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Begeisterung für "Onkel Bill"

Von Mort Rosenblum

Politik

Hanoi - Eine amerikanische Mine war es, die Nguyen Van Mao die Finger von der Hand riss. Um ihn herum starben seine Freunde. Trotz allem hat Mao den Hass auf den mächtigen Feind im Vietnamkrieg längst überwunden, und er konnte es kaum erwarten, bis der Präsident des einstigen Gegners am Freitag an seiner Stammkneipe in Hanoi vorbeifuhr. Den ersten Besuch eines amerikanischen Staatschefs seit dem Ende des Krieges vor 25 Jahren empfindet Mao als eine Ehre und eine neue Chance. "Onkel Bill" nennen er und seine Nachbarn Bill Clinton liebevoll und zugleich voller Respekt.


"Ach, das", sagt der 54-Jährige mit Blick auf seine verstümmelte Hand. "Vom Ho-Chi-Minh-Pfad. Eine amerikanische Mine. Das ist Vergangenheit, und ich denke nicht mehr daran. Ich blicke nach vorne." Amerika sei so ein tolles Land, schwärmt Mao. "Und es wird höchste Zeit, dass wir uns wie Freunde benehmen." Die Vergangenheit sei zwar von Hass geprägt gewesen, bekräftigt Le Xuong. Jetzt aber gehe es um die Zukunft. Auch der 78-Jährige ist wie seine ehemaligen Mitkämpfer zum Neuanfang bereit.

"Ich bin glücklich", sagt der strahlende Dang Dinh Hiep ein paar Straßen weiter. Dem 52 Jahre alte ehemalige Vietcong-Kämpfer hat Clinton soeben die Hand gegeben. "Zwei Mal hat er meine Hand gehalten. Zwei Mal", jubelt Hiep. "Es ist sehr, sehr gut für Vietnam und Amerika, befreundet zu sein." Tausende Vietnamesen säumen die Straßen, um einen Blick auf Clinton oder vielleicht sogar einen Handschlag zu erhaschen.

Für die vietnamesischen Sicherheitskräfte ist die jubelnde Menge eine neue Herausforderung. So viel spontane Begeisterung der Bevölkerung sind sie nicht gewöhnt. "Bill, Bill!", rufen die Menschen. Clinton enttäuscht sie nicht und schüttelt die ihm entgegengestreckten Hände. "Die Hand war ganz warm vom vielen Händedrücken", sagt Nguyen Ngoc Ba. "Sie hat sich wunderbar angefühlt."

Auch an der Universität von Hanoi, an der der US-Präsident einen Vortrag hält, zeigten sich die Studenten begeistert. "Früher haben die Völker nur an die Verteidigung ihrer Grenzen gedacht", meint die 21-jährige Ngo Thu Hang. "Aber Onkel Bill vermittelt die Aussage, dass Sympathie zwischen den Völkern wichtiger ist als Grenzen zwischen Staaten."

Thi Minh Tan fällt ein: "Er war noch nie hier. Aber ich glaube, er versteht Vietnam. Er scheint an die Menschen zu glauben." Für die 19-Jährige spielen die grausamen Kämpfe bis 1975, die in Vietnam als der Amerikanische Krieg gelten, keine Rolle. Etwas Skepsis kann sie dennoch nicht verbergen. "Ich würde ihn gerne fragen, ob er wirklich Freundschaften schließen oder nur die Globalisierung vorantreiben will", sagt sie.