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Bei den Verteidigern von Kiew

Von Thomas Seifert aus Kiew

Politik
Unter Anleitung des Veterinärmediziners Kostya trainieren die Freiwilligen das rasche Abbinden von Gliedmaßen, um den Blutverlust zu stoppen. "Jeder Handgriff muss sitzen", sagt Kostya.
© Seifert

In einem Waldstück in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt haben sich Territorialverteidigungskräfte eingegraben.


In einem Waldstück in der Nähe von Kiew. Grabensysteme, MG-Nester, Beobachtungsposten, Unterstände. Eine Basis der Terytorialnoyi Oborony, der Territorialverteidigung von Kiew. Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs wurden die Reservisten- und Freiwilligenverbände aktiviert, seither unterstützen sie die ukrainische Armee bei der Verteidigung ihres Landes.

Zwischen den Bäumen versteckt befindet sich eine wichtige Verteidigungslinie: Wäre es der ukrainischen Armee nicht gelungen, die russischen Soldaten in den Vorstädten im Norden der Stadt zurückzuschlagen, dann hätten sich die Gefechte hierher - gefährlich nahe an die ukrainische Hauptstadt Kiew - verlagert.

Konstantin, den alle im Militärlager Kostya nennen, zeigt heute seinen Soldaten, wie man ein Tourniquet anlegt, das vor allem bei großen Gefäßverletzungen zum Einsatz kommt. Eigentlich ist Konstantin Veterinärmediziner, aber er hat sich in den vergangenen Jahren schulen lassen und ist nun Ausbildner für medizinische Hilfe am Gefechtsfeld. Seit 26. Februar dient er als Freiwilliger bei der Territorialverteidigungs-Einheit in der Nähe von Kiew.

"Das Tourniquet ist kritisch, das ist die wichtigste Sache, weil, wenn man an den Extremitäten schwer verwundet wird, besteht die Gefahr, dass man schon in wenigen Minuten verblutet. Darum muss man wissen, wie man so einen Druckverband anlegt, der die Blutzufuhr zum verletzten Arm oder Bein unterbindet", erklärt Kostya, der sich nur mit seinem Vornamen vorgestellt hat.

Vor ihm liegen zwei Soldaten auf Tragetüchern, Kostya nimmt das orange Tourniquet, kniet neben einem der Soldaten nieder und legt gekonnt den Druckverband - praktische eine Blutsperre - am Arm an. Den Kompressionsriemen des Tourniquet um den Oberarm legen, zuziehen und dann noch mit dem Plastikstab zudrehen. Kostya zeigt vor, wie man diese Aderpresse am besten zuschnürt und er erklärt, dass der Helfer die Waffe auf seinem Rücken fixieren muss, damit sie dem Verwundeten nicht ins Gesicht knallt, wenn man sich über ihn beugt.

"Jeder Handgriff muss sitzen"

"Wir trainieren das ständig, denn die Erste Hilfe am Gefechtsfeld muss auch funktionieren, wenn es rund um einen kracht. Da muss jeder Handgriff sitzen, da darf man gar nicht erst nachdenken müssen", sagt Kostya. Dann nimmt er das Tourniquet ab, steht auf und beginnt von neuem, diesmal zeigt er vor, wie man das am Bein macht. Neben dem Verwundeten niederknien, Tourniquet in der Leistengegend um den Oberschenkel binden und zudrehen. Eine Verwundung nahe der Arteria femoralis sei besonders kritisch, sagt Kostya: Sie versorgt das ganze Bein mit Blut, in kürzester Zeit kann ein katastrophaler, lebensbedrohlicher Blutverlust auftreten. Kostya steht wieder auf, übergibt das Tourniquet an einen der Soldaten, der die Handgriffe die ganze Zeit genau beobachtet hat. Kostya will nun zusehen, wie gut seine Soldaten den Drill beherrschen.

Kommandeur Oleksandr Tarasivskiy zeigt auf dem Smartphone ein Foto seiner Tochter. "Mein größter Wunsch ist, dass sie nie eine Waffe in die Hand nehmen muss", sagt er.
© Seifert

Erste Hilfe, Waffenausbildung, taktische Ausbildung. Seine Soldaten seien ständig im Training, sagt Oleksandr Tarasivskiy, Kommandeur der Einheit. Tarasivskiy holt einen der Soldaten herbei. Der soll die schultergestützte Panzerabwehrrakete Nlaw (Next Generation Light Anti-Armour Weapon) vorzeigen, den "Stolz der Infanterie", wie Tarasivskiy sagt. Der Soldat schultert das grüne Rohr, zeigt vor, wie man anvisiert und tippt an den Knöpfen beim Visier herum.

