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Bat'a-Schuhe: Bauen und überwachen

Von Nina Schedlmayer, Brünn

Politik

Die Erfolgsstory der Schuhfirma Bat'a begann mit einer kleinen Manufaktur - gegründet von einem Teenager. Später wusste man moderne Architektur gewieft mit Überwachungs- und Marketingstrategien in Einklang zu bringen. Konzernmitarbeiter sollten sich jedenfalls keinen Moment unbeobachtet fühlen.


Als die Schuhfirma Bat'a 1935 Le Corbusier zu einer Zusammenarbeit einlud kamen der Firmenmanager und der Halbbruder des wenige Jahre zuvor verstorbenen Firmengründers Tomás Bat'a mit dem französischen Stararchitekten einfach auf keinen grünen Zweig. Von den Haus- und Hofarchitekten Vladimír Karfík und Frantisek Gahura vermittelt, hatte Le Corbusier sehr abweichende Vorstellungen von Fassadengestaltung, Wohnformen und Stadtplanung: diese passten ganz und gar nicht in die Ideologie des expandierenden Schuhimperiums, dessen Geschichte etwa 40 Jahre zuvor im damals noch kleinen Ort Zlín begonnen hatte.

Bereits im zarten Alter von 18 Jahren gründete Tomás Bat'a Ende des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit seinen Geschwistern Antonin und Anna eine Firma, die Schuhe produzierte - damals noch in Handarbeit. Nach einem Aufenthalt in den USA, wo er in Massachusetts im damaligen Zentrum der Schuhproduktion die maschinelle Produktion unter die Lupe nahm, stellte der Senkrechtstarter seinen eigenen Betrieb ebenfalls auf Maschinen um. Außerdem errichtete er im mährischen Zlín ein neues Fabriksgebäude, das Grundstein für die Errichtung einer ganzen Stadt war, deren Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahrzehnte von 2800 auf 40 000 anwuchs.

Die Firmengeschichte, die Bat'a heute auf ihrer offiziellen Homepage publiziert, beschönigt vieles und verschweigt einiges. So etwa, dass vor allem der Erste Weltkrieg zum rasanten Aufstieg beigetragen hat: Tomás Bat'a wurde Kriegslieferant der k. u. k.-Armee und ließ bis zu 10. 000 Paar Schuhe täglich produzieren. Später verstand er es, mit geschickter Taktik, die Wirtschaftskrise zu umschiffen. Vor einer Ausbeutung der Arbeiter schreckte er dabei nicht immer zurück.

Im goldenen Käfig

Für Architektur interessierte sich Tomás Bat'a nicht von Anfang an. Erst, als er 1911 im Zuge des Baus seiner Villa über seine Frau den Architekten Jan Kotera kennenlernte, konnte letzterer sein Vertrauen gewinnen, sodass ihn der Bauherr mit einem Entwurf für die Stadtplanung von Zlín beauftragte und einen Teil sogar realisieren ließ. Nach Koteras Tod 1923 wurden Josef Gocár und Frantisek Gahura in punkto Architektur die Vertrauten des Schuhmagnaten und begannen, eine Industriestadt zu bauen, die für ihre Bewohner, die Arbeiter, alles zu bieten hatte, diese gleichzeitig aber beinahe wie eine Enklave isolierte. "Kollektiv arbeiten und individuell wohnen", so war Bat'as Slogan für die von ihm erwünschte Lebensweise seiner Arbeiter - was sich im Bau von Einfamilienhäusern statt Wohnungen ausdrückte. Daneben entstanden auch Hotels, Kinos, Kaufhäuser und natürlich die Industriebauten - und alles in funktionalistischen Corporate Design: Eisenbetonskelette mit Füllmauerwerk entwickelten eine eigene Ästhetik, alles war auf Modulen von 6,15 mal 6,15 Metern aufgebaut - eine Bauweise, die Bat'a selbst aus den USA mitgebracht hatte.

"Gott Bat'as" Allgegenwart

Nachdem der Konzern immer weiter expandierte, mussten Geschäftslokale - zunächst in der Tschechoslowakei, dann auch im Ausland gebaut werden. Dafür holte sich Bat'a 1930 unter anderem Vladimir Karfík, der bereits bei Le Corbusier und Frank Lloyd Wright Erfahrungen gesammelt hatte. Er errichtete Anfang der 30er-Jahre neben Geschäftshäusern auch das Verwaltungsgebäude der Firma, als bereits Jan Bat'a der Firmenchef war. Dieser kam auf die heute etwas seltsam erscheinende Idee, sein Büro in dem 16-geschossigen Gebäude als Aufzug konstruieren zu lassen. "Wie ein Deus ex machina pflegte er zu erscheinen", schreibt der Architekturkritiker und -historiker Jan Tabor, "Die Büroangestellten, die in den Großbüros saßen, wussten nicht, wann der "Séf" in welchem Stockwerk anzuhalten gedachte. Das muss man sich vorstellen: Plötzlich gehen die Nirosta-Türen des Aufzugs auf, und der Séf (auf bat'aisch: Gott) ist da samt seinem Schreibtisch und dem Teppich davor." Moderne Architektur verbündete sich so mit ausgefeilten Überwachungsstrategien.

Das Erfolgsrezept der Firma, war, so scheint es heute, Zuckerbrot und Peitsche. Und dazu passt auch, dass an den Fabriksmauern in Zlín, permanent für jeden als Mahnung sichtbar, Schriftzüge Direktiven ausgaben. Eine der wichtigsten dabei war : "Handeln wir immer so, als ob uns alle sehen würden."