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„Das Volk wird aufbegehren”

Von WZ-Korrespondentin Inna Hartwich

Politik

„Wollte die UdSSR demokratisieren, nicht zerstören.” | Ex-Präsident nennt Putschisten Idioten.


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Moskau. Michail Gorbatschow spricht leise, seine Stimme ist brüchig, alt ist er geworden. Er erzählt Geschichten, Erinnerungen aus seiner Jugend, aus seinem späteren Politleben. Dann räuspert er sich, fährt sich über den Mund, erhebt manchmal den Finger.

Gorbatschow ist Geschichte. Dennoch ist er gefragt in diesen Tagen. Es geht um sein Russland, das sich neu erfinden musste - vor 20 Jahren, als altkommunistische Hardliner, Parteifunktionäre, mit denen er arbeitete, die er teils in die Partei aufnahm, sich gegen ihn richteten, ihn einsperrten auf seiner Datscha am Schwarzen Meer, dort, wo er seit dem Staatsstreich am 19. August 1991 nie mehr gewesen ist.

Viele wollen ihn angesichts des 20. Putsch-Jahrestages treffen, vielen sagte er ab. Sein Moskauer Büro rief schließlich zu einer Pressekonferenz. Mit manchen Journalisten scherzt er, anderen gibt er keine Antwort. Er weiß, was er sagen kann, was er lieber für sich behält. „Ich bin ein Träger von Geheimnissen, ich werde es auch bleiben.”

Die Sowjetunion hätte noch Bestand, davon ist der Mann, der mit 19 Jahren den Kommunisten beitrat und eher zufällig in die Parteispitze aufstieg, zwei russische Worte - Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit) - in die kommunistische Welt trug und mit dem Konzept dahinter ein ganzes Reich verspielte, immer noch überzeugt. Nur demokratischer hätte sie sein müssen. Mit Pressefreiheit und Achtung von Menschenrechten. „Es waren Idioten, die damals putschten.” Natürlich habe er gewusst, wie viel sich hinter seinem Rücken abgespielt habe. Dass er viele Gegner hatte, die ihm Schwäche vorwarfen, seine Reformen ablehnten. Er habe die Kluft zwischen der Partei und dem Volk, „diesen Eisernen Vorhang einreißen” wollen. Doch er sei gescheitert. „Alles fängt mit einem Bruch an. Ich wollte demokratisieren, nicht zerstören.” Doch er sei damit gescheitert.

An der gegenwärtigen Politik lässt der Friedensnobelpreisträger kein gutes Haar. Das Land brauche einen neuen demokratischen Aufbruch. Russland lebe in weiten Teilen noch immer in einem System wie zu Zeiten von Sowjetdiktator Josef Stalin.

Es müssten „echte Wahlen her, eine echte Modernisierung.” Eines Tages werde das Volk gegen das heutige Regime aufbegehren, ist Gorbatschow überzeugt. Die Politik unter Wladimir Putin setze nicht nur autoritäre Handlungen, sie sei in sich autoritär. „Zu nichts zu gebrauchen, was der Staat gerade macht”. Doch „Russland wird leben.”