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„Frauen werden doppelt unterdrückt”

Von Sarah Dyduch

Politik

Jugendproteste zunehmend in weiblicher Hand.


Wien. Revolution in der arabischen Welt, Krawalle in England, Proteste in Südeuropa: Junge Menschen aus aller Welt begehren auf. Mädchen und junge Frauen spielen bei den Jugendprotesten zunehmend eine wichtige Rolle. Doch wer sind diese weiblichen Jugendlichen, die sich in eine Reihe mit den Männern stellen?

Junge arabische Frauen kämpfen für Freiheit

Soziologin Lilith Wanner-Mack von der Freien Universität Berlin sieht vor allem bei den Protesten in Ägypten und Tunesien einen großen weiblichen Einfluss. „Die Jugend- und Frauenbewegung ist dort sehr stark und mobilisiert vor allem Studentinnen. An den Protesten haben sich aber alle sozialen Schichten beteiligt.” In den beiden Ländern sei der Umsturz des jeweiligen Präsidenten nicht nur von Männern ausgegangen, sondern auch von jungen Frauen mitgetragen worden, sagt Wanner-Mack. Die Bereitschaft, aktiv Gewalt einzusetzen, sei aber bei Männern größer. Mädchen und junge Frauen, die sich mit Waffen Gehör verschafften, seien in der arabischen Revolution die Ausnahme geblieben.

Auch die Proteste im Iran 2009 fanden unter starker weiblichen Beteiligung statt. Nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Mahmoud Ahmadinejad gingen Protestierende monatelang auf die Straßen, um einen Regimewechsel zu fordern. Bei dieser sogenannten „Grünen Revolution” waren viele junge Frauen mit dabei und standen oft in erster Reihe. Sie seien nicht nur Mitläuferinnen gewesen, sondern hätten aktiv für Veränderungen gekämpft, erklärt Wanner-Mack. Und das, obwohl ein Aufbegehren gegen iranische Autoritäten mit hohen Risiken verbunden ist. Denn auch weibliche Jugendliche bekamen die Repressionen der Polizei zu spüren. Das wohl bekannteste Opfer polizeilicher Gewalt ist die Studentin Neda Agha Soltan, die in Teheran erschossen wurde und zur Symbolfigur des iranischen Widerstandes avancierte.

Die Bereitschaft, für gesellschaftliche Veränderungen sein Leben zu riskieren sieht die Wanner-Mack in der doppelten Belastung der Iranerinnen begründet. „Als junger Mensch hat man es schwer, ist man noch dazu eine Frau, wird man doppelt unterdrückt.”

Mädchen lösen sich von bisherigem Rollenbild

In den Medien wird aufbegehrenden Jugendlichen große Aufmerksamkeit zuteil. Dass Bilder von weiblichen Aufständischen teilweise immer wieder überraschen, sieht Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung in unserer gesellschaftlichen Erwartungshaltung begründet. Unruhe würde sofort mit Männern in Zusammenhang gebracht werden. Und das, obwohl sich die Rolle der Mädchen schon vor vielen Jahren zu verändern begonnen habe, wie Heinzelmaier betont: „Forschungen zeigen, dass sich die kulturellen Verhaltensweisen von jungen Männern und Frauen einander annähern.” Mädchen und Frauen seien nicht mehr die Opfer von Umstürzen oder Krawallen, sondern zunehmend aktiv daran beteiligt. Das zeigten auch die jüngsten Ausschreitungen in England. Junge Frauen seien aus der Rolle, die ihnen die Gesellschaft zuschreibt, herausgetreten. Anders als in den arabischen Ländern kämen die Mädchen in England ausschließlich aus der sozialen Unterschicht und seien von ihrer Perspektivenlosigkeit getrieben.