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Bei den Irakern ist die Sorge größer als der Jubel

Von Anne-Beatrice Clasmann

Politik

Zweifel an den einheimischen Sicherheitskräften. | Bagdad/Mossul. (dpa) Wenn sie daran denken, dass am Dienstag der letzte US-Soldat aus den irakischen Städten und Dörfern abziehen wird, befällt viele Menschen an Euphrat und Tigris ein mulmiges Gefühl. Selbst diejenigen Iraker, die seit der US-Invasion im Frühjahr 2003 ohne Pause auf die "amerikanischen Besatzer" schimpfen, können ihre Freude über den geplanten Abzug nicht richtig genießen. Zu groß ist die Angst, dass korrupte Politiker, Milizionäre, ehemalige Gefangene, Kriminelle und Terroristen die Tatsache, dass die Amerikaner sich auf ihre Stützpunkte außerhalb der Ortschaften zurückziehen, ausnutzen könnten, um "offene Rechnungen zu begleichen".


Die blutigen Terroranschläge der vergangenen Tage haben diese Sorge noch einmal verstärkt. Aus dem Bagdader Schiiten-Vorort Sadr-City waren die Amerikaner schon abgezogen, als dort am Mittwochabend auf einem Markt eine Bombe explodierte, die 74 Menschen tötete.

Auch General Ray Odierno, dem Oberkommandierenden der US-Truppen im Irak, ist offensichtlich nicht ganz wohl beim Gedanken an den Abzug. So erklärte er noch am 8. Mai, richtig friedlich werde es im Irak so schnell nicht werden: "In den nächsten fünf, zehn, fünfzehn Jahren wird es im Irak immer eine Art Aufstand auf niedrigem Niveau geben." Und er sagte, ein Fünftel der Kampftruppen werde voraussichtlich auch nach dem 30. Juni in der Hauptstadt Bagdad und in der nördlichen Stadt Mossul bleiben, wo Aufständische und Terroristen besonders häufig Anschläge und Attentate verüben.

Doch dann wurde Odierno offensichtlich zurückgepfiffen. US-Präsident Barack Obama betonte bei seiner vielbeachteten Rede in Kairo am 4. Juni, die im Sicherheitsabkommen zwischen USA und Irak (Sofa) festgelegte Frist für den Abzug werde auf jeden Fall eingehalten.

Auf die Frage, ob mit Verzögerungen zu rechnen sei, antwortete jetzt ein Militärsprecher in Bagdad knapp: "Die US-Truppen werden die Städte am 30. Juni verlassen haben." Danach werde es in den Ortschaften nur noch "Beratung und Ausbildung für die irakischen Sicherheitskräfte" geben. Der endgültige Abzug der US-Truppen aus dem Irak ist laut Sofa  für Ende 2011 vorgesehen.

Derzeit sind noch etwas mehr als 134.000 US-Soldaten im Irak stationiert, davon alleine 20.000 im Camp Victory, das so nah am Zentrum von Bagdad liegt, dass es schon einer besonders pfiffigen Interpretation des Stadtplanes bedurfte, um zu behaupten, dieser große Stützpunkt liege "außerhalb der Stadt".

Umzug beim Rückzug

Für Sultan Hikmat bedeutet der Abzug der US-Truppen, dass er bald Umzugskisten packen wird. Denn der 55-jährige Arzt, der seine Praxis in Mossul hat, fühlt sich nicht mehr sicher, wenn die Amerikaner gehen. Dutzende von Ärzten und anderen Akademikern sind in Mossul in den vergangenen Jahren entführt oder umgebracht worden, ohne dass jemals aufgeklärt wurde, wer dahintersteckte.

"Wenn das letzte US-Militärfahrzeug diese Stadt verlässt, dann werde auch ich gehen. Ich werde in eine sicherere Stadt übersiedeln - und ich werde nicht der einzige Arzt sein, der das tut. Denn die Amerikaner haben geholfen, die Stadt halbwegs sicher zu machen." Die irakischen Sicherheitskräfte seien für diese Aufgabe zu schwach, fürchtet der Mediziner.

Weiter US-Hilfe

Die Entscheidungsträger in Bagdad wollen von derartigen Zweifeln nichts wissen. Man hat den heutigen Dienstag zum offiziellen Feiertag erklärt und Jubelfeiern angeordnet. Damit auch die Skeptiker mitfeiern können, will man in Bagdad gleichzeitig den Jahrestag der irakischen Revolte gegen die Briten von 1920 begehen.

Doch auch in der schiitischen Bevölkerungsgruppe, der Ministerpräsident Nuri al-Maliki angehört, gibt es Bedenken. "Die irakischen Truppen sollten bei Erfüllung ihrer Aufgaben künftig nicht mehr von der Politik gegängelt werden, besonders in den Gebieten, wo es gelegentlich noch Terroranschläge gibt", sagt der schiitische Abgeordnete Abbas al-Bayati, ein Mitglied des Sicherheitsausschusses im Parlament. Die irakischen Sicherheitskräfte sollten die Hilfe der US-Truppen in den Bereichen Logistik und Ausbildung auch weiterhin kräftig in Anspruch nehmen. Auch die US-Luftwaffe müsse man wohl noch mehrmals anfordern.

Dennoch will Obama den Irakern nicht nur die Militärstützpunkte übergeben, sondern auch die Verantwortung. Auch wenn sich die irakischen Politiker nach wie vor schwer damit tun, Prinzipien wie Rechtstaatlichkeit und Chancengleichheit durchzusetzen. In irakischen Gefängnissen werden Häftlinge misshandelt. Wer eine Arbeit sucht, muss häufig erst einmal den Personalverantwortlichen bestechen.

Das schürt freilich Hass und Frustration und treibt viele Iraker in die Arme der Extremisten. "Die meisten Aufständischen sind keine bösen Menschen, die meisten Leute, die wir festgenommen haben, wurden für das, was sie getan haben, bezahlt", erklärte kürzlich Major Chris Norrie, dessen Einheit in der Nähe der Öl-Stadt Kirkuk stationiert ist. Er glaubt, dass eine Senkung der Arbeitslosenzahlen als Strategie effektiver wäre, als Aufständische einzusperren.