur Publikation diskriminierender Fotos von der Misshandlung irakischer oder afghanischer Gefangener, tatsächlicher oder nur angeblicher Terroristen zurückgezogen (die Bilder werden ohnehin früher oder später den Weg in die Öffentlichkeit finden). Die Begründung lautete, dass dadurch die Sicherheit der US-Soldaten gefährdet würde.

Führende Militärs hatten Obama bearbeitet, seine ursprünglich anders getroffene Entscheidung zu revidieren. Diese Bilder, sagte er, würden keine neuen Erkenntnisse zum Thema Missbrauch geltender Gesetze beinhalten. Offizielle Sachverständige, die anonym bleiben wollen, sehen das anders: Aus den Bildern gehe hervor - und das ist der springende Punkt in dieser bis ins Mark des Landes reichenden Auseinandersetzung -, dass die Folterungen nicht die Tat einiger schwarzer Schafe waren, sondern die Exekution einer von höchster Stelle angeordneten Politik.

Wenn es eng wird, werden nationale Sicherheitsinteressen beschworen - und oft wesentliche ethische Grundsätze über den Haufen geworfen. Man ruft Vorwände in Erinnerung, die in der Vergangenheit katastrophale Entscheidungen bemäntelt haben. Sie bedeuteten nie einen Gewinn, sondern stets nur einen Verlust an moralischen Werten. Die Bush-Regierung hat in abschreckender Weise vorexerziert, wie so etwas funktioniert. Viele standen dabei stramm. Die Folgekosten sind längst nicht bezahlt. Einiges ist da noch im Busch.

Angst ist dazu da, Kräfte zu mobilisieren für den Kampf oder - wenn die Hoffnung stirbt - für die Flucht. Angst vor der Angst bewirkt das Gegenteil. Wen sie heimgesucht, der knickt ein und verliert sein Ziel und sich selbst aus den Augen. Es gibt Dinge, an denen sich nicht rupfen lässt. Sie müssen ausgerissen werden. Man packt sie entweder an oder lässt es sein. Halbherzigkeit ersetzt keinen Mut. Sie schadet ihm nur.

Scheut man die Konfrontation, vermeidet man, sich ihr ohne den Puffer der Hilfskonstruktion einer anderen Angst zu stellen, vergibt man die Chance, das Unbekannte in eine wie immer geartete Realität zu verwandeln und geht den Weg des geringsten Widerstands in Richtung Resignation.

Hans Lechleitner war Journalist bei der BBC und politischer Redakteur bei der ARD; er lebt als freier Journalist in Wien.