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Bei Bedarf rund um die Uhr

Von Romana Höll

Politik

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 23 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wenn Roderick Szavai in die Firma soll, läßt der Chef den Pager klingeln. Das passiert völlig unerwartet. Oft von einer Stunde auf die andere. Dann, wenn die Verkaufszahlen steigen. Wenn die Verkaufszahlen sinken, wird Roderick Szavai wieder nach Hause geschickt.

Im Modekaufhaus Peek & Cloppenburg arbeitet der Großteil der Beschäftigten "Arbeit auf Abruf". Nicht nur im Verkauf, auch im Lager und der gesamten Warenbearbeitung. Kollege Szavai ist Arbeiterbetriebsrat von Peek & Cloppenburg und Handelsarbeiter in der Herrenhemdenabteilung.

Das Diktat des Computers

"Ist die PEP schon da?" lautet jeden Donnerstag oder Freitag die für die Beschäftigten wichtigste Frage der Woche. "PEP" heißt Personaleinstellungsplan. Das ist der eigentliche Dienstplan. Er wird vom Abteilungsleiter für ein bis zwei Wochen erstellt. Die Leute werden angerufen oder angesprochen, wann sie arbeiten könnten.

Gerade die KollegInnen im Handel sind von direkten oder versteckten Formen von "Arbeit auf Abruf" betroffen. Das ermöglicht die neue Technik. Große Handelsunternehmen wissen, wann sie wie viel Umsatz machen und wann deshalb wie viele Verkäuferinnen oder Warenarbeiter im Geschäft benötigt werden. Oder eben gerade nicht.

Flexibel arbeiten

Immer mehr Menschen arbeiten heute "Teilzeit", "Gleitzeit" oder "variabel". Wer das nicht kann, wünscht sich flexible Arbeitszeiten, will selber bestimmen, wann und wo er oder sie anstehende Arbeit erledigt. Oft geht das auch, meistens in arbeitsrechtlich gut abgesicherten Bereichen, in der Industrie, in großen Computerfirmen oder bei Banken und Versicherungen. Und gleichzeitig zeigt die Entwicklung im Handel, dass "Flexibilität" nicht von vornherein ein Segen ist, sondern leicht zum Fluch für die Beschäftigten wird.

Das ist das Verflixte mit der Zeit: Wem gehört sie? Wer verfügt über sie? Verfügen wir über die Zeit - und damit über uns selbst? Oder verfügt das Unternehmen über die Zeit - und damit über unseren Tagesablauf? Die Geschichte der Wirtschaft ist zugleich eine Geschichte des Umgangs mit Menschen und ihrer Zeit, der sich laufend ändert.

Eine neue Zeit

Die so genannte industrielle Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts brachte uns den "Normalarbeitstag", an dem jeder und jede zur gleichen Zeit aufsteht, in die Arbeit geht, wieder zu arbeiten aufhört, schlafen geht. Die neueste Computer-Technik ermöglicht es, die Herstellung und den Verkauf von Waren auf die Minute genau an den jeweils aktuellen Bedarf der Kunden anzupassen. Angepaßt daran wird der Arbeitsrhytmus der Beschäftigten - wenn es sein muß, rund um die Uhr.

Der Personaleinstellungsplan "PEP" ist variabel und richtet sich nach dem geschätzten Umsatz für die jeweils folgenden Verkaufszeiten, erklärt Roderick Szavai von Peek & Cloppenburg. Nach der PEP-Schätzung wird Personal für ein bis zwei Wochen eingeteilt. Firmeninterne Rechengrundlage dafür ist ein bestimmter Mindestumsatz pro Kopf und Arbeitsstunde mit nur sehr geringer Schwankungsbreite. Das ergibt einen "Monatsspiegel" von Stunden, dann wird "nach unten auf die Tage rangiert". Dafür gibt es Erfahrungswerte: "Für Dienstag wird man nicht viele Stunden hergeben. Für Samstag dafür massenhaft", so Kollege Szavai.

