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Barbarei als Fiktion der Macht

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Die öffentlich zur Schau gestellte Brutalität der Terrorgruppe IS dient erinnert an vormoderne Strafethik: Sie dient einzig der Einschüchterung.


Über den "Islamischen Staat" (IS) zu berichten, bedeutet zwangsläufig, sich ihre Videos anschauen zu müssen. Das ist nichts, was ich irgendjemand wünsche. Der IS hat im Internet ein öffentliches Theater des Todes aufgebaut - enthaupten, ertränken, verbrennen, Knochen brechen. Diese extreme Brutalität soll schockieren und tut es auch. Die übertrieben gewaltvollen Bilder sollen die Feinde einschüchtern und den Nachwuchs motivieren.

Die dschihadistischen Ritter, als die sie sich selbst sehen, haben eine eigene Form moderner Kommunikationskriegsführung geschaffen. Aber solch öffentliches Zurschaustellen von Grausamkeit ist nicht wirklich neu. Die Aktionen des IS werden zuweilen als mittelalterlich beschrieben, weil sie an die öffentliche Folter, wie sie früher in Europa üblich war, erinnern. Neu ist nur, dass der IS die Gemetzel online stellt. Zu hören sind Koran-Zitate und arabischer Gesang, aber die Bilder beschwören eine Barbarei, die Religion und Kultur transzendiert.

Was sind die Wurzeln dieser entsetzlichen Aktionen? Philosophen und Anthropologen haben die Frage untersucht, um die menschliche Natur in ihrer rohesten und unzivilisiertesten Form beurteilen zu können. Elaine Scarry, Harvardprofessorin für Literatur, untersuchte in ihrem Buch "The Body in Pain" (1985) einen Prozess, den sie als "die Umwandlung realer Schmerzen in die Fiktion der Macht" beschreibt. Im Mittelalter war der Schauplatz dieser Machtvorführung üblicherweise ein großer Platz, der wie zu einem Theater umfunktioniert wurde. Der Sinn für Theatralik ist geblieben. "Es ist kein Zufall", schreibt Scarry, "dass in der Sprache der Folterer der Raum der Brutalität ‚Production Room‘ genannt wurde (auf den Philippinen), ,Cinema Room‘ (in Südvietnam) und ,Blaulichtbühne‘ (in Chile)".

Der französische Philosoph Michel Foucault sah das Ausmaß der Brutalität bei Strafen als Indikator der Entwicklung einer Gesellschaft. Grauenhafte öffentliche Hinrichtungen waren in Europa bis ins späte 18. Jahrhundert üblich. Langsame, besonders quälende Todesarten waren oft Teil des Spektakels. Die Guillotine wurde zur Zeit der Französischen Revolution als human eingestuft, als Maschine eines schnellen, diskreten Tods.

Foucault beschrieb 1975 in seinem Buch "Überwachen und Strafen" die vormoderne Strafethik, die heute der IS übernommen zu haben scheint: Die Menschen müssen von der Bestrafung nicht nur wissen, "sie müssen sie mit ihren eigenen Augen sehen, weil sie Angst vor ihr haben sollen, aber auch, weil sie zu Zeugen gemacht werden sollen". Die europäischen Gesellschaften wurden modern und zivilisiert, als an die Stelle dieser blutigen Rituale Strafgesetze traten mit Gefängnissen als Besserungsanstalten.

Mit einer unheimlichen Mischung von Modernem und Vormodernem hat der IS die alte Praxis der Folter als öffentliche Zurschaustellung wiederbelebt und ihr den Glanz eines Videospiels verliehen. Wer sich mit dem IS beschäftigt, sollte Audio und Video trennen. Kann sein, dass das, was man hört, auf die muslimische Tradition zurückgeht, aber die Bilder haben keine Religion und kein Fundament, außer als Beweis der menschlichen Fähigkeit, am Leid anderer Freude zu finden.

Übersetzung: Hilde Weiss