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„Die Regierung war von allen Seiten gewarnt”

Von Alexander U. Mathé

Politik

Olympische Spiele bauen Druck auf. | Militäreinsatz wäre fatal.


„Wiener Zeitung”:Wie sind die Krawalle in England zu erklären?Rodney Barker: Da wären zuerst die Umstände, die die Krawalle möglich machen. Die sind nicht die Ursachen, aber der Kontext. Dazu gehören Arbeitslosigkeit, Unfähigkeit, vom Bildungssystem ausreichend zu profitieren, das Gefühl, vom Staat, zumal der Polizei, ungerecht behandelt zu werden. Das betrifft die Ärmsten der Gesellschaft, die auch diejenigen sind, die am meisten unter der Sparpolitik der Regierung leiden. Wenn man das damit kombiniert, dass die Regierung das Budget der Polizei reduziert und sagt, dass sie mehr für weniger tun müssen, war es sehr wahrscheinlich, dass etwas passieren würde. Es ist nicht so, dass die Regierung nicht gewarnt gewesen wäre. Als sie ans Ruder gekommen ist, haben Polizeioffiziere, Ökonomen und Sozialwissenschafter alle auf die eine oder andere Weise gewarnt: „Ihr seid dabei, Euch große Probleme einzuhandeln.”

Woher kommt diese Gewalt?

Das ist die Reaktion auf die vorher beschriebenen Umstände. Da ist das Gefühl mancher Bevölkerungsgruppen, dass sie irgendwie nicht Teil der Gesellschaft sind, in der ihre Nachbarn leben und von der ihre Nachbarn profitieren. Es entsteht ein Gefühl der Entfremdung, aber auch der Feindseligkeit. Diese Menschen glauben, dass Polizei, Schulen, Presse usw. nicht für sie da sind und nicht zu ihnen gehören. Daher behandeln sie die so, wie ein Land eine einfallende fremde Armee behandelt. Das ist die einzige Möglichkeit, diese unglaubliche Destruktivität zu erklären, die von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Menschen ausgeht.

Welche Bedeutung hatte der Tod von Mark Duggan?

Das war der Zünder. Der Tod eines Mitglieds der Öffentlichkeit war wie Schießpulver und Funken zusammen: es explodiert.

Wie passen Kriminelle zu den sozialen Unruhen?

Natürlich sind Raube und Brandstiftung kriminelle Aktivitäten. Wenn Sie aber glauben, dass Sie außerhalb der Gesellschaft stehen, in der Sie leben, wenn Sie arbeitslos sind und in einem prekären Arbeitsverhältnis stehen, können Sie von Haus aus in Kriminalität involviert sein: Hier stehlen Sie ein wenig, dort handeln Sie ein wenig mit Drogen. Es ist nicht so einfach, die Menschen in gesetzestreue Bürger und Kriminelle einzuteilen. Was machen Sie mit den Menschen zwischen den Extremen, dem Bürger, der seine Einkommenssteuererklärung ein wenig frisiert, dem, der eine gefundene Brieftasche behält, oder dem, der an der Kassa nichts sagt, wenn er zuviel Geld herausbekommt. Das fällt eher unter Gelegenheitskriminalität und ich glaube, um die geht es auch im Zusammenhang mit den Plünderungen bei den Ausschreitungen.

Glauben Sie, dass diese Ereignisse der Regierung eher helfen oder schaden? Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat seinerzeit nicht schlecht von den Ausschreitungen profitiert.

Es könnte sein, dass die Regierung die Klagen über ihre Wirtschaftspolitik dadurch an den Rand drängt, dass sie sich als Hüterin der öffentlichen Ordnung präsentiert, die gegen Hooligans und Gangster vorgeht. Es könnte aber auch anders kommen. Der Druck ist groß. Nächstes Jahr stehen die Olympischen Spiele in London an. Um die Ordnung wieder herzustellen, wird gefordert, dass die Regierung ihre Wirtschaftspolitik ändert und Kürzungen im Öffentlichen Dienst rückgängig macht. Gleichzeitig wird die Regierung von ihren eigenen Anhängern unter Druck kommen, wenn die Unruhen anhalten, da von einer rechten Regierung Autorität erwartet wird.

Wenn die Regierung Kürzungen zurücknimmt, verliert sie dann nicht ihre Glaubwürdigkeit?

Nicht unbedingt. Die Regierung hat ja in der Vergangenheit bereits einige 180-Grad-Wendungen in ihrer Politik unternommen. Die Kürzungen kommen nur beim harten Kern der Wirtschaftsliberalen wirklich an, beim breiten Rest der Bevölkerung wäre die Rücknahme sehr populär.

Auch der Ruf nach dem Militär ist bereits laut geworden.

Das wäre absolut desaströs, das würde die Lage nur verschärfen. Nehmen Sie jemanden aus der normalen Öffentlichkeit, der sich denkt: „Der Bub von nebenan hätte nicht die Fensterscheibe einschlagen sollen, aber ich verstehe, warum er es getan hat. Ich selbst werde das nicht tun.” Stellen Sie jetzt Soldaten auf seine Straße, die ihm sagen, was er zu tun hat und er wird zu dem Schluss gelangen, dass ihn der Staat als Feind behandelt. Aber ich bin mir sicher, dass es nicht soweit kommen wird.