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Beginnt die Selbstzerfleischung?

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Terrormiliz Islamischer Staat bringt eigene Kämpfer um.


Dohuk. Es läuft nicht rund für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in diesen Tagen. Im Irak haben die kurdischen Peschmerga das Sinjar-Gebirge zurückerobert und die Dschihadisten in die Flucht getrieben. Und auch im syrischen Kobane sind die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) auf dem Vormarsch. Ein Angriff auf die Stadt konnte abgewehrt werden, dabei wurden 26 IS-Mitglieder getötet. Nach kurdischen Angaben sollen sieben weitere Dschihadisten anschließend bei einem Gegenangriff an der Ostfront der belagerten Stadt erschossen worden sein. Im Irak will die US-Luftwaffe am Wochenende außerdem zwei ranghohe Führungsmitglieder der Terrormiliz getötet haben.

Blanker Terror

Eine Reaktion seitens der IS-Führung erfolgte prompt. Am Samstag sind in der syrischen Stadt Rakka, Hauptstadt des ausgerufenen Kalifats, 100 ausländische IS-Kämpfer hingerichtet worden, die in ihre Heimat zurückkehren wollten. Hundert weitere Kämpfer stünden unter strenger Beobachtung, will die "Financial Times" erfahren haben. Eine "Sittenpolizei" kontrolliere vor Ort ihre Gesinnung. Gestern berichteten Augenzeugen aus Mosul, dass 45 IS-Mitglieder getötet wurden. Die Terrorbande bringt ihre eigenen Kämpfer um. Ob die Morde als Strafe für die Niederlage im Irak und in Syrien galten oder ob die Getöteten gegen die Gesetze der im Kalifat geltenden Scharia verstießen, ist indes unklar. Klar aber scheint zu sein, dass das Projekt Islamischer Staat erste Kratzer erfahren hat.

Kobane wird seit Mitte September von der Sunnitenmiliz IS eingekesselt, die in Teilen Syriens und des Iraks ein "Kalifat" ausgerufen hat. Syrische Kurden verteidigen die Stadt erbittert. Seit Ende Oktober werden sie von Einheiten der nordirakischen Kurdentruppe Peschmerga unterstützt, die über die Türkei nach Syrien gelangten. Im Irak dagegen ist die Stadt Sinjar und das gesamte Gebiet bis zum Mosul-See Anfang August vom IS eingenommen und unter seine Kontrolle gebracht worden. Viele der jesidischen Einwohner der Stadt, die etwa 100 Kilometer vom Tigris-Stausee entfernt liegt, flüchteten in die anliegenden Sinjar-Berge, wo sie wochenlang ohne Wasser und Nahrung ausharrten. Ein durch US-Luftangriffe erkämpfter Korridor nach Syrien ermöglichte schließlich 80.000 von ihnen, dem Zugriff des IS zu entkommen. Für hunderte jesidischer Frauen kam die Hilfe allerdings zu spät. Sie wurden durch die Schergen des IS verschleppt, zwangsverheiratet, vergewaltigt und verkauft. Andere wurden auf der Stelle umgebracht. Der Fund eines Massengrabes am Wochenende zeigt Überreste von rund 70 getöteten Jesiden.

Am Donnerstag hat nun eine Militäroffensive der Kurden zur Rückeroberung der von IS besetzten Gebiete begonnen - mit 8000 Peschmerga-Kämpfern die größte bisher. Es gelang, die Sinjar-Berge wieder vollständig unter die Kontrolle der Kurden zu bekommen. Die noch in den Bergen verbliebenen etwa 1000 Jesiden können gerettet werden. Ziel ist es nun, auch die Stadt Sinjar zurückzuerobern. Doch auch wenn schon einige Gebietsgewinne verzeichnet werden können, ist die Stadt selbst derzeit noch heiß umkämpft.

Sinjar, das auch Shingal genannt wird, war mit fast 40.000 Einwohnern die größte jesidische Stadt im Irak. Fast 80 Prozent der Bewohner gehörten dieser religiösen Minderheit an. Nach der Massenflucht durch die Invasion des IS sind die Kräfteverhältnisse verschoben. Die meisten Bewohner Sinjars leben jetzt in Flüchtlingslagern in den kurdischen Autonomiegebieten um Zakho, an der Grenze zur Türkei oder in Dohuk, Hauptstadt der gleichnamigen kurdischen Provinz. Sollten die kurdischen Sicherheitskräfte tatsächlich Sinjar zurückerobern, stellt sich die Frage, ob ihre vormals jesidischen Einwohner wieder dorthin zurückkehren. In den Lagern in Dohuk hört man strikte Ablehnung: "Das ist nicht mehr unser Land." Das Misstrauen ist groß. Viele wollen den Irak für immer verlassen.

Mogherini in Bagdad

Unterdessen ist die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini zu ihrem ersten Besuch in den Irak gereist. In Bagdad führte die europäische Chefdiplomatin unter anderem Gespräche mit dem irakischen Regierungschef Haidar al-Abadi und dem Parlamentspräsidenten Salim al-Jaburi. Heute reist sie in die nordirakische Stadt Erbil weiter, wo ein Treffen mit Kurdenpräsident Massud Barsani geplant ist. Darüber hinaus wird die Italienerin ein Flüchtlingslager für christliche Familien besuchen, die vom IS äußerst brutal aus ihren Heimatgebieten vertrieben wurden.