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„Jetzt ist die Zeit zum Reinemachen”

Von Heike Hausensteiner

Wirtschaft
Eva Geiblinger, Vorstandsvorsitzende von Transparency International, macht sich gegen Korruption stark.

Stelle gegen Korruption seit fünf Jahren in Österreich. | Manager arbeiten ehrenamtlich für die Idee der NGO.


Wien. Auf 26 Milliarden Euro wird der Betrag geschätzt, der in Österreich jährlich durch Korruption versickert. Das sind fast zehn Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Macht und Gier seien es, weshalb - mit Lenin gesprochen - Vertrauen gut, aber Kontrolle besser sei, kritisiert Eva Geiblinger korruptionsanfällige Auftragnehmer des privatwirtschaftlichen und öffentlichen Bereiches.

Denn als Managerin in großen Konzernen war sie persönlich mit Korruption konfrontiert: „Ich habe derartige Vorkommnisse sowohl gemeldet als auch gleich strikt zurückgewiesen.” Wie viel Kontrolle der Mensch braucht, ist für sie eine ethische, moralische Frage. „Das Gefühl, was geht und was nicht, sollte man doch im Bauch haben.”

Wie gut, dass der deutsche Jurist Peter Eigen vor 18 Jahren Transparency International gründete. Als er bei der Weltbank für einige Länder in Afrika zuständig war, lehrte ihn die Praxis: Gegen Korruption und intransparente Geldflüsse muss etwas unternommen werden. Und gut, dass Geiblingers Ehemann und Peter Eigen Arbeitskollegen waren. Aufgrund dieser Freundschaft half Geiblinger beim Aufbau der Länderorganisation („Chapter”) von Transparency International (TI) in Österreich mit. Davor war sie in Deutschland im Direktorium von Degussa, einem Chemie-, Edelmetall- und Pharmazie-Unternehmen, für Marketing und Konzernkommunikation weltweit verantwortlich. „Ich habe mich immer wohlgefühlt, in Deutschland arbeiten zu können - mental und in Bezug auf Ordnungsliebe.”

Verein begann „quasi im Wohnzimmer”

Transparency International hat „quasi im Wohnzimmer, ganz bescheiden, angefangen, mit heißen Diskussionen und Ideen. Viele Interessierte kommen und gehen. Hauptsache, ein aufrechtes Trüppchen von Mitstreitern bleibt”, so Geiblinger. Die Nichtregierungsorganisation ist in mehr als 100 Ländern mit selbständigen „Chaptern” tätig - in Österreich seit fünf Jahren.

Zu Beginn hieß es für die Vorstandsvorsitzende freilich Klinken putzen, um für Unterstützung zu werben. „Wir können nur mit Hilfe von Sponsorgeldern aktiv sein. TI erzeugt keinen emotionalen Faktor wie große Kinderaugen oder Opferzahlen wie nach einem Erdbeben. Das Thema löst keine sofortige Unterstützungsfreude aus, sondern viele sagen, mich geht’s nichts an, geh du voran!”, schildert Geiblinger die schwierige Ausgangslage.

Fragt man die Wienerin, warum sie sich das angetan hat, meint die ehemalige Wirtschaftsjournalistin: „Ich war schon immer neugierig und hellhörig. Ich will helfen, etwas aufzubauen und die Verwaltung klein halten. Es ist faszinierend zu sehen, wie etwas wächst und wir immer mehr Mitglieder bekommen. Wir sind ja alle in Führungspositionen, die wir ehrenamtlich für die Idee von Transparency International geradestehen.”

Der Verein zur Korruptionsbekämpfung lebt neben Sponsoring von Einzel- und Firmenmitgliedschaften (unter anderem von der Kontrollbank, Nationalbank, Gebrüder Weiss, Raiffeisen, Sonnentor, Post, Casinos Austria). „Leitfiguren” wie Ex-Rechnungshofpräsident Franz Fiedler und Johann Rzeszut, vormals Präsident des Obersten Gerichtshofes, tragen die Organisation, „was ihre Kompetenz und ihr Wissen über unseren Rechtsstaat betrifft”, sagt Geiblinger. Walter Geyer, Leiter der Antikorruptions-Staatsanwaltschaft, ist ebenso mit an Bord im Beirat wie Hubert Sickinger, Experte für Parteienfinanzierung, und Heinz Mayer, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät in Wien.

Mehr Transparenz im Sportsektor

„Ich kümmere mich um unser Veranstaltungsprogramm, Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und Lobbying. Meine Vorstandskollegen Johann Rzeszut und Hans Jörg Bauer betreuen Rechts- und Finanzbelange, wir alle knüpfen das Netzwerk, damit wir wachsen.” Die Vorstandsvorsitzende sieht sich mehr als Managerin, denn als Sprachrohr.

„Die Zeit zum Reinemachen war nie besser als jetzt, die Bevölkerung ist sensibilisiert durch schwarze Schafe”, sagt sie. Die jahrelang von TI geforderte Staatsanwaltschaft zur Korruptionsbekämpfung wurde 2009 in Österreich eingerichtet. Auch für ein Lobbying-Register macht sich TI stark. Und es bleibt noch viel zu tun, damit nicht nur im privaten und öffentlichen Sektor, im Gesundheitswesen und bei der Parteienfinanzierung, sondern künftig etwa auch im Sportsektor mehr Transparenz herrscht.

Dazu stellt TI seine international vernetzte Expertise zur Verfügung und ist überwachende Mentoringstelle. Bloß Feigenblatt für Unternehmen oder Aushängeschild für Regierende will man nicht sein.

Doch was entgegnet Geiblinger Firmen aus Österreich, die in China Geschäfte machen wollen und glauben, das sei ohne Korruption nicht möglich? „Wenn jeder so denkt, wird sich nichts ändern.” Sie bringt ein Beispiel: Die Bayrische Bauindustrie hat den Code of Conduct von TI unterschrieben und deutlich gemacht, dass sie nicht mit Bestechungsgeldern arbeiten will.

Eva Geiblinger ist selbständige Unternehmensberaterin und arbeitet ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzende von Transparency International. Sie war Direktorin bei der Degussa AG, Geschäftsführerin der Adler Bekleidungswerke Österreich, Vorstandsmitglied von General Motors Austria sowie Journalistin bei „Trend” und „Profil”.