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Bären in Österreich: Da waren es nur noch zwei

Von Roland Knauer

Wissen

Hohe Sterblichkeit trotz ausgezeichneter Lebensbedingungen. | Wenn Bären spurlos verschwinden, sind meist Wilderer schuld. | Berlin. Weite Wälder, mit vielen Beeren und anderen Leckereien, aber wenig Menschen - so muss in den Augen eines Braunbären das Paradies oder zumindest das Schlaraffenland aussehen. Einige Bären haben dieses Wunderland, in dem Milch und vor allem aber Honig fließen, mitten in Europa gefunden.


Ungefähr hundert Kilometer südwestlich von Wien zieht sich vom Ötschergebiet bis fast nach Salzburg ein solcher Waldgürtel, in dem seit 1972 nicht nur wieder Bären leben, sondern sich auch kräftig vermehren. Und doch finden Wissenschafter im Sommer 2009 in diesem Gebiet, das leicht hundert Bären ernähren könnte, nur noch Spuren von zweien der zotteligen Raubtiere. Was ist mit den verschwundenen Bären geschehen, die zeitweise in dieser Region gelebt haben?

Um diese Frage zu beantworten, blättern Wildbiologen wie der Spezialist für Großraubtiere Felix Knauer von der Universität im badischen Freiburg ein paar Jahre zurück. Nachdem Jäger 1842 den letzten Braunbären in Österreich geschossen hatten, wanderte 1972 ein junges Bärenmännchen aus dem Grenzgebiet zwischen den heutigen Ländern Slowenien und Kroatien bis hundert Kilometer vor Wien, es suchte wohl eine neue Heimat.

Bärin als Spezialistinfür Rapsöl-Diebstahl

Dort hatte 1966 ein Jahrhundert-Föhnsturm in den nördlichen Kalkalpen in der Nähe des Ötscher 2500 Hektar Wald umgemäht. Sechs Jahre später standen die Himbeeren voll im Saft. Außerdem gab es in der Gegend viel Wald, kaum Menschen und viele Bienenstöcke. Diesem schmackhaften Angebot widerstand der Ötscherbär nicht. Tatzenspuren und einige demolierte Bienenhäuschen, aber auch der Mundraub des für den Bärengeschmack äußerst verlockenden Rapsöls für die Kettensägen aus den Depots der Waldarbeiter verrieten den Bären rasch.

Die Menschen aber lernten mit dem Spätheimkehrer zu leben: Elektrozäune unterbanden Mundraub aus Bienenhäusern, Rapsöl und Futter wurden außer Reichweite der Bärentatzen gelagert. Um die Vermehrung zu sichern, setzte die Naturschutzorganisation WWF seit 1989 zwei Bärinnen und einen männlichen Bären aus, bald gab es Nachwuchs. Die Spuren der großen Tiere tauchten häufiger auf, die Bären fühlten sich in ihrem Schlaraffenland zwischen Wien und Salzburg offensichtlich wohl.

1998 aber alarmierte Bärin Christl die Naturschützer, berichtet Felix Knauer. Sie hatte sich zur Spezialistin für Rapsöl-Diebstahl entwickelt, kein Kanister in ihrem Gebiet schien vor ihr sicher. Also fingen Naturschützer die Bärin ein, rüsteten sie mit zwei Radiosendern aus und ließen sie wieder frei. Ab sofort sollten Spezialisten nach jedem Rapsöl-Raub ausrücken, die Bärin orten und mit harmlosen Gummigeschossen erschrecken. Normalerweise wendet sich ein Bär dann verängstigt wieder Himbeeren und Apfelbäumen zu.

Die Bärin aber verschwand spurlos, ihre Radiosender meldeten sich nie mehr, und die Rapsölplünderungen endeten schlagartig. Christl war offenbar gewildert worden, und die Täter mussten die Radiosender vernichtet haben, um ihre Spuren zu verwischen.

Als Reaktion auf diese Wilderei startete der WWF eine Bären-Volkszählung mit genetischen Fingerabdrücken. Um Bären anzulocken, mischt der Wildbiologe Jörg Rauer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien Fischreste und Blut in einem Kanister, den er dann zwei Wochen in der Sonne stehen lässt. Die Mischung stinkt infernalisch, Braunbären aber zieht der Gestank wie magisch an, weil er normalerweise auf Aas und damit eine leichte Beute hinweist. Allerdings hat Jörg Rauer um den Kanister mit der stinkenden Masse einen Stacheldrahtzaun gezogen, der am Boden einen sechzig Zentimeter hohen Durchschlupf lässt. Da robbt ein ausgebuffter Braunbär natürlich ohne Probleme unten durch - und verliert dabei meist ein paar Haarbüschel, die am Stacheldraht hängen bleiben. Aus ihnen ermitteln Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums in Wien dann einen genetischen Fingerabdruck.

