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Bei Dämonenjägern auf der Couch

Von Solmaz Khorsand

Politik
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In der Kunsttherapie zeichnen traumatisierte Kinder ihre Erlebnisse.
© Hemayat

200 Männer und Frauen warten auf einen Therapieplatz.


Wien. Eine Wunderheilung hat Erwin Klasek vollbracht. Der Therapeut lächelt. Damals, als ein junger Tschetschene mit einem juckenden Fuß zu ihm in die Sitzung kam. "Was sei denn in der Vergangenheit passiert, das mit seinen Füßen zu tun hatte?", wollte Klasek wissen. Der Mann überlegte kurz. Ach ja, da war etwas, als die Russen sein Dorf belagerte hatten. Durch einen Korridor erlaubten sie der Zivilbevölkerung, das Dorf zu verlassen. Eine Falle. Der Korridor war vermint. Der junge Mann ist unversehrt durchgekommen. Sein Freund, den er geschultert hatte, nicht. Ihm hatte eine Mine das Bein weggerissen. Panik hatte er. Bei jedem Schritt. "Ja, aber das darf man nicht sagen", hat er Klasek erzählt. In der nächsten Sitzung war das Jucken plötzlich weg.

Der Mann ist die Ausnahme bei Hemayat, dem Betreuungszentrum für Kriegs- und Folteropfer. Jedes Jahr betreuen Klasek und seine Kollegen rund 700 Männer und Frauen in der Sechsschimmelgasse im 9. Bezirk. Ihre Patienten stammen aus 46 Ländern. In der Regel müssen sie öfter als zweimal kommen, bis das Jucken, die Alpträume, die rastlosen Nächte und die Appetitlosigkeit verschwinden. Es sind erwachsene Männer, die nur stammeln, dass "sie zur Frau gemacht wurden", Frauen, die abwesend von den Massenvergewaltigungen erzählen, die ihre Kinder beobachten mussten, und kleine Mädchen, die plötzlich verstummt sind. 200 Personen stehen derzeit auf der Warteliste des Vereins. Bis zu einem Jahr können die Betroffenen schon einmal auf einen Platz warten. "Es ist grauenhaft, Leuten zu sagen, dass wir nichts für sie tun können jetzt, weil das Geld fehlt", sagt Cecilia Heiss, Geschäftsführerin von Hemayat. Am morgigen Freitag soll nun gesammelt werden. Prominente laden zu einer Benefizauktion im Amerlingbeisl im 7. Bezirk. Unter anderem kann ein Glas Wein mit dem Regisseur Ulrich Seidl, ein Frühstück mit Kabarettist Alfred Dorfer oder eine Lesung im eigenen Wohnzimmer mit Drehbuchautor David Schalko ersteigert werden.

Die Zeit ist knapp, weiß Heiss, denn je länger mit den Behandlungen der Betroffenen gewartet wird, umso eher verschlimmert sich ihr psychischer Zustand. So wird aus einer posttraumatischen Belastungsstörung eine regelrechte Persönlichkeitsstörung, die viel länger und schwerer zu behandeln wäre, gibt Psychologin Heiss zu bedenken.

Zweite Traumatisierung in Österreich

Seit 15 Jahren betreut Hemayat - das auf Arabisch "Schutz" bedeutet - Kriegs- und Folterüberlebende. Und ihre Kinder. Der Bedarf für die Jüngsten ist gestiegen. Derzeit warten mehr als 40 Kinder auf einen Therapieplatz. Es sind nicht nur die aggressiven Burschen, die ihre Kameraden im Kindergarten beißen, oder die Mädchen, die aufgehört haben zu sprechen, sondern auch jene Kinder, die jeden Tag funktionieren. Sie begleiten ihre Eltern auf die Ämter, übersetzen für sie, sind gut in der Schule und warten geduldig im Wartezimmer, wenn Mama ihre Therapiestunde hat. Dann, wenn sie in Ruhe bei der Sekretärin sitzen, beginnen sie Bilder zu zeichnen, von Toten, Panzern und Soldaten.

Jeden Dienstagnachmittag gibt es eine spezielle Kindergruppe. 20 Mädchen und Burschen kommen hier für zwei Stunden zusammen, der vierjährige tschetschenische Junge, der monatelang in einem Hundezwinger gehalten wurde und Videos von der Ermordung seines Onkels vorgespielt bekam, genauso wie das neunjährige Mädchen aus Afghanistan, das still seine Bilder malt.

"Was uns am meisten mitnimmt, ist, was hier in Österreich passiert", sagt Heiss. Mit dem Grauen in der Ferne habe man sich irgendwie arrangiert. Die Vergewaltigungen, die Elektroschocks, die Hundezwinger - sie sind weit weg, irgendwo auf der Landkarte vermerkt. Doch viele Opfer würden in Österreich retraumatisiert werden. Weil ihnen niemand glaubt. "Wenn sie es überhaupt schaffen, bei den Asylverfahren ihre Geschichte zu erzählen, werden sie sofort in Widersprüche verstrickt", erzählt Heiss.

Die Flüchtlingsheime tun ihr Übriges. Dort, wo die Betroffenen ständig Männern in Uniformen und mit Waffen begegnen. Wo sie mit jeder Familie mitzittern, die von der Fremdenpolizei in aller Früh abgeholt wird. Wo sie bereits Schlachtpläne entwerfen, ihre Familienmitglieder an verschiedenen Orten unterzubringen, damit es ihnen nicht passiert. Damit sie nicht alle erwischt werden. Dass sie vorbereitet sind, zumindest dieses Mal. Waren sie es doch in ihrer Heimat nicht, als die Regimeschergen sie halb nackt aus dem Bett gezerrt haben, um sie zu dem Verhör abzuholen. Und plötzlich wird der österreichische Beamte von heute der russische Beamte von damals. Das Gebrüll auf Deutsch klingt plötzlich wie der Dialekt des einstigen Landsmannes.

Und dann schleicht sich eine neue Angst ein: die Angst, den Verstand zu verlieren. Dann kommen sie zu Erwin Klasek in die Sitzung. Eine Wunderheilung kann er ihnen nicht versprechen. Nur, dass er ihnen zuhört. Und ihnen glaubt.

Hemayat