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Bauen auf der grünen Wiese

Von Reinhard Seiß

Reflexionen

Nach einer Phase der Stagnation erfahren Europas Städte wieder ein spürbares Wachstum - was neue Stadterweiterungen erforderlich macht. Die Fehler vergangener Jahrzehnte sollten dabei aber vermieden werden.


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So gut wie jede größere Stadt hat sie: die öden Schlafstädte in den Außenbereichen, die den zu Tausenden hier Wohnenden - abgesehen von einer Minimalausstattung an sozialen Einrichtungen und einem Supermarkt - kaum etwas zu bieten haben. Auch heute noch wachsen unsere Städte an ihrer Peripherie in Gestalt monofunktionaler Wohn-, Büro- oder Gewerbegebiete, die die Bezeichnung "Stadt"-Erweiterung im Grunde nicht verdienen.

"New Towns"

Bereits in den 1950er und 60er Jahren gab es alternative Ansätze, um des Wachstums der großen Ballungsräume, allen voran der britischen und französischen Hauptstadtregionen, Herr zu werden - allerdings weniger veranlasst durch die urbanistisch unbefriedigende Situation in den Vorstädten, denn aus Sorge, die Zentren könnten dem tagtäglichen Zustrom von immer mehr Bürgern irgendwann nicht mehr gewachsen sein, aus Angst, die radialen Verkehrswege in die Innenstädte würden heillos überlastet.

So entstanden - bewusst in größerem Abstand zu London oder Paris - sogenannte new towns wie Milton Keynes (70 Kilometer nördlich von London, mit etwa 200.000 Einwohnern) beziehungsweise villes nouvelles wie Marne-la-Vallée (20 Kilometer östlich von Paris, mit rund 300.000 Einwohnern) als autonome Städte mit eigener Verwaltung, hochrangigen Bildungseinrichtungen und einem entsprechendem Freizeit-, Kultur- und Handelsangebot.

Aktuelle Planungskonzepte rücken die neuen Stadtkörper im Bemühen um deren funktionale Eigenständigkeit nicht mehr von den Ballungsräumen ab, sondern nutzen den Kontext mit den gewachsenen Zentren und die Nähe zur dort vorhandenen hochrangigen Infrastruktur. Doch ist es auch heute wieder das Ziel, das Wachstum der Metropolen in voll funktionsfähigen Neu-Städten zu bündeln.

Spät aber doch wagt sich auch Wien an dieses Experiment einer neu geplanten und gebauten "Stadt in der Stadt". Auf dem 240 Hektar großen Areal des ehemaligen Flugfelds Aspern im 22. Bezirk sollen entsprechend dem Masterplan von 2006 dereinst 20.000 Bewohner, 25.000 Büro- und Gewerbearbeitsplätze sowie hochrangige Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen Platz finden - und nicht nur das: Nach den städtebaulich höchst beliebig erfolgten Stadterweiterungen der letzten Jahrzehnte, insbesondere jenseits der Donau, sind die Visionen für die künftige "Seestadt Aspern" auch urbanistisch von hehren Zielen getragen: Entstehen soll ein zukunftsweisender autarker Stadtteil mit Strahlkraft bis nach Bratislava - funktional durchmischt, mit vitalen Erdgeschoßzonen und lebenswerten öffentlichen Räumen (siehe dazu den Artikel auf Seite 3).

Standortprobleme

Allein, das bisherige Interesse von attraktiven Unternehmen aber auch von Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen, sich am Nordostrand der Stadt anzusiedeln, könnte kaum geringer sein. Und selbst unter Wiens geförderten Wohnbauträgern hält sich die Begeisterung, das Flugfeld zu urbanisieren, bis dato in Grenzen. Eine neue Stadt in der Stadt braucht eben nicht nur ausreichend Platz, damit jeder, der dort hin will, auch hin kann, sondern auch einen Standort, den überhaupt irgendjemand will.

Schwerer noch als die Lage Asperns wiegt aber wohl, dass es in Wien, dessen Entwicklungsdynamik nach wie vor überschaubar ist, eine Vielzahl alternativer und meist auch attraktiverer Stadtentwicklungsgebiete gibt: vom ehemaligen Nord- und Nordwestbahnhof sowie der Entwicklungsachse Prater-Messe-Stadion-Krieau über die Erdberger Mais, die Aspang-Gründe und das Arsenal bis hin zu den Flächen am künftigen Hauptbahnhof. Und als ob das nicht genug wäre, hatte das Rathaus - quasi zeitgleich mit dem Flugfeld Aspern - auch noch 170 Hektar Ackerland in Roth-neusiedl zum strategischen Zielgebiet erhoben.

