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Beginn eines langen Krieges

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Harter Kern der Guerilla zieht weiter. | Krieg gegen die eigenen Bürger. | Neu Delhi. Wie jede Armee präsentiert auch Pakistans Militärspitze oft und gerne Erfolgsmeldungen: Kaum eine Woche vergeht, in der Militärsprecher Athar Abbas nicht ein baldiges Ende der Militäroperation im Swat-Tal ankündigt.


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Die rund zwei Millionen Flüchtlinge könnten bald alle wieder in ihre Heimat zurückkehren, sagte er jüngst. Doch die Vertriebenen zeigen bislang wenig Euphorie zur Rückkehr.

Anfang Mai hatte die pakistanische Armee in der ehemaligen Urlaubsregion im Swat eine Offensive gegen die Taliban begonnen, nachdem ein umstrittenere Friedensdeal zwischen der Regierung und den militanten Islamisten geplatzt war. Das idyllische Bergtal unweit von Islamabad war zu einem Testfall für die Nation geworden, nachdem die Taliban trotz des Friedensvertrags weiter ihre Widersacher köpften, Frauen öffentlich auspeitschten und zudem munter neue Gebiete eroberten.

Die Ereignisse im Swat veränderten die öffentliche Meinung im Land: Zuvor war der Kampf gegen die Terroristen zumeist als eine amerikanische Angelegenheit abgetan worden. Doch nun wuchs die Einsicht, dass der Krieg gegen die Extremisten für den Nuklearstaat Pakistans zur nationalen Schicksalsfrage wird.

Die Stimmung im Land ist gedrückt, denn der Kampf gegen die Taliban ist ein Krieg gegen die eigenen Bürger - schmutzig, kompliziert und langwierig. Das Militär bekämpft im Swat und anderswo ausgerechnet die Kräfte, zu denen sie noch vor sechs Monaten gute Beziehungen pflegte. Entsprechend groß ist das Misstrauen, ob die Kämpfe wirklich so bald ausgestanden sind.

Sicherheitslage fürZivilisten ist schlecht

Die Familien, die in die von der Regierung für sicher erklärten Gebiete im Swat-Tal zurückgekehrt sind, sitzen nun nicht nur zwischen zerstörten Häuser und verbrannten Feldern. Sie sitzen auch zwischen Taliban-Kämpfern, die kurzzeitig die Seite gewechselt haben und der Aussicht, dass das Militär weiter gegen Widerstandsnester der Extremisten vorgeht. Zwar hat Militärsprecher Abbas verkündet, die Armee habe fast 1600 islamistische Kämpfer getötet, doch allein zu Beginn des Jahres sollen offiziellen Angaben zufolge rund 5000 Taliban ins Swat-Tal eingedrungen sein. Auch das Schicksal der Taliban-Anführer im Swat gibt Fragen auf. Viele Beobachter gehen davon aus, dass der harte Kern der Extremisten und ihre Gefolgsleute bereits weiter nach Waziristan gezogen sind, um dort gegen die Armee zu kämpfen.

Die Bergregion südwestlich von Peshawar, an der Grenze zu Afghanistan, ist die nächste Front im Kampf gegen Taliban und Al-Kaida. Rund 40.000 Menschen sind bereits aus der Gegend geflohen, noch bevor die Operation offiziell begonnen hat. Waziristan ist die Hochburg von Taliban-Führer Baitullah Mehsud. Gegen seine Truppe nehmen sich die Taliban im Swat fast wie friedfertige Nachbarn aus. Als Rache für die Operation des Militärs im Swat haben Mehsud und seine etwa 20.000 Stammeskämpfer in den letzten Monaten eine ganze Kette blutiger Bombenanschläge in den Metropolen des Landes verübt.

Mehsud wird auch beschuldigt, die frühere Premierministerin Benazir Bhutto ermordet zu haben. Die USA haben ein Kopfgeld von fünf Millionen US-Dollar auf den Guerillaführer ausgesetzt, dem gute Verbindungen zum Terrornetz Al-Kaida nachgesagt werden. Mit dem Beginn der Militäroperation in Waziristan wird sich die Sicherheitslage in Pakistan weiter verschärfen. Es bestehen kaum Zweifel, dass Waziristan für die pakistanische Armee ein härteres Pflaster sein wird als das Swat-Tal. Manche Gebiete sind dort schon seit drei Jahren in Taliban-Hand.