Ob er mit der PEP-Einteilung wirklich richtig liegt, weiß der Abteilungsleiter frühestens am Vortag. Dann beginnt das, was den eigentlichen Kern von "Arbeit auf Abruf" ausmacht: die kurzfristige, tägliche bis stündliche Anpassung des Personalstandes an die Umsatzerwartung. Der PEP wird auf die Stunde genau korrigiert. Roderick Szavai: "Wenn Montag schönes Wetter ist, und ich erwarte mir für Dienstag eine Umsatzsteigerung, wird der Chef die Leute eine Stunde vor Schluß einteilen." Eine Stunde vor Schluß, das ist 18 Uhr. "So wie letzten Montag. Ich sitze bei einer Bekannten im Garten. Um 18 Uhr klingelt der Pager. Der Chef ist dran: Können Sie morgen arbeiten herein kommen?" Roderick Szavai sagte ab, es war ihm zu knapp.

Keine Sirenen mehr

Zeit bedeutet für uns heute zunehmend etwas anderes als die "Uhrzeit", in der die Fabrikssirenen das Leben unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern bestimmten: Gearbeitet wird an "Projekten". Für Roderick Szavai ist das der Umsatz, den er schaffen muß, für andere das neue Computersystem, das in drei Tagen installiert sein muß - auch wenn die Arbeit noch so "fuchst". Sie schauen nicht auf die Uhr, sondern auf die Aufgabe, die sie erfüllen müssen.

Soll heißen: Wir messen unsere Arbeitsleistung heutzutage nicht nach der Uhrzeit, sondern nach einer neuen Projektzeit. Den Chef interessiert, ob wir unsere Aufgabe erfüllt haben - und das am besten vorgestern.

Unter günstigen Bedingungen schafft uns Projektarbeit mehr Zeit: Wer auf Druck eine Zeitung fertig machen muß, ein Computersystem installiert haben muß oder 20 bestellte Paletten mit Leiterplatten "just in time" auf den Laster zum Bahnhof bringen muß, kann sich gar nicht so selten auf die Zeit freuen, "wenn der Schmerz nachläßt". Weil: Je schneller wir arbeiten müssen, desto früher sind wir auch fertig - und in gar nicht so wenigen Firmen gibt es anständige Ausgleichsregeln für intensive Mehrarbeit. Freilich nicht immer und überall.

Peek & Cloppenburg bricht durch Arbeit auf Abruf in die Privatsphäre der Mitarbeiter ein. Sicher können sie absagen, wenn der Pager pfeift, sicher versuchen sie, noch eine eigene Zeiteinteilung zu wahren. Das ist jedoch schwierig: "Auch wenn man absagt, ist das eine Belastung", sagt Roderick Szavai. Die Leute stehen ständig unter Druck, sie wollen zeigen, daß sie "willig sind" zu arbeiten.

Wem die Zeit gehört . . .

Schwierig wird's auch, wenn der Computer in der Firma anzeigt, daß die erwartete Tagesproduktivität nicht erreicht wird, und man ist nach PEP eingeteilt. "Dann wird man sofort nach Hause geschickt." Was fängt man an mit der plötzlichen Freizeit? "Shoppen gehen, Internet surfen - Zeit tot schlagen." Dann "hat man Zeit", wie in der Arbeitslosigkeit.

In der Auseinandersetzung um die Regelung der neuen Arbeitszeiten geht es für die Arbeiter und Angestellten darum, über selbstgewählte Arbeitszeit eine bessere Abstimmung mit allen anderen Zeiten, wie zum Beispiel Zeit für die Familie, zu erreichen. Dabei geht es nicht um ein Mehr oder Weniger an Zeit. Der Wunsch der Kolleginnen und Kollegen nach Zeitsouveränität zielt nicht auf mehr "freie Zeit", sondern allgemein auf eine größere Eigenverfügbarkeit über Zeit, zeigen viele Untersuchungen.

Null Sicherheit

Im Rahmendienstvertrag "über den Arbeitseinsatz bei Bedarf" verschweigt Peek & Cloppenburg nichts. "Dieser Vertrag sichert Ihnen kein regelmäßiges Einkommen. Die Höhe des Verdienstes richtet sich nach dem Arbeitsanfall... Der Beschäftigungsumfang kann auch 8 Stunden in der Woche unterschreiten... Es ist durchaus möglich, daß sie auch einmal über einen gewissen Zeitraum hinweg keine Arbeitsangebote erhalten", heißt es da. Und weiter: "Sollte dieser Vertrag mit seinen unsicheren Einkünften und möglicherweise hohen Einkommensschwankungen Ihre soziale Sicherheit nicht mehr ausreichend gewährleisten, so sprechen Sie bitte Ihre Vorgesetzten oder auch den Betriebsrat an."

