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Basra brennt - Aufstand der Jungen im Irak

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Seit Monaten toben im Süden des Irak heftige Demonstrationen gegen die politische Elite des Landes.


Basra. Emad kann sich nur jeden zweiten Tag waschen. Dann gießt er eine Flasche Trinkwasser über seinen Körper und benutzt etwas Shampoo, um die roten Flecken auf Brust und Armen einzureiben. Zehn bis 15 Dollar gibt seine Familie täglich für Wasserflaschen aus. Wer das nicht macht, bekommt Diarrhö, Allergien und Hautabszesse. Doch viele können sich den Luxus des sauberen Wassers nicht leisten, und das Wasser aus dem Hahn ist verseucht.

Basra erlebt die schlimmste Trinkwasserkrise seit Gedenken. "Hältst du ein Streichholz an den Wasserhahn, bekommst du eine Stichflamme", sagt Emad ironisch, um auf den Phosphorgehalt im Wasser aufmerksam zu machen. Quecksilber soll darin auch reichlich enthalten sein - und vor allem Salz. Wie eine Epidemie wurden die Menschen in der südirakischen Stadt von dem kontaminierten Wasser getroffen, 6000 sollen in den Krankenhäusern derzeit behandelt werden. Die UNO warnt vor Cholera.

"Wasser, Arbeit, Strom!"

Er ist einer der Ersten, die in Basra auf die Straßen gingen. Hussam ist 23 Jahre alt, trägt Jeans mit Löchern, wie sie junge Leute im Westen zuhauf tragen, raucht und sieht sehr übernächtigt aus. Seit Juli ist er mehr oder minder täglich unterwegs, um zu protestieren. Da die Metropole ganz im Süden Iraks noch immer Temperaturen von weit über 40 Grad Celsius aufweist, finden die Demonstrationen zumeist nach Einbruch der Dunkelheit statt. Dann treffen sich tausende junge Leute an unterschiedlichen Plätzen der Stadt und schreien ihre Forderungen heraus: "Wir wollen sauberes Wasser, wir wollen Arbeit und genügend Strom, Schluss mit dem korrupten Regime, Iran barra, barra (raus, raus)!" Die Proteste haben sich mittlerweile auf den gesamten Süden des Landes ausgeweitet. Auch in Bagdad ist die Welle inzwischen angekommen. Doch Basra bleibt die Hochburg, weil es hier besonders schlimm ist.

Basra ist derzeit in aller Munde im Irak. Teilweise mit Bewunderung, was dort geschieht, aber auch mit Abscheu und Angst. Es sind vornehmlich junge Männer wie Hussam und nur wenige Frauen, geschätzt 100 bis 200, die auf die Straße gehen und demonstrieren gegen das kontaminierte Wasser, gegen unzureichende Stromversorgung, gegen Korruption und Perspektivlosigkeit für die Jugend. Denn die Mehrheit der 33 Millionen Iraker ist unter 25 Jahre alt. Doch sie haben keine Chance in einem Land, das wie kein anderes durch Kriege, Embargo und Terror heimgesucht wurde. Die Alten sitzen an den Hebeln der Macht, an den Fleischtöpfen.

Sie wurden von den Amerikanern 2003 nach dem Sturz Saddam Husseins aus dem Exil geholt, in politische Positionen gebracht und sitzen dort auch nach 15 Jahren noch. Oder aber sie kamen aus dem Exil im Iran, Schiiten, die von Saddam verfolgt wurden, und setzten sich besonders im Süden des Irak fest, wo die Schiiten die Mehrheit der Einwohner stellen.

Armes reiches Basra. Seit dem Blitzkrieg der Terrormiliz 2014, als der IS weite Teile im Norden Iraks unter seine Kontrolle brachte und Mossul zur Hauptstadt des grenzüberschreitenden Kalifats auf irakischer Seite wurde, wuchs die Einwohnerzahl Basras unaufhörlich.

Iran stellt Lieferungen ein

Basra ist jetzt mit fast drei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Iraks. Weitgehend verschont von Terror und Gewalt, galt sie als sicherer Hafen für viele Binnenflüchtlinge. Fast eine Million neuer Einwohner sind in den letzten Jahren dazugekommen. Doch die Infrastruktur wuchs nicht mit, im Gegenteil. Die Stromversorgung hielt dem Zuwachs nicht stand, Energie wurde aus Iran importiert. Im Juni stellte Teheran die Lieferungen ein, nachdem die Rechnungen nicht bezahlt wurden. Basra blieb weiterhin vernachlässigt, wie schon zu Zeiten Saddam Husseins, als dieser sich an den aufständischen Schiiten rächte und die Stadt völlig vergammeln ließ. Nur sind es heutzutage die schiitischen Machthaber in Bagdad und Basra selbst, die nichts für die Stadt tun.

In den 15 Jahren seit dem Sturz des Diktators sind gerade einmal zwei Brücken über den Shatt al-Arab - dem Zusammenfluss von Euphrat und Tigris - und ein Krankenhaus gebaut worden. Abwasserseen verbreiten nach wie vor einen erbärmlichen Gestank, wenn man von Bagdad kommend in die Stadt einfährt, Müll türmt sich zu Bergen in den Stadtvierteln auf und die Straßen haben Schlaglöcher wie eh und je. Gleichwohl ist Basra die reichste Stadt Iraks. Über zwei Millionen Fass Öl werden täglich von den Feldern um die Stadt herum gepumpt. Basra ernährt das ganze Land. Über 90 Prozent des irakischen Haushalts stammen aus Ölverkäufen.

Weltmeister der Korruption

"Ungefähr die Hälfte der Protestbewegung sind Mitglieder der Hashid-Milizen", sagt Hussam, der für die Menschenrechtsorganisation Larsa und auch für Amnesty International arbeitet und schon 2015 an den Protesten beteiligt war, als schon einmal für mehr Strom demonstriert wurde. "Die haben gegen Daesh gekämpft. Viele sind dabei getötet worden." Basra schickte die meisten Milizionäre der sogenannten Hashd al-Shabi, der Volksmobilisierungsfront, in den Krieg gegen die Dschihadisten, nachdem tausende Soldaten der irakischen Armee desertiert waren und der IS immer weitere Landstriche Iraks unter seine Kontrolle brachte.

Als sie nach dem Ende des Kalifats im Dezember 2017 nach Hause zurückkamen, stellten sie fest, dass ihre Politiker sich die Taschen voll Geld gestopft hatten, das eigentlich dem Volk gehörte, anstatt die Lebenssituation der Menschen zu verbessern. Transparency International listet den Irak auf Platz 169 von 180 auf einer nach oben offenen Skala der korruptesten Länder weltweit. Die Wut darüber bricht sich nun Bahn auf der Straße. Es ist ein Aufstand der Jungen gegen die alte politische Elite.

In Basra zerstören sie gerade, was sie zerstört. Das Gebäude des Provinzrates geht in Flammen auf, ebenso der Gouverneurspalast und der staatliche TV-Sender Iraqia, der kaum über die Proteste berichtet und damit der Verharmlosung der Regierung in Bagdad Vorschub leistet.

Solidaritätsbekundungen

Doch als das iranische Generalkonsultat ebenfalls Feuer fängt und auch die amerikanische Vertretung gestürmt werden soll, sind die Unruhen nicht mehr zu verheimlichen. Jetzt reden alle von der Misere in Basra. "Wir haben jetzt nicht nur die Regierung in Bagdad gegen uns, sondern auch den Iran", sagt Hussams Freund Ibrahim, der ebenfalls für eine Menschenrechtsorganisation arbeitet, die sich Al Firdous nennt. "Sie werden uns töten", befürchtet er.

Doch die Protestierer bekommen nicht nur Kritik und Drohungen. Aus dem ganzen Land gibt es Solidaritätsbekundungen. "Wir bewundern euch", heißt es in den sozialen Medien immer wieder, "macht weiter so." Auch aus dem sunnitischen Norden Iraks gibt es zustimmende Kommentare für die schiitischen Protestierer. Ihr Anliegen scheint junge Sunniten und Schiiten zu einen.

Während die Demonstrationen 2013 die sich benachteiligt fühlenden Sunniten gegen die schiitische Regierung in Bagdad auf die Straße trieb und den IS begünstigten, demonstrieren heute Schiiten gegen ihre schiitische politische Elite. Von einem Religionskonflikt kann also keine Rede mehr sein.

In Basra brennen nicht nur Regierungsgebäude, sondern auch Zentralen von schiitischen politischen Parteien, wie Premier Haidar al-Abadis Dawa-Partei, und Büros von Schiitenmilizen wie der Badr-Organisation, die von Iran unterstützt wird. Auffallend ist, dass keine Milizionäre des schiitischen Predigers Moktada al-Sadr auf den Straßen Basras zu sehen sind, die ansonsten große Teile der Stadt kontrollieren. Ihr Hauptquartier bleibt denn auch als einziges von Brandstiftung verschont.

Inzwischen hat der Iran die Stromlieferungen wieder aufgenommen, und Basra bekommt nun etwa 16 Stunden Energie am Tag. Moktada al-Sadr, dessen Bürgerbündnis Sa’irun die Parlamentswahlen im Mai gewann, hat einen Kompromiss mit den Demonstranten in Basra ausgehandelt. 45 Tage sollten sie der Regierung und den politisch Verantwortlichen Zeit geben, um ihre Forderungen zu erfüllen "Wenn nichts geschieht, machen wir weiter", sind sich Hussam und Ibrahim sicher. "Wir lassen jetzt nicht mehr locker."