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"Basiswappler" nerven mitunter Aber ohne sie gibt es keinen Wahlsieg

Von Walter Hämmerle

Analysen

Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Die aufgeregte Diskussion über den dahingesagten Spruch des Bundeskanzlers vom "üblichen Gesudere" der SPÖ-Funktionäre ist nicht ganz frei von einer gewissen Scheinheiligkeit: Schwer vorstellbar, dass Spitzenvertreter anderer Parteien im Stillen noch nie so gedacht haben, wie es SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer nun unvorsichtigerweise halblaut ausgesprochen hat.


Ehrenamtliche Funktionäre sind die Seele, ja quasi das Gesicht der Parteien für die Menschen von nebenan - und sie können die Nerven der eigenen Parteispitze mitunter gehörig strapazieren. Aber ohne das Engagement der vielbeschworenen Basis können weder SPÖ noch ÖVP Wahlen gewinnen. Und gegen die Basis geht schon gar nichts.

Diese Überzeugung war nicht immer Allgemeingut: In den 90er Jahren, der Hochblüte des politischen Yuppietums, waren die Strategen der Großparteien überzeugt, dass sich mit den eigenen verzopften Funktionären kein moderner Wahlkampf führen ließe. Das abschätzige Wort vom "Basiswappler" machte die Runde, wenngleich nur hinter vorgehaltener Hand. Es war dies die Zeit, als Jörg Haiders postmoderne FPÖ die etablierten "Alt-Parteien" das Fürchten lehrte.

Heute predigen die Spin-Doktoren längst wieder die Demut vor dem Parteivolk. Im Zeitalter der sozialen Atomisierung wurde der einzelne Funktionär als wertvolles Kommunikationsnetzwerk wiederentdeckt. Es war übrigens ausgerechnet der jetzt so vielgescholtene Gusenbauer, der als Oppositionschef eine monatelange strapazenreiche "Startklar-Tour" durch sämtliche Bezirke Österreichs unternahm, um sich die Sorgen der Menschen vor Ort anzuhören. Damals blickten die ÖVP-Bürgermeister neidisch auf ihre roten Kollegen und fragten halblaut, wo denn nur "ihr" Kanzler bliebe.

Grundsätzlich liegt jedem Verhältnis zwischen Parteispitze und Basis ein nicht aufzulösendes Spannungselement zugrunde. Verantwortlich dafür sind die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen drei Jahrzehnte. Wer sich politisch engagiert, gehört einer untypischen Minderheit im Land an. Botschaften, die hier auf euphorischen Applaus stoßen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit österreichweit nicht mehrheitsfähig. Ein Parteiführer in Geiselhaft seiner eigenen Funktionäre läuft deshalb Gefahr, die Mehrheit der Wähler zu verlieren. Wähler und Parteibasis unter einen Hut zu bringen, gleicht einem ständigen Hochseilakt.

Wer an diesem politischen Kunststück scheitert, droht auf die eigene Stammwählerschaft reduziert zu werden. Eigentlich ein Albtraum, müsste man meinen, vor allem aus Sicht der Landesfürsten. Gerade die sind es aber, die den Frust der roten Basis mit der Bundespolitik noch weiter befeuern und den eigenen Kanzler ins Visier nehmen. Die Strategie dahinter bleibt ein Rätsel. Seite 5