Bären mit genetischem Fingerabdruck zählen

Jörg Rauer sammelt seit dem Jahr 2000 Bärenhaare und Bärenkot, die sich nicht nur im Stacheldraht um die nach Aas stinkenden Kanister, sondern oft auch bei Rehfütterungen finden, an denen sich Bären ebenfalls gern bedienen. Mit den genetischen Fingerabdrücken identifizieren die Forscher in Wien die Bären und können feststellen, wie viele Tiere in der Region leben.

Die Ergebnisse sind niederschmetternd: 1999 verschwanden sieben Bären spurlos aus Österreich, 2001 und 2002 jeweils zwei, seit 2003 gab es keine Spur von der elffachen Bärenmutter Mona mehr, ein Jahr später waren drei weitere Bären weg. Auch 2007 tauchten zwei weitere Bären nicht mehr auf.

"Natürliche Ursachen kommen für einen solchen Schwund kaum in Frage", erklärt Felix Knauer: Aus jeder Population verschwinden Tiere, die von Lawinen verschüttet werden oder an Altersschwäche sterben. So wurde im Salzatal in der Steiermark im Jahr 2002 ein Bärenschädel gefunden, den Forscher des Naturhistorischen Museums Wien erst 2009 an Hand des Erbguts in den Knochen identifizieren konnten: Die Bärin Rosemarie war die Tochter der 2003 verschwundenen Mona und des Bären Djuro. Offensichtlich war sie in einer Lawine umgekommen und damit eines natürlichen Todes gestorben.

"Trotzdem liegt ein derart rasanter Schwund wie in Österreich weit außerhalb des normalen Bereiches", so Knauer: Zwischen Wien und Salzburg überlebt nicht einmal jeder zweite Bär sein zweites Lebensjahr, in Schweden werden 90 bis 95 Prozent der Jungbären zumindest zwei Jahre alt. Dabei sind in Österreich die Lebensbedingungen für Braunbären viel besser als in Schweden. "Mit einer Überlebensrate wie ihre Artgenossen in Schweden, sollten heute schon hundert Bären in Österreich leben", kalkuliert Knauer. Es sind aber nur noch zwei übrig: Der zwanzigjährige Djuro und sein acht Jahre alter Sohn Moritz.

Ausgestopfter Braunbär im Wohnzimmer

2007 führten Felix Knauer dann Gerüchte zur Witwe eines Jägers, in deren Wohnzimmer sich ein ausgestopfter Braunbär fand. Die genetischen Analysen identifizierten das Tier als die eineinhalbjährige Tochter der Bärin Cilka, die bereits 1994 verschwand. Von fast allen anderen in Österreich verschwundenen Bären aber fehlt noch immer jede Spur. Zwar deuten eine Reihe von Indizien auf Jäger als Ursache hin, aber mangels weiterer Spuren musste das Bundeskriminalamt in Österreich inzwischen die Ermittlungen gegen Unbekannt einstellen.

Ein Verdacht von Felix Knauer fällt auf das sogenannte "Kirren": So mancher Jäger unter den Bauern der Gegend legt einen Haufen Äpfel in idealer Schussentfernung von seinem Hochsitz aus, um damit Hirsche anzulocken. Da aber auch Bären Appetit auf Äpfel haben, kann es leicht passieren, dass die Hirsche von Meister Petz vertrieben werden. Der um seine Beute betrogene Jäger könnte dann leicht Abhilfe schaffen, der Bär steht ja ohnehin in der idealen Entfernung. Da Bären aber streng geschützt sind und ihr Abschuss Geldstrafen oder sogar Gefängnis nach sich zieht, verschwindet das tote Tier bald in einer Grube - und die Naturschützer vermissen wieder einen Bären.

EU sitzt ÖsterreichsBehörden im Nacken

"Ohnehin ist die Akzeptanz für Bären unter diesen Bauernjägern nicht sehr groß", erzählt Felix Knauer weiter. Als der WWF Jagd- und Bauernverbände in Niederösterreich und der Steiermark überzeugen wollte, einige Bärinnen im Gebiet auszusetzen, damit Djuro und Moritz eine neue Bärengeneration zeugen können, wurde ihr Vorschlag vehement abgelehnt. Jetzt sind wohl Österreichs Naturschutzbehörden am Zug, denen die Kommission der Europäischen Union im Nacken sitzt: Die EU hat den Bärenschutz mit mehr als einer Million Euro unterstützt und will nicht tatenlos zusehen, wie die Bären in der Alpenrepublik zum zweiten Mal aussterben.

Jetzt wäre es Zeit, mit den Jägern und Bauern deren Situation zu diskutieren und mit ihnen gemeinsam Lösungen für ihre Bärenprobleme zu finden. "Das ist sicherlich möglich", meint Knauer. Erst wenn auch die Jäger den Spätheimkehrer willkommen heißen, dürften die Bären nämlich eine Chance haben, nicht mehr aus ihrem Paradies vertrieben und abgeschossen zu werden.