Was hier beinahe nach Sorge um das soziale Wohlergehen der Belegschaft klingt, bedeutet in Wahrheit eine "volle Abwälzung jeder Verantwortung auf den Arbeitnehmer", so AK-Experte Joachim Preiss, "es gibt Null Sicherheit". Sowohl "Lage und Ausmaß" der Arbeitszeit, als auch "das wirtschaftliche Risiko" wird auf die Beschäftigten abgewälzt, stellte zu einem ähnlichen Fall schon vor Jahren auch der Oberste Gerichtshof in einem Urteil fest. Umgekehrt dann: Der Erfolg, den das Unternehmen auf diese Weise fährt, wird den Beschäftigten nicht abgegolten.

Die Verfassung schützt

Die AK hat mittlerweile beim Verfassungsgerichtshof gegen das Arbeitsmodell von Peek & Cloppenburg geklagt. Grund: "Arbeit auf Abruf" ist ein ungeschütztes diskriminierendes Arbeitsverhältnis. Freiräume hat nur die Firma, aber nicht die Beschäftigten. Verbindliche Grenzen gegen die Gefährdung der Existenz des einzelnen sind aufgehoben. Die Beschäftigten können mit den Arbeitsstunden ohne weiteres einfach "auf Null gesetzt" werden, de facto nicht mehr beschäftigt sein - obwohl sie "angestellt" sind. Es gibt kein garantiertes Mindesteinkommen durch Mindestarbeitszeit, im Gegenzug aber geringere Sozialleistungen, null Aufstiegschancen, Einschränkung der Lebensplanung und der Bewegungsfreiheit.

Wieviele Menschen in Österreich derzeit unter diesen Bedingungen arbeiten, ist nicht erhoben und schwer abschätzbar, solange es für diese Arbeitsverhältnisse keine Regelung gibt. Im engeren Sinne von Arbeitsbedingungen wird zu Lasten der einzelnen Beschäftigten eine ganze Reihe rechtlicher Bestimmungen unterlaufen: Kündigungsschutz, Anspruch auf Abfertigung, Entgeltfortzahlung bei Krankheit, das Arbeitszeitgesetz oder die arbeitsverfassungsrechtlich geschützte Stellung von Betriebsräten. Auch Betriebsrat Szavai kann "auf Null" gesetzt werden.

Angriff der Zeitfresser

In der Auseinandersetzung um flexible Arbeitszeiten in Österreich steht die Regierung von ÖVP und FPÖ auf der Seite der Unternehmen. Im Regierungspakt stellt sie die zentrale Grundlage des österreichischen Arbeitsrechts massiv in Frage: den Kollektivvertrag - durch "Verlagerung von der überbetrieblichen in die betriebliche Mitbestimmung, insbesondere in Bezug auf Arbeitszeit, Betriebszeiten, Kollektivvertragsrecht" und "Regelung der flexiblen Arbeitszeit in Branchen ohne Kollektivvertrag durch Betriebs- bzw. Einzelvereinbarungen."

Gerade im Handel soll die Arbeitszeit zu Lasten der Beschäftigten weiter flexibilisiert werden. Ein entscheidender Erfolg bisheriger Verhandlungen zur Regulierung flexibler Arbeitszeiten war seitens der Gewerkschaft, daß Samstag-Beschäftigten im Handel der darauffolgenden Samstag frei gegeben werden mußte. Diese Regelung soll nun fallen. Schon für diesen Herbst hat die Regierung eine "Erweiterung der Rahmenöffnungszeiten von derzeit 66 auf 72 Stunden" geplant. Da gleichzeitig im Regierungsabkommen keine arbeitsrechtliche Absicherung der atypisch Beschäftigten, kein Recht auf Teilzeitarbeit und keine beschäftigten- und familienorientierte Arbeitszeitgestaltung vorgesehen ist, bedeutet eine Ausweitung der Öffnungszeiten eine massive Verschlechterung vor allem für Frauen. Familie und Beruf werden schlechter vereinbar sein. Ansätze zu Chancengleichheiten für Frauen im Arbeitsleben sollen zurückgenommen werden.

Wer ist flexibel?

