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Bart, Bizeps und Brutalität als Markenzeichen

Von Ines Scholz

Politik

Massaker von Houla Teil einer blutigen Einschüchterungskampagne.


Damaskus. Sie feuern auf Demonstranten, erschießen Sicherheitskräfte, die sich weigern, Zivilisten zu töten, sie zünden Häuser von Regimegegnern an, vergewaltigen deren Frauen - und sie schrecken auch nicht davor zurück, Kinder und deren Mütter abzuschlachten, wie das Massaker in der syrischen Stadt Houla gezeigt hat. Berichte von Zeugen, die den Massenmord vor elf Tagen überlebt haben, lassen keinen Zweifel: Es war die gefürchtete Schabiha-Miliz.

Der paramilitärische Schlägertrupp ist stets dann zur Stelle, wenn sich der Sicherheitsapparat von Diktator Bashar al-Assad bei der Niederschlagung des Volksaufstandes nicht die Finger schmutzig machen will. Erst wenn die Armee mit der Bombardierung der Widerstandshochburgen durch ist, kommt ihre Terrormission. In Houla war es nicht anders. Nur noch brutaler als in Homs und den anderen Städten.

Der Schabiha - sie leitet sich vom arabischen Wort für "Geist" ab - gehören fast ausnahmslos Alawiten an; es ist die Minderheit, der auch der Assad-Clan entstammt und die die oberen Ränge des Macht- und Militärapparates besetzt. Kommandiert werden die straff organisierten Handlanger des Regimes von zwei Cousins des Präsidenten, gegen die die EU im Mai des Vorjahres ein Einreiseverbot verhängt hat: Fawas und Mundhir al-Assad. Die Anzahl der Mitglieder wird auf mehrere zehntausend geschätzt, doch so genau weiß das niemand. Aus ihrer Brutalität machen die Handlanger des Regimes hingegen kein Geheimnis.

Schon das Aussehen der Garanten des Schreckens ist furchteinflößend: große Bärte, viel Bizeps, kahlköpfig, meist in Schwarz gekleidet und in gepanzerten Luxus-Limousinen unterwegs. Dadurch sind sei leicht erkennbar. Wenn sie von den Rebellen der Freien Syrischen Armee gefangen genommen werden, machen diese denn auch kurzen Prozess mit ihnen, schilderte ein Deserteur, der anonym bleiben wollte, dem "Observer". Soldaten würden häufig wieder freigelassen, "die Milizionäre aber sofort erschossen".

Viele Syrer trauen sich dennoch nicht, das Wort Schabiha auch nur in den Mund zu nehmen.

Angst und Terror verbreiteten die Schabiha-Stoßtrupps immer schon. Ihre Wurzeln reichen in die 70er Jahre zurück. Ihre Spezialgebiete waren Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Waffenschmuggel und das Reinwaschen von Schwarzgeld. Vor allem in und um die Hafenstädte Latakia und Tartus trieben sie unter dem Schutz des Assad-Clans und den mit ihm verbrüderten Wirtschaftsbonzen ihr Unwesen. Über dem Gesetz standen sie schon damals. Als Bashar al-Assad im Jahr 2000 seinem Vater in den Präsidentenpalast folgte, versuchte er - allerdings mit mäßigem Erfolg, den Einfluss der Geisterbande einzudämmen. Die Gruppe wurde dem Staatsapparat irgendwann zu mächtig. Als im März 2011 die arabische Revolution Syrien erfasste und das Volk gegen ds Regime auf die Straße ging, griff Assad auf deren Dienste aber gerne wieder zurück - die "ausgelagerte" Einschüchterungskampagne erspart ihm, Rechenschaft ablegen zu müssen.

Nicht einmal "Monster" würden ein solch grausames Verbrechen begehen, sagte Assad am Sonntag in einer Rede vor dem Parlament über die Ermordung von 49 Kindern und 34 Frauen in Houla scheinheilig. Moskau schaut weg: Auf dem EU-Russland-Gipfel stellte sich Präsident Wladimir Putin erneut breitschultrig hinter seinen letzten Nahost-Verbündeten. UN-Sanktionen gegen Assad und sein Regime wird es demnach auch in absehbarer Zukunft keine geben. Dafür sorgt das Vetorecht der einstigen Supermacht im UNO-Sicherheitsrat.