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"Begabte" sind nicht anders

Von Eva Novotny

Politik

Dem Begriff Begabung hängt stets etwas Metaphysisches an. Wer gibt? Wem wird gegeben? Oder er hat - "materialistisch" gewendet - den Touch von Erbanlage. Tatsächlich ist Begabung kein wissenschaftlich gefasstes Phänomen.

Vor zwei Jahren bin ich im Rahmen der "science-week" mit den österreichischen Granden der so genannten Hochbegabtenförderung auf einem Podium gesessen. Auf meine Frage, was ich denn unter "Begabung" zu verstehen hätte, gestand man mir zu, dass es tatsächlich keinen wissenschaftlichen Begriff von Begabung bzw. Hochbegabung gäbe. Es existieren bloß Alltagskonzepte, die nichts erklären, in die aber unreflektiert jede menge normativer Vorstellungen einfließen.

Leistung, welcher Art auch immer, bedarf neben einer Fähigkeit auch individueller Motive, diese Fähigkeit zu verwirklichen. Lernen muss persönlich Sinn machen. Und je nachdem, welche Lebenschance und Handlungsspielräume Gesellschaft, Milieu, Schule signalisieren, legen sie Lernen nahe oder nicht, werden "Begabungen" realisiert oder eben nicht.

Viel wird über eine "Andersartigkeit" und über soziale Schwierigkeiten von Hochbegabten fabuliert - meist von "Experten" aus Beratungsstellen oder Hochbegabtenförderungsinstituten, von Interessensträgern also, die vor allem ihre Erfahrungen mit Auffälligen und Hilfesuchenden verallgemeinern. Breit angelegte Langzeituntersuchungen mit nicht auffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen zeigen hingegen, dass sogenannte Hochbegabte völlig normale Kinder sind, die sich in nichts außer ihrem Denkvermögen von ihren AltersgenossInnen unterscheiden. Sie haben bloß mehr Selbstbewusstsein, was ihre geistigen Fähigkeiten angeht. Es kann also schon zu Peinlichkeiten kommen, wenn sie mit weniger denkfähigen Lehrpersonen selbstsicher in Argumentation treten. Deshalb muss man sie aber nicht in eigene Schulen schicken, man bräuchte nur das Lehrpersonal besser qualifizieren. Das würde dann allen SchülerInnen zugute kommen.

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Dr. Eva Novotny ist Erziehungswissenschafterin, Psychotherapeutin und Organisationsberaterin. Sie wurde als Kind als "hochbegabt" klassifiziert. Zum Thema hat sie das Buch "Lernen und Realitätsverlust in der Schule", Frankfurt 1994, publiziert.