"Die Leute wollen klare, abgegrenzte Arbeitszeiten", erklärt Karl Dürtscher, Sekretär für den Handel in der Gewerkschaft der Privatangestellten. Mit den schon bisher erweiterten Öffnungszeiten ohne zusätzlichen Personalaufwand geraten die Beschäftigten nicht nur vom Unternehmen her unter Druck, sondern auch von den Kollegen: "Da sind schon Freundschaften auseinandergegangen", weiß Karl Dürtscher. Mobbing ist hier Tür und Tor geöffnet. Das ist schon unter den Teilzeitbeschäftigten so. Besonders krass ist es durch die Zeiteinteilung bei "Arbeit auf Abruf": "Wieso hat der jetzt eine Stunde mehr als ich? Ich bin doch leiwanda, netter und Englisch kann ich auch!", erklärt Herr Szavai das Gegeneinander unter den Beschäftigten.

Flexibilisierung ist heute "unternehmensbestimmt", so Dürtscher, es gehe darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, wo zumindest im Kollektivvertrag Mindestarbeitszeiten in Form zusammenhängender täglicher Blockzeit von vier Stunden festgelegt werden. Dies auch, um zu verhindern, daß die Wegzeiten länger sind als die Arbeitszeit. Was die Vorlaufzeiten betrifft, so ist die Arbeitszeit laut Arbeitszeitgesetz 14 Tage im Vorhinein anzugeben. Allerdings, so Dürtscher: "Wer sich nicht daran hält, wird nicht bestraft."

Familie für 2 Stunden

Zu knappe Vorlaufzeiten sind vor allem für Frauen ein Problem, die ihre Arbeitszeiten mit Familienzeiten koordinieren müssen. Dabei stehen die Zeiten der Kinder notwendigerweise an erster Stelle, Zeit für die Beziehung ist fast keine mehr.

Beatrix Wolfsbauer zum Beispiel kennt das ganz genau. Sie ist gelernte Verkäuferin, Betriebrätin bei Eurospar und hat zwei Kinder. Sie arbeitet vormittags bis 13 Uhr. Um die morgendlichen Kinderzeiten und das Mittagessen kümmert sich ihr Mann. Wenn Kollegin Wolfsbauer dann nach Hause kommt und die Kinder übernimmt, bleiben ihr und ihrem Mann noch gemeinsame zwei Stunden, bevor er in die Nachtschicht ins Burgenland pendelt. Es sei denn, es gibt einen Arzttermin, dann sieht Beatrix Wolfsbauer ihren Mann gar nicht.

Dabei gehört Beatrix Wolfsbauer zu den ganz wenigen im Handel Beschäftigten, die einen fixen Dienstplan haben. "Am Freitag wird der Plan für Montag gemacht", schildert sie den gängigen Ablauf in der Filiale. Und es ginge auch anders: In der Frischeabteilung wurde eine Zeitlang probiert in Schichtdienst zu arbeiten. Um 14 Uhr war Wechsel. Die Leute wußten also ganz genau, wie lange und wann sie zu arbeiten hatten. Und sie arbeiteten deshalb auch lieber und besser. Der Haken: "Es darf kein Ausfall sein, keiner darf in Urlaub gehen oder krank werden", so Beatrix Wolfsbauer. Denn Schichtdienst ist personalintensiv. Und dazu müßte das Unternehmen "viel mehr Leute aufnehmen".

Selber bestimmen . . .

AK und ÖGB lehnen eine Flexibilisierung der Arbeitszeit in Form der Arbeit auf Abruf ab. Unabdingbar soll die Mitbestimmung des Betriebsrats bei der Festlegung der Arbeitszeit sein. Für den Arbeitseinsatz zu einer bestimmten Zeit sollen sich die Beschäftigten freiwillig entscheiden können, die konkrete Arbeitszeit soll nicht einseitig durch die Firma festgelegt werden können. Und: Die Rahmenbedingungen für Arbeitszeiten müssen im Kollektivvertrag geregelt werden.

In der Sprache der Wissenschafter würde das bedeuten: wir nutzen die neue Technik, um den Umgang mit verschiedenen "Zeiten" selbst zu gestalten, Zeit verschieden zu "verzeiten". In einem "Rund-um-die-Uhr"-Zugriff sollen wir uns zu jeder Zeit in unterschiedliche Zeiten ein- oder ausklinken können. Damit werden auferlegte Zeitprogramme in selbstbestimmte Zeitformen umgewandelt.

Mag. Romana Höll ist Soziologin und freie Wissenschaftsjournalistin in Wien.