"Man kann das Ziel direkt anpeilen oder das Geschoß so programmieren, dass die Hohlladung von oben auf die Panzerung trifft - dort ist das Metall nämlich am dünnsten", sagt der Soldat. Die Energie der Explosion entlädt sich dann in das gepanzerte Fahrzeug, die Überlebenschance der Besatzung ist gleich null. "Diese Waffen waren für das Zurückschlagen der russischen Truppen ganz entscheidend", sagt Tarasivskiy.

Schon vor dem russischen Einmarsch hat Großbritannien laut Medienberichten 2000 Nlaws in die Ukraine geliefert, weitere 1615 Stück sollen Anfang März ins Land gebracht worden sein und London hat Kiew Ende März die Lieferung von weiteren 6000 Panzerabwehrwaffen versprochen. Die Reichweite der Nlaw liegt bei bis zu 800 Metern. "Meine Soldaten brauchen nur 15 Minuten, bis sie den Umgang beherrschen", sagt Tarasivskiy. "Wir haben die Handhabung vorgezeigt und die Soldaten haben sich verschiedene Youtube-Videos angesehen, um zu lernen, wie man mit dem Ding schießt", sagt er.

"Ich kämpfe für meine Tochter"

Neben der Nlaw hat die Ukraine auch die deutsche Panzerfaust 3 und die US-Waffe Javelin im Einsatz. Bei den derzeitigen Gefechten in der Ostukraine spielt die Panzerabwehr aber eine eher untergeordnete Rolle, da sich die Kriegsparteien dort Artillerieduelle liefern - dort wird auf Distanz gekämpft, teilweise auf eine Entfernung von bis zu 50 Kilometern.

Tarasivskiy ist Mitte 40 und war einige Jahre Soldat, doch vor der russischen Invasion hat er in der Energiewirtschaft gearbeitet. Als die Panzer über die Grenzen rollten, meldete sich er aber sofort zur Territorialverteidigung. Tarasivskiy wirkt so gar nicht wie Rambo, er spricht mit Bedacht und mit sanfter Stimme, er wirkt nicht wie ein Draufgänger, sondern eher wie ein nachdenklicher, besonnener Mensch. "Meine Familie ist in Kiew, meine Frau, meine Tochter", erzählt er. "Manche denken, es geht um die Verteidigung des Vaterlandes. Das stimmt auch. Aber das sind sehr hochtrabende Gedanken, für mich ist das alles viel näher dran, viel persönlicher: Ich verteidige hier meine Frau und meine Tochter. Ich kämpfe dafür, dass meine Tochter eine Zukunft hat."

Als Tarasivskiy zu seiner Einheit ging, umarmte er sie noch einmal, "es war wichtig, ihr noch einmal in die Augen zu sehen". Die Elfjährige trainiert Taekwondo, sie sei eine "gar nicht mehr so kleine Kämpferin". "Wenn dieser Krieg vorbei ist - und ich hoffe, dass das bald so sein wird - dann möchte ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurück und an Turbinen bauen, ich möchte einfach mein Leben wieder zurück und das alles einfach vergessen", sagt Tarasivskiy. "Alles bis auf die Menschen, die Soldaten, mit denen ich hier in diesem Wald bin - das sind die besten Leute, die ich je getroffen habe."

"Alle haben geholfen"

Tarasivskiy sagt, er sei dankbar für die Hilfe, die die Ukraine von den Ländern der Europäischen Union und aus den USA bekommt. "Die einfachen Bürger - und nicht nur die Regierungen - haben geholfen", sagt er. Aber nicht nur für die Hilfe für die ukrainische Zivilbevölkerung sei er dankbar, sagt Tarasivskiy, sondern auch für die Militärlieferungen: "Wir haben bereits Panzerabwehrwaffen bekommen, aber wir benötigen ganz dringend Waffen zur Luft-Verteidigung und zur Schiffsabwehr. In diesen Dingen sind wir viel schwächer als unser Feind." Die wichtigste Unterstützung sei nun aber, der Ukraine einen Nato-Beitritt anzubieten, sagt Tarasivskiy. "Es wurde noch nie so viel Blut für diese Nato-Mitgliedschaft gezahlt wie von meinem Land", sagt er.

Zum Abschied zeigt Tarasivskiy ein Foto, das seine Tochter letzten Sommer am Sportplatz zeigt, wie sie stolz eine Taekwondo-Siegerurkunde in ihren Händen hält. "Mein größter Wunsch ist, dass meine Tochter nie eine Waffe in die Hand nehmen muss", sagt er. Ich wünsche mir, dass sie leben kann, wie man in der EU lebt, dass sie ein normales, friedliches Leben leben kann."

Mitarbeit: Olya Danyukova