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Barack Obama hasst Überraschungen

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

So gut der US-Präsident darin ist, gut vorbereitete Pläne umzusetzen, so sehr überfordern ihn unvorhersehbare Ereignisse. Das hat die Ölpest im Golf von Mexiko eindrucksvoll gezeigt.


Wenn Sie herausfinden wollen, woran die Regierung von US-Präsident Barack Obama krankt, stellen Sie sich das Ganze doch einmal als Präsidentschaft "nach Skript" vor. Obama ist ein wahrer Meister darin, Vorgefertigtes vom geistigen Teleprompter abzulesen. Viel vom Geplanten hat er bereits erledigt, wie seine Unterstützer zu Recht betonen, weniger erfolgreich war er jedoch angesichts unvorhersehbarer Ereignisse.

Im Gegensatz zu manchen früheren US-Präsidenten scheint Obama samt seinem Berater-Team solche Herausforderungen so gut wie nur irgend möglich zu meiden. Geschieht das Unerwartete dann aber doch einmal - wie etwa die BP-Öl-Katastrophe -, kommen sie mit dem Medienansturm nur schlecht zurecht.

Was ist schuld an dieser Schwäche? Während seines Wahlkampfs 2008 betonte Obama immer wieder, er wolle die Politik der Spaltung überwinden. 18 Monate später könnte man fast glauben, dass es die Politik selbst ist, die Obama nicht zusagt, dieser chaotische Prozess der Machenschaften, dieses ständige Eingehen von niederen Kompromissen für hohe Ziele.

Eine denkwürdige Szene aus seiner Zeit im US-Senat ist ein früher Beleg dafür. Während einer ausführlichen Rede seines jetzigen Vizepräsidenten Joe Biden schrieb Obama an einen seiner Mitarbeiter: "Shoot. Me. Now." (Erschießen Sie mich, jetzt gleich.)

Ein Insider der Regierung, der Obama gut kennt, äußerte vor ein paar Monaten die Vermutung, dieser mache sich nicht wirklich viel aus dem Weißen Haus. Und die "Washington Post" veröffentlichte einen Artikel, wonach Obama mit seinem trockenen Intellekt im obersten Bundesgericht wohl glücklicher wäre als im Oval Office.

Das Weiße Haus lehnt unter Obama Überraschungen ab. Er gibt nur wenige Pressekonferenzen, und die kommen dann oft hölzern daher. Nur wenig Spontanität und allzu Menschliches ist da zu finden, das den Präsidenten den Menschen im Land näher bringen könnte. Nur ausgewählte Journalisten werden eingeladen, sich die überlangen, einer strengen Ordnung unterliegenden Antworten Obamas anzuhören. Auch Interviews gibt es fast ausschließlich nach Skript. Immer wirkt Obama smart und gut vorbereitet - und unpersönlich. Sogar als er Ende vorigen Jahres die USA noch tiefer in den Afghanistan-Krieg führte, war der Aufruf blutleer.

"Wie geht der Präsident mit sensiblen Sicherheitsthemen um?", fragte ich einen seiner Mitarbeiter. Dieser lobte Obamas Intellekt und seine analytische Präzision in höchsten Tönen. Seltsam sei nur, dass er kaum jemals Fragen außerhalb der festgelegten Punkte stelle, wie zum Beispiel: "Warum machen wir das?"

Als jemand, der Obama Erfolg wünscht, hoffe ich auf den Herbst, denn im November wird sein Skript wohl in die Luft fliegen. Es sieht zumindest immer mehr nach so großen Verlusten seiner Demokraten im Senat und im Repräsentantenhaus aus, dass er sich in Zukunft ganz schön wird abstrampeln müssen.

Sollte Obama eine zweite Amtszeit anstreben, was in seinem Fall keineswegs klar ist, müsste er mit dem Wahlkampf schon 2011 beginnen. Auch das würde ihn verlässlich von seinem Skript wegbringen, wenn seine Berater nicht gerade auf die Dummheit bestehen, einen vorgefertigten, schablonenhaften Wahlkampf zu führen.

Werfen Sie Ihre Stichwortliste weg, Mr. Präsident! Und reden Sie geradeheraus!

Übersetzung: Redaktion Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post". Originalfassung