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Bei Frauen führt oft erlebte Gewalt in die Abhängigkeit

Von Wolfgang Kappler

Wissen

Männer tun es. Frauen auch. Aus anderen Gründen zwar, aber in immer größerem Ausmaß. Sie tun es anders, stiller, heimlicher und weniger lang. Sucht ist in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer ein Männerthema. Ein Eindruck, der nicht nur falsch ist, sondern der auch dazu führt, dass die zur weiblichen Sucht gehörenden besonderen Gesundheitsgefahren unbeachtet bleiben. Experten versuchen deshalb seit Jahren, das Thema Frauensucht aus dem Verborgenen zu holen, denn: Betroffene Frauen brauchen aus vielerlei Gründen eine eigene Therapie. Mediziner sind deshalb gut beraten, wenn sie bei der Behandlung von Abhängigkeitskrankheiten den kleinen Unterschied im Blick behalten.


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"Frauen kochen wir ihre Mütter und trinken wie ihre Väter". Dieser Spruch eines Spötters enthält viel Wahres. Denn Alkohol ist bei Frauen die bevorzugte Einstiegsdroge, und zwei Drittel der Betroffenen kommen aus Familien mit Suchtproblemen. Fachleute schätzen, dass je ein Drittel der von Alkohol und/oder illegalen Drogen Abhängigen Frauen sind, bei den Medikamentenabhängigen sind es sogar zwei Drittel. Eine vor wenigen Monaten veröffentlichte Studie von Prof. Christel Zenker am Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin, suchte nach den Ursachen für Suchtprobleme bei Frauen.

Die Datenanalyse von 908 in Suchtkliniken behandelten Patientinnen ergab, dass bei allen Gewalterfahrungen, Sucht der Bezugspersonen und soziale Belastungen den Weg in die Abhängigkeit geebnet hatten. Dabei scheint das Ausmaß der Belastungen einen Einfluss auf das Suchteinstiegsalter und die Wahl der Droge zu haben. So zeigte sich, dass jene Frauen, die bereits in jungen Jahren abhängig wurden oder illegale Drogen konsumierten, deutlich mehr sexuelle und seelische Gewalt erleben mussten, mehr selbstverletzendes Verhalten an den Tag legten und eher zum Selbstmord neigten als jene, die erst in späteren Jahren süchtig wurden oder sich auf Alkohol beschränkten.

Bei den in der Kindheit weniger Belasteten scheinen eher Partnerprobleme und familiäre Belastungen im Erwachsenenalter den Boden für die Sucht zu bereiten. Zenker, die in den Ergebnissen auch Anhaltspunkte für vorbeugende Maßnahmen sieht, folgert daraus: "In ihrer Behandlung müssen Frauen vorrangig auf der Gefühlsebene angesprochen werde, da sie häufig seelische Kränkungen aufweisen".

Angst und Depression

Nach Auffassung von Dr. Wilma Funke, leitende Psychologin der Kliniken Wied, könne es kein globales Behandlungsangebot für süchtige Frauen geben. Therapien müssten auf die unterschiedlichen Subgruppen zugeschnitten sein und individuell mit den Klientinnen entschieden werden. Auch, so Funke, weil süchtige Frauen häufig zusätzlich durch Ängste und Depressionen gequält werden. Beides sind neben sozialem Druck und Ausgrenzungsversuchen