Anstatt sämtliche Planungsleistungen und Infrastrukturinvestitionen, aber auch Aufmerksamkeit und Interesse von Bauwirtschaft, Unternehmensgründern, Handelsketten und nicht zuletzt der Bevölkerung auf ein einziges großes Gebiet zu konzentrieren und dort die erwünschte Vielfalt und Dichte an Funktionen - und somit "Stadt" - zu generieren, sorgte die Planungspolitik in den vergangenen Jahren für unnötige und kontraproduktive Konkurrenz unter mehreren Entwicklungsgebieten, so dass keines der mittlerweile in Bau befindlichen Projekte aus heutiger Sicht wirklich urbanen Charakter entfalten wird.

Ein Stadtteil entsteht

Dabei bestünde europaweit eine Vielzahl an best practices, wie großmaßstäbliche Stadterweiterungen heutzutage geplant und umgesetzt werden können. An vorderer Stelle zu nennen ist hier mit Sicherheit Kopenhagen, das seine Expansion bereits seit 1992 mehr oder weniger exklusiv auf den neuen Stadtteil Ørestad im Süden der dänischen Hauptstadt konzentriert. Das 310 Hektar große Gebiet soll in rund 20 Jahren 20.000 Bewohner, 20.000 Schüler und Studenten und rund 60.000 Beschäftigte zählen. Seine Entwicklung obliegt der halb kommunalen, halb staatlichen Ørestad-Gesellschaft, die die Grundstücke an Investoren verkauft und mit den Erlösen den Bau der Infrastruktur finanziert beziehungsweise refinanziert: Erstmalig in Dänemark wurden hier die kompletten Verkehrsanlagen noch vor Beginn der Bebauung errichtet - so auch die Metro, die den Stadtteil an das Zentrum von Kopenhagen anbindet.

Zudem ist das Gelände via Eisenbahn und Autobahn auch mit der rund 30 Kilometer entfernten schwedischen Partnerstadt Malmö vernetzt, mit der Kopenhagen seit Eröffnung der Øresund-Brücke im Jahr 2000 auf vielfältige Weise kooperiert. Dies wäre eine weitere Analogie zu Wien - zumal Aspern nicht nur via U2 mit der Innenstadt verbunden wird, sondern auch als "Tor" nach Bratislava fungieren soll. Letzteres bedarf allerdings noch gewaltiger Anstrengungen, betrachtet man die nach wie vor eingleisige, noch nicht einmal elektrifizierte Schienenverbindung in die slowakische Hauptstadt.

Das niederländische Pendant zu Ørestad heißt Ijburg. Auf sieben künstlich geschaffenen Inseln im Ijsselmeer entsteht im Osten Amsterdams seit 1999 sukzessive ein neuer Stadtteil, dessen Besiedlung seit 2003 im Laufen ist. Nach Fertigstellung sollen 50.000 Menschen in Ijburg, das auch eine eigene Innenstadt erhalten wird, wohnen und arbeiten. Trotz der Bodenknappheit in Holland wurde hier von innerstädtischen Bebauungsdichten Abstand genommen und einem großzügigen Städtebau mit attraktiven Straßen- und Grünräumen Platz gegeben. Insbesondere die Kanäle, die Ijburg durchziehen, ermöglichen eine typisch Amsterdamer Stadtstruktur mit hoher Wohnumfeldqualität. In den bisher realisierten Vierteln ist die Belebung der Erdgeschoßzonen durch Handel, Dienstleitungen, Büros, Ateliers und kulturelle Nutzungen in vorbildlicher Manier gelungen - ebenso wie die kleinräumige Durchmischung von luxuriösen Wohnbauten und sozialem Wohnungsbau.

Der wirtschaftlich enorm dynamische Großraum London mit seinen 13 Millionen Einwohnern setzt seit Jahrzehnten Maßstäbe für großflächige Stadtentwicklungsprojekte - beginnend mit der Transformation der Docklands zu Wohn- und Geschäftsvierteln ab Anfang der 1980er Jahre bis hin zu Planungen in Hinblick auf die Olympischen Spiele 2012. Aus der Vielzahl aktueller Großprojekte, die in Großbritannien traditionellerweise stark von privaten Investoren getragen werden, ragen drei Entwicklungsgebiete heraus: Das Thames Gateway ist mit geplanten 1,1 Millionen Wohnungen das größte Entwicklungsgebiet Europas. Mit Stratford City entsteht ein neuer Stadtteil im Osten Londons - mit dem Olympischen Dorf, dem Eurostar Bahnhof und einem großen Büro- und Einkaufszentrum. Und auf der Greenwich Peninsula schließlich erprobt London zukunftsweisenden Städtebau mit nachhaltigen Wohnformen.

