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Bayern-Österreich, eine Geschichte ohne Ende

Von Engelbert Washietl

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Der Autor ist Sprecher der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor "Wirtschaftsblatt", "Presse" und "Salzburger Nachrichten".

Eine dreiteilige Ausstellung rückt das liebenswerte Eck des Innviertels und Südostbayerns ins Licht. Das vierte Kapitel fehlt weitgehend: die Gegenwart.


Der Rösselsprung zu den drei Schauplätzen der bayerisch-österreichischen Ausstellung "Verbündet, verfeindet, verschwägert" lohnt sich, auch wenn dabei locker ein Tag draufgeht. Denn die Story beginnt mit der bayerischen Landnahme in dunklen Zeiten und dunklen Gebieten östlich von Inn und Salzach, als "plaga orientalis", Reich im Osten, apostrophiert.

Die Ausstellung schließt im 19. Jahrhundert, die jüngere Zeitgeschichte können sich Interessierte in Sonderausstellungen zusammensuchen. Noch einfacher, wenn auch höchst oberflächlich: Sie verirren sich bei der Anfahrt zur deutschen Grenzstadt Burghausen wegen der Großbaustellen und Umleitungen und kommen am Chemiewerk Borealis vorbei, einer industriellen Megalopolis unserer Zeit. Bayern und Österreich sind noch immer aufeinander angewiesen wie in den Jahrhunderten, die in den Ausstellungsorten Burghausen, Braunau/Ranshofen und Mattighofen historisch sichtbar werden.

Borealis ist Teil des sogenannten südostbayerischen "Chemiedreiecks". Die OMV Deutschland, Linde Gas und andere bedeutende Unternehmen haben sich hier niedergelassen. Eine große Zahl von Österreichern arbeitet drüben in Bayern, wahrscheinlich ohne die Staatsgrenze noch wahrzunehmen. Laut Volkszählung 2001 sind von den damals 7000 Erwerbstätigen Braunaus 685 ins Ausland ausgependelt, was wohl nur heißen kann: nach Bayern. Aus Schärding überquerten 230 regelmäßig die Staatsgrenze, aus dem kleineren Mattighofen 112.

Was Wittelsbacher und Habsburger mit- und gegeneinander getrieben haben, wie Staatsgrenzen verschoben wurden und wie das Chorherrenstift Ranshofen um seine Güter kam und 1938 zum Aluminiumwerk, der heutigen Austria Metall AG (Amag), wurde - eine Fülle von Ereignissen belegt, dass es sich hier um einen gemeinsamen und für beide Staaten unersetzlichen Wirtschaftsraum handelt.

Das schließt nicht aus, dass bis in die moderne Zeit Zwistigkeiten zwischen Bayern und Österreich ausbrechen können und manchmal bis zur Lachqualität getrieben werden. Die von Österreichs Umweltschützern in den 80er Jahren heftig bekämpfte, übrigens so wie Zwentendorf zwar gebaute, aber nie in Betrieb genommene Wiederaufbereitungsanlage im bayerischen Wackersdorf war so ein Fall. Das vom bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß favorisierte Projekt geriet in einen Strudel von grenzüberschreitenden Demos, Anti-Strauß-Gehässigkeiten beim Wiener Opernball und eines medial aufgebauschten Gerüchts, dass Bayern die 70.000 dort lebenden Österreicher einem Aidstest unterziehen wolle. Bis der bayrische Staatsminister Karl Hillermeier 1987 in einem geharnischten Brief an Bundeskanzler Franz Vranitzky schrieb, die bayerische Regierung "erwarte", dass Vranitzky den Übeltätern Nachhilfeunterricht in politischem Anstand und gutnachbarlichen Umgangsformen erteilen werde. - Offenbar lebt also die Geschichte, wo die Landesausstellung ihre eindrucksvolle Chronik schon geschlossen hat, bis heute und in Zukunft weiter.