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„Die Familie ist der Brückenkopf”

Von Stefan Beig

Politik
Nicht alle Österreicher freuen sich über den hohen Nachwuchs bei Zuwanderern.
© © © Nick Cardillicchio/Corbis

Mazal kritisiert geringe Akzeptanz verschiedener Lebensmodelle. | „Integrationspolitik und Familienpolitik gehören zusammen.”


Wien. Integrationspolitik und Familienpolitik gehören zusammen, findet der Wiener Arbeitsrechtler Wolfgang Mazal. Für beide gelte das gleiche Rezept, und das laute: „Akzeptanz von Vielfalt”. Wegen der heutigen Vielfalt an Lebensformen gebe es kein Patentrezept mehr. „Die Lebensentwürfe sind so verschieden”, meint er. Das ist auch der Tenor von Mazals Vortrag über nachhaltige Familienpolitik und Migration beim heurigen Dialogforum über Zukunftsfragen der Migration, das jährlich von der Uni Krems organisiert wird und in dieser Woche in Gmunden stattfindet.

„Die angestammte Bevölkerung fühlt sich unter Druck gesetzt, weil Zuwandererfamilien mehr Nachwuchs haben.” Das - so Mazal - sei der Grund für die Vermischung von Zuwanderer- und Familienpolitik im politischen Alltag. Freilich: „Familienpolitik fördert alle Familien, auch die Migrantenfamilien. Das ist auch gut so”, betont er im Gespräch mit der „Wiener Zeitung”. Eine Unterscheidung in förderungswürdig und nicht förderungswürdig sei rechtswidrig. „Hier darf es keine Diskriminierung geben. Leider bestehen bei der angestammten Bevölkerung teils dumpfe, unreflektierte Ängste gegen den Nachwuchs der Zuwanderer”, urteilt der Jurist, der auch Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung ist.

Österreichs Geburtenrate wäre ohne Zuwanderer bedeutend niedriger. Eine hierzulande geborene Frau mit österreichischer Staatsbürgerschaft bekommt im Schnitt 1,32 Kinder, Frauen ausländischer Herkunft hingegen 1,87 Kinder. Besonders hoch ist die Fertilität bei Türkinnen mit durchschnittlich 2,42 Kindern und bei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien (ohne Slowenien) mit rund 1,93 Kindern. Einige Migrantenfamilien berichten, dass sie im Alltag Vorurteile von Seiten der Mehrheitsbevölkerung erleben. „Die Toleranz für Mehrfachfamilien wie für Migranten ist in Österreich nicht flächendeckend gegeben”, hält Mazal fest. „Kinderreiche Migrantenfamilien erfahren insofern in zweifacher Hinsicht Ressentiments.”

Die Familien der Zuwanderer können sowohl eine integrationsfördernde als auch eine integrationshemmende Rolle spielen, hebt Mazal hervor. „Einerseits können Familien für Migranten ein Netzwerk sein, das den Neu-Zuzug auffängt.” Selbst Verwandte in anderen Bundesländern würden zugewanderten Familienmitgliedern dann Ratschläge geben, die die Eingliederung in die Gesellschaft erleichtern. „Andererseits kann die Familie auch zum Hemmnis werden, wenn man nicht mehr über sie hinausgeht.”

Ideologisierung blockiert

Eine gelungene Integrationspolitik schließe auf jeden Fall Familienpolitik mit ein, betont der Arbeitsrechtler von der Uni Wien. Die Familie sei ein Brückenkopf, darüber hinaus gelte es gerade die Integration junger Menschen zu fördern, „damit sie schon früh in unsere kulturellen Kontexte gebracht werden”. Ein Beispiel für eine familien- wie integrationsfördernde Maßnahme sei die vorschulische Kinderbetreuung. „Sie fördert die Integration, sofern sich auch alle vorschulisch betreuen lassen. Wenn nur Kinder mit Sprachproblemen in den Kindergarten gehen, funktioniert diese Maßnahme aber nicht.”

Frauen in Österreich brachten im Jahr 2010 im Schnitt rund 1,44 Kinder zur Welt. „Die jetzige Geburtenrate ist nicht bestandserhaltend”, meint Mazal. „Will man das Sozialsystem erhalten, so ist dafür entweder eine verstärkte Zuwanderung oder eine verstärkte Familienpolitik nötig. Beides ist nicht billig.” Für ihn selbst ist das aber nicht das eigentliche Thema der Familienpolitik. „Der Kinderwunsch liegt in der Bevölkerung im Schnitt bei 2,2 Kindern. Er ist viel höher, als wir praktisch realisieren. Das bedeutet: Die Menschen können sich heute nicht ihre Lebenswünsche erfüllen. Dabei hat gerade die Familie, nach allen Umfragen, den höchsten Wert in der Gesellschaft.” Hier müsste auch die Politik ansetzen und die Wünsche der Menschen stärker berücksichtigen. Kritik übt Mazal an dem aus seiner Sicht zu polarisierend geführten politischen Diskurs in Österreich. Anstatt die Vielfalt der Lebensentwürfe zu akzeptieren, seien viele Modelle gegeneinander ausgespielt worden: „Beispielsweise wurden jahrelang beim Thema außerfamiliäre Betreuung Kinderkrippen und Tagesmütter gegeneinander ausgespielt anstatt beide zu fördern.”

Durch die Ideologisierung der Familienpolitik habe man den Wandlungsprozess der Gesellschaft unterdrückt. „In der Öffentlichkeit sollte man über jedes Lebenskonzept gut reden, statt es schlechtzumachen”, findet Mazal. Die gesellschaftlichen Signale bedeuteten für viele Frauen, dass sie sowohl als erwerbstätige Mütter, wie als Hausfrauen keine Wertschätzung erfahren. Das sei auch das Problem von traditionellen Staaten wie Italien, Spanien und Griechenland, die eine besonders niedrige Geburtenrate haben. Dort herrschten zwar noch traditionelle Familienbilder vor, gleichzeitig ähnle der Lebensstil jenem in Skandinavien. „Deshalb gelten dort Frauen entweder als Rabenmütter, die ihre Familie dem Beruf opfern, oder als Heimmutter.” Für die Familienpolitik gelte es daher, „jedes Lebenskonzept zu unterstützen”.

EU-Gelder für Forschung

Die Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Migration und Bevölkerungswandel wird auch durch die Europäische Union gefördert. Der Europäische Forschungsrat gibt dem Wiener Demographen Tomá Sobotka von der Akademie der Wissenschaften eine Nachwuchsförderung von rund 1,3 Millionen Euro, mit der Sobotka nun den Zusammenhang zwischen Kinderwunsch, sozio-ökonomischer Situation und Fertilitätsraten untersuchen will. „In vielen Ländern ist Migration für den Bevölkerungswandel ein wichtigerer Faktor als Fertilität”, sagt der Wissenschafter.