Kulturangebote

Am Ostrand von Paris, unweit der Bibliotheque Nationale de France, liegt das Entwicklungsgebiet Rive Gauche, das linksseitige Seine-Ufer also, das bis vor kurzem noch von alten Industrie- und Gewerbebetrieben sowie von den Gleisflächen der Gare d’Austerlitz geprägt war. In den letzten Jahren wurde dieses 130 Hektar große Areal - im 12 Millionen-Einwohner-Ballungsraum der französischen Hauptstadt kein sonderlich großes Entwicklungsgebiet - mit Wohnungen, Büros, Kulturinstitutionen, einer Universität und anderen öffentlichen Einrichtungen bebaut beziehungsweise auf knapp zehn Hektar mit Grünanlagen neu gestaltet. Projektträger ist - wie in Frankreich nicht unüblich - eine halböffentliche Entwicklungsgesellschaft, die SEMAPA (Société d’Economie Mixte d’Aménagement de Paris).

Wie auch in anderen bedeutenden Stadtentwicklungsgebieten wurde Rive Gauche am Beginn seiner Umstrukturierung als ZAC (Zone d’aménagement concerté), also als städtebauliche Sonderentwicklungszone ausgewiesen. Dadurch setzte die öffentliche Hand bewusst die herkömmlichen planerischen und rechtlichen Rahmenbedingungen außer Kraft, um ihre städtebaulichen Ziele besser umsetzen zu können.

In der Großstadtregion Grand Lyon ist man derzeit dabei, das zum Teil aufgelassene Bahnhofsgelände Perrache sowie die daran angrenzenden alten Industrie- und Gewerbeflächen in einen neuen Stadtteil umzuwandeln: Lyon-Confluence. Die halböffentliche Entwicklungsgesellschaft ist bestrebt, auf dem 150 Hektar großen Areal am Rande des dicht bebauten Stadtgebiets eine urbane Struktur mit Wohnungen, Büros und öffentlichen Einrichtungen zu realisieren. Damit der Standort nicht bloß als klassisches Stadterweiterungsgebiet fungiert, sondern auch gesamtstädtische Relevanz erhält, werden Institutionen wie das Hôtel de Région, das neue Regierungsgebäude für die Region Rhône-Alpes von Christian de Portzamparc, hier angesiedelt.

Nachhaltigkeit

Die boomende Handelsmetropole Hamburg fasst noch vor Abschluss des europaweit beachteten zentrumsnahen Projekts HafenCity bereits das nächste - und in seiner Maßstäblichkeit ungleich größere - Stadterweiterungsprojekt ins Auge: die nachhaltige und qualitätvolle Entwicklung der Elbinseln südlich des Zentrums. Mehrere Hundert Hektar sollen dort in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten nach unterschiedlichen Themen neu- oder umgenutzt werden, wobei die Internationale Bauausstellung IBA 2013 sowie eine Internationalen Gartenschau sowohl städtebauliche Qualität als auch internationale Aufmerksamkeit für das ehrgeizige Unterfangen generieren sollen.

Parallelen zu Wien-Aspern bestehen unter anderem in der peripheren Lage vieler der insgesamt 20 Elb-Standorte, wo es eines Übergangs zwischen neuem Wohnen und Arbeiten einerseits und der bestehenden Siedlungs- und Kulturlandschaft andererseits bedarf - aber auch der Abschirmung der Funktionen Wohnen und Erholung vor dem Lärm nahe gelegener Autobahnen.

Kurz vor seiner Fertigstellung steht der jüngste Stadtteil Münchens: die Messestadt Riem auf dem 1992 aufgelassenen Flugfeld Riem, acht Kilometer östlich der Innenstadt. Seit Mitte der 1990er-Jahre nimmt der multifunktionale und in seiner Versorgung eigenständige Standort Gestalt an: durch differenzierte Wohnformen für am Ende 16.000 Menschen, durch Büros und Gewerbebetriebe mit rund 13.000 Arbeitsplätzen, mit weitläufigen Erholungsflächen und eben auch einem modernen Messebetrieb - der dem Neubauviertel bereits ab 1998 stadtweite Bedeutung verlieh. Das 560 Hektar große Stadterweiterungsgebiet fungiert dabei seit Anbeginn auch als Experimentierfeld für Innovationen, seien es die ersten Passiv- und Nullenergie-Mehrfamilienhäuser Münchens, seien es die stadtweit ersten Projekte für autofreies Wohnen. Im Vordergrund stand allerdings die intensive Verzahnung von Stadt und Landschaft - etwa in Form eines 200 Hektar großen Landschaftsparks, der als Standort der Bundesgartenschau 2005 deutschlandweit Aufmerksamkeit für München-Riem erzeugte.

