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Barrikaden in Paris

Von Christian Hoffmann

Reflexionen
Straßenszene vom Mai 1968, Paris.
© Rey Jean Pierre/Gamma

Der Mai 1968 gilt als wichtige historische Markierung für
das zwanzigste Jahrhundert. Doch was ist damals eigentlich
geschehen? Ein Besuch bei dem Philosophen und Historiker
Friedrich Stadler, der sich an der Wiener Universität wissen-
schaftlich mit den Ereignissen vor 50 Jahren befasst hat.


Klirrend zerbricht ein Schaufenster. Man schreibt den 17. März 1968. In Nanterre, einem Vorort von Paris, demonstrieren Studenten gegen den Krieg in Vietnam. Die Polizei ist ausgerückt, es gibt Handgreiflichkeiten, irgendjemand wirft einen Stein gegen die Filiale von American Express, die dort die USA verkörpert. Das Glas bricht, Polizisten verhaften den Studenten Xavier Langlade, Jahrgang 1946, also damals 22 Jahre alt.

Friedrich Stadler, Professor an der Universität Wien, leitet das Institut Wiener Kreis sowie das Forum für Zeitgeschichte .
© Moritz Ziegler, Wiener Zeitung

Konnte irgendeiner der an der Szene Beteiligten ahnen, dass ausgehend von diesen Ereignissen Frankreich an den Rand eines politischen Umsturzes gelangen wird? Dass wenige Wochen später in Paris Barrikaden errichtet werden, Staatspräsident Charles de Gaulle das Land verlässt und es so aussieht, als wäre das Ende der französischen Fünften Republik gekommen?

"Die Ereignisse im März waren der Funke, der den Brand in Gang gesetzt hat", sagt Friedrich Stadler von der Universität Wien. Der Professor leitet das Institut Wiener Kreis sowie das Forum Zeitgeschichte der Universität Wien. Er befasst sich immer wieder mit den Ereignissen des Mai 1968.
Zu jener Zeit war die Stimmung aufgeladen und in der Generation, der der Student Langlade angehörte, "wuchs schon seit Jahren die Unzufriedenheit mit der Nachkriegsordnung".

Kann man die Rahmenbedingungen dieser Nachkriegsordnung benennen? – "Da war einmal die weltpolitische Situation", beginnt Stadler, "die den Rahmen für alle diese Ereignisse lieferte. Die neokolonialistische Außenpolitik der USA, die in Europa und Lateinamerika auf immer heftigeren Widerstand stieß. Auf der anderen Seite gab es eine zunehmende Unruhe auch im Osten, wie die Ungarnkrise oder die Ereignisse in der Tschechoslowakei 1968 zeigten. Die Ordnung des Kalten Kriegs wurde zunehmend in Frage gestellt."

Das Unbehagen

Aber es ging im Mai 1968 nicht nur um die weltpolitische Lage, um den Gedanken an einen Atomkrieg, der zu jener Zeit ständig präsent war. Ein großer Teil der Unzufriedenheit entstand auch durch den Alltag der Studierenden. "Die Strukturen an den Hochschulen waren verkrustet", fährt Stadler fort. "In Ländern wie Deutschland oder Österreich hatte außerdem nach 1945 der geistige Bruch mit der Vätergeneration nicht stattgefunden." Vor allem aber waren die Hochschulen auf die rasant wachsenden Studentenzahlen nicht vorbereitet. In Frankreich zum Beispiel, dem Land, in dem die Ereignisse in besonders scharfer Form eskalieren sollten, gab es im Jahr 1960 200.000 Studenten, 1968 waren es bereits 587.000. Dem gegenüber stand ein veraltetes System, an dessen Spitze Professoren mit absoluter Autorität thronten, die die Bewältigung des Alltags der Massenuniversität einer immer größer werdenden Zahl von Assistenten überließen, deren Position zwischen den Blöcken ebenfalls immer unbefriedigender wurde.

Charakteristisch für die Bewegung jener Jahre ist auch, dass die Unzufriedenen an den Hochschulen in der traditionellen Linken, Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaften, die noch vor dem Weltkrieg für die Anliegen der gesellschaftlich Benachteiligten standen, keine Ansprechpartner fanden und dass deswegen schon lange vor der Eskalation des Mai 1968 in Europa und den USA in Diskussionszirkeln eine Bewegung entstand, die unter dem Begriff "Neue Linke" zusammengefasst wurde und die die Ereignisse jenes Mai geistig vorbereiteten.

Eines der wichtigsten Signale dieser Entwicklung kam wenige Jahre vor den Unruhen in Nanterre aus den USA. Dort hatten sich im Juni des Jahr 1962 Studenten in Port Huron versammelt, einer kleinen Hafenstadt nördlich von Detroit. Organisiert hatte das Meeting der SDS (Students for a Democratic Society). In nächtelangen Debatten war damals eine Proklamation entstanden, die auf 75 Seiten den Geist jener Jahre zusammenfasst: "Wir sind Menschen dieser Generation, aufgewachsen in zumeist bescheidenem Komfort, zur Zeit untergebracht in Universitäten, erfüllt vom Unbehagen an der Welt, die einmal unsere sein wird", ein Unbehagen, das anschließend Punkt für Punkt benannt wird: Degradierung der schwarzen Bevölkerung in den USA, Todesgefahr durch einen Atomkrieg, neue Armut und Unterernährung in einem großen Teil der Welt dem wachsenden Überfluss der Industriegesellschaft zum Trotz.

Ungefähr zur selben Zeit erarbeitete übrigens in Deutschland der "Sozialistische Studentenbund", ebenfalls SDS abgekürzt, eine "Denkschrift", die sich vor allem mit der Hochschulbildung beschäftigt und sich gegen die Reduktion von Bildung auf Ausbildung wendet, gegen "die Verdinglichung des Wissens zum Stereotyp, zur bloßen Parole des know how", gegen die "Aufnahme fertig bearbeiteter Denkresultate" und die Reduktion des Studiums auf den Erwerb von "Berechtigungsscheinen".

Im Jahr 1967 kündigte sich das Gewitter, das sich im Pariser Mai entlud, schon deutlich an. In Berlin wurde am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration gegen den Deutschlandbesuch des Schahs von Persien der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Bei einer Trauerfeier in Hannover rief der Studentenführer Rudi Dutschke in die Menge, dass "die etablierten Regeln dieser unvernünftigen Demokratie nicht unsere Spielregeln sind" und skizzierte klar "die Idee einer agierenden Minderheit", eine Position, die schon damals den Soziologen Jürgen Habermas zur Warnung vor einem "linken Faschismus" veranlasste.

In den USA eskalierten indessen die Ereignisse: Am 21. Oktober 1967 zogen 100.000 Demonstranten durch Washington und forderten ein Ende des Kriegs in Vietnam. Nach der Kundgebung vor dem Lincoln-Denkmal zog schließlich ein Teil der Demonstranten weiter zum Pentagon, wo zahlreiche junge Männer in der einbrechenden Nacht in Lagerfeuern ihre Einberufungsbefehle verbrannten, eine verwegene Aktion, auf die mehrere Jahre Gefängnis standen.

Die Proteste der Studenten zeigten ihre Wirkung, und in den USA schien allmählich die öffentliche Meinung zu kippen. Als im Jänner 1968 die nordvietnamesischen Truppen zu einer Offensive antraten, ergaben Umfragen, dass nur noch 32 Prozent der US-Bürger den Krieg befürworteten. Die Aktionen, zu denen auch die Zwischenfälle von Nanterre in Paris gehörten, breiteten sich weltweit aus. Am 1. März gab es gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Studierenden und Polizei in Rom, in London lösten am 17. März berittene Einheiten der Polizei eine Demonstration am Grosvenor Square auf, ein Ereignis, das einer der Teilnehmer in einem Song aufarbeitete: Er hieß Mick Jagger, war 25 Jahre alt und bereits mit der Band Rolling Stones erfolgreich. Unter dem Eindruck der Ereignisse am Grosvenor Square entstand damals das Lied "Street Fighting Man".

Zur Vorgeschichte des Pariser Mai zählen auch noch die Ereignisse in den USA. Als am 4. April Martin Luther King, der Sprecher des Civil Rights Movements, von einem weißen Rassisten erschossen wurde, brachen in den USA in zahlreichen Städten Rassenunruhen aus. Bei einer Gedenkfeier am 23. April besetzen Studenten die Columbia-Universität in New York, um sich mit den Bewohnern des nahen Harlem zu solidarisieren. Barrikaden wurden errichtet, nach sieben Tagen räumte die Polizei den Campus, wonach an anderen Universitäten der USA weitere Unruhen ausbrachen.

Ein Land steht still

Wie sagt Friedrich Stadler? - "Die Ereignisse im März waren der Funke, der schließlich den Brand in Gang gesetzt hat". Zu dem erwähnten Brand kam es letztendlich in Frankreich, einem Land, in dem es bis dahin vergleichsweise ruhig zugegangen war. Dort war für 3. Mai an der Universität Sorbonne das Disziplinarverfahren gegen die Studenten von Nanterre angesetzt, unter ihnen der bereits erwähnte Xavier Langlade und ein gewisser Daniel Cohn-Bendit, der spätere Abgeordnete der Grünen. Da eine Protestkundgebung verboten worden war, besetzten Studenten Räume der Universität, die Polizei setzte Tränengas ein, 500 Demonstranten wurden verhaftet. Die Hochschulverwaltung ließ die Sorbonne schließen und die Studentenvertreter riefen zu einem landesweiten Hochschulstreik auf.

Nach einigen Tagen der Demonstrationen begannen die Studenten, inzwischen von einer immer größer werdenden Zahl von Arbeitslosen und Migranten unterstützt, im Quartier Latin Barrikaden zu errichten. Der Ort ist natürlich geschichtsträchtig. Seit der französischen Revolution war er immer wieder umkämpft gewesen, 1871 in den Tagen der Kommune oder 1944 bei der Befreiung von den deutschen Truppen.

In der Nacht auf den 11. Mai rückten schließlich Sondereinheiten der Polizei gegen die Barrikaden vor, es gab hunderte Verletzte und Festnahmen, worauf am Morgen des 11. Mai eine beispiellose Solidaritätswelle einsetzte, die nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa erfasste. Die Gewerkschaften riefen für den folgenden Montag, den 13. Mai, zu einem Generalstreik auf und in der darauf folgenden Woche schien ganz Frankreich zu streiken. Alles, was sich da über Jahre an Unmut gesammelt hatte, schien nun aufzubrechen. Arbeiter besetzen Fabriken, und sogar die Berufsfußballer besetzten die Zentrale des Fußballverbands. "Das halbe Land stand still", sagt Friedrich Stadler. Die Zahl der Streikenden wird auf 7,5 bis 9 Millionen geschätzt.

Die Regierung bemühte sich vergeblich, die Unruhen zu stoppen. Auch die Ankündigung von Lohnerhöhungen und einer Bildungsreform entschärfte die Lage nicht. Eineinhalb Wochen später, am Mittwoch, den 29. Mai, verließ Präsident Charles de Gaulle das Land und traf sich in Deutschland mit dem Oberkommandierenden der französischen Armee. In Paris wurden zu diesem Zeitpunkt Stimmen laut, die die Bildung einer "Volksregierung" vorschlugen, ein Vorschlag, der "an die Idee der ‚Volksfront‘ aus dem Jahr 1936 anzuknüpfen versuchte", sagt Stadler. Das Vorhaben scheiterte jedoch an der Uneinigkeit der Linksparteien, vor allem an der Ablehnung durch die kommunistische Partei, die sich von Anfang an gegen die Aktionen der Studenten und gegen die spontanen Streiks in den Fabriken gestellt hatte.

Mit einer Radioansprache am 29. Mai konnte schließlich Präsident De Gaulle nach zwei bewegten Wochen die Initiative wieder an sich ziehen. Er kündigte Neuwahlen für Juni an, und die Streikbewegung begann allmählich zu zerfallen. Aus dieser Wahl sollten die Gaullisten sogar gestärkt hervorgehen und danach das Land noch bis ins Jahr 1981 regieren. Die Revolution, von der immer wieder die Rede gewesen war, hatte nicht stattgefunden. Zumindest nicht im Sinn eines politischen Machtwechsels.

Trotzdem markiert der Pariser Mai einen Einschnitt in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Stadler: "Der Umbruch in der Gesellschaft, der bereits begonnen hatte, ist deutlich geworden. Die Friedensbewegung, die Frauenbewegung, die Pop-Kultur, zahlreiche juristische Reformen haben von diesen Ereignissen ihren Ausgangspunkt genommen." Auch in Österreich knüpften die Reformen der 70er Jahre an den Geist jener Revolte an. "Bundeskanzler Bruno Kreisky lehnte zwar spontane Aktionen ab, mit denen die rebellierenden Studenten für Aufmerksamkeit gesorgt hatten. Er versuchte aber immer, den Dialog aufrecht zu erhalten und hat davon für seine Politik profitiert."

In Österreich, einem Land, das von den Stürmen des Jahres 1968 kaum einen zarten Hauch verspürt hatte, folgten dennoch die Reformen der Siebzigerjahre, die das Land allmählich umgestalteten: Das Universitätsorganisationsgesetz aus dem Jahr 1975, die neuen Gesetze zur Abtreibung, die Bundesheerreform.
Die Studentenbewegung selbst zerfiel. "Sie ist auch von vielen stark überschätzt worden", sagt Stadler. "Selbst Cohn-Bendit sprach später von einer Aufbruchsbewegung mit originellen Akzenten, aber ohne klare Konzeption."

Doch mündete der Geist von 1968 nicht ausschließlich in Reformen der Industriegesellschaft, die längst fällig gewesen waren. Manche der Aktivisten verrannten sich bald in die Terrorszene, und viele Intellektuelle neigten dazu, Gewaltaktionen zu verherrlichen. "Ein charakteristisches Beispiel", sagt Stadler, "war der Besuch von Jean-Paul Sartre bei Andreas Baader in Stammheim". Das war sechs Jahre nach den Ereignissen von Nanterre, mit denen der Pariser Mai begonnen hatte. Der französische Philosoph fuhr im Jahr 1974 zu Andreas Baader ins Gefängnis, dem Kopf der Terrorgruppe "Rote Armee Fraktion" (RAF), der an mehreren Sprengstoffanschlägen und Brandstiftungen in Kaufhäusern beteiligt gewesen war und später wegen vierfachen Mordes verurteilt wurde.
Doch unabhängig von den Auswüchsen und Verirrungen, für die eine Terrorgruppe wie die RAF stand, wurde das Jahr 1968 "international zum Symbol für eine ganze Dekade zwischen Revolution und Rebellion", hält Stadler im Vorwort des Buches "Das Jahr 1968" fest. "Es war Zeichen für ein anderes und besseres Leben, für eine konkrete Utopie eines friedlichen Zusammenlebens als Kontrast zur Kriegsgeneration der Väter".

Zum Nachlesen
Ingrid Gilcher-Holtey: "Die 68er Bewegung:
Deutschland, Westeuropa, USA". Verlag C.H. Beck, München 2011, 136 Seiten.

Rathkolb, Oliver/Stadler, Friedrich (Hrsg.): Das Jahr 1968 – Ereignis, Symbol, Chiffre. Vienna University Press bei V&R unipress, 294 Seiten. Auch als PDF erhältlich.