Auch das Projekt der Messestadt, das 2006 den Deutschen Städtebaupreis erhielt, böte in mehrfacher Hinsicht interessante Erfahrungswerte für Wiens größtes Stadterweiterungsprojekt: von den erprobten Public Private Partnership-Modellen über die Handhabung der Grundstückstransaktionen bis hin zur (auch nach Riem wurde die U-Bahn verlängert) hier praktizierten Form der Infrastrukturfinanzierung.

Eine international beachtete best practice in Sachen urbaner Stadterweiterung gelang der baden-württembergischen Stadt Tübingen. Auf einem aufgelassenen Kasernengelände bot sich ab 1991 die Chance, den strukturschwachen Süden der Stadt durch neue städtebauliche Akzente anzureichern und aufzuwerten. Neben Raum für 2000 neue Arbeitsplätze sowie für kulturelle und soziale Einrichtungen sollten insbesondere 3000 Wohnungen entstehen - wobei es als Ziel galt, keine Siedlungen sondern städtische Strukturen zu schaffen: durchmischt, kleinteilig und lebendig.

Die bisherigen Ergebnisse sind in hohem Maß überzeugend: Das unmittelbare Neben- oder vielmehr Übereinander von Arbeiten und Wohnen sowie die hohe Durchdringung mit Gemeinbedarfseinrichtungen sorgt für kurze Wege und erstaunliche Vitalität im öffentlichen Raum.

Der Grundtyp der Bebauung der Südstadt ist das Stadthaus mit Handel oder Gewerbe im Erdgeschoß und Wohnungen in den Obergeschoßen. Wesentlicher Qualitätsfaktor war der hohe Grad an Partizipation bei der Entwicklung des Stadtteils. Die Bürger planten hier nicht nur den städtischen Freiraum - auch der Wohnbau erfolgte überwiegend durch private Baugemeinschaften. Dies brachte eine deutliche Kostensenkung sowie eine unvergleichliche Vielfalt mit sich. Für Wien - und das nicht nur hinsichtlich Aspern - sollte das Tübinger Beispiel aufzeigen, wie Urbanität und städtische Lebensqualität entstehen können. Der Schlüssel dazu liegt offenbar in den attraktiven Möglichkeiten für die Bürger, ihre Stadt selbst zu bauen und zu gestalten. Aber auch andere Aspekte der Tübinger Kommunalpolitik wären für Wien modellhaft: von der umweltfreundlichen Verkehrsplanung bis hin zu den transparenten Verfahrensabläufen in Politik und Verwaltung.

"Science City"

In Zürich schließlich findet sich ein Projekt, das für ein anderes aktuelles Stadtentwicklungsgebiet in Wien Vorbild hätte sein können - nein, müssen: nämlich für den neuen Campus der Wirtschaftsuniversität im Prater, wo die Stadtplanung ein weiteres Mal auf eine belebende Durchmischung mit anderen Nutzungen wie Wohnen, Arbeiten oder Kultur verzichtet hat.

Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich entwickelt ihren Universitäts-Campus am Hönggerberg - der ein internationaler Forschungsstandort ist, aber abends und an Wochenenden wie ausgestorben wirkt - derzeit zu einem neuen Stadtquartier mit rund 1000 Wohnungen und allen dafür erforderlichen Alltagsfunktionen.

Dabei gilt es auch, die Bebauung mit einem angrenzenden Naherholungsgebiet zu verweben. Die Züricher Science City wurde von der ETH gemeinsam mit Anwohnern sowie mit Vertretern von Wirtschaft, Politik und Verwaltung geplant und wird nun sukzessive in mehreren Teilprojekten umgesetzt. Wenn Wien bis zum nächsten Neubau einer seiner Universitäten oder gar schon bis zum nächsten großen Stadterweiterungsprojekt ein derartiges Niveau an städtebaulicher Kultur erreicht, wäre das bereits ein immenser Schritt nach vorne.

Reinhard Seiß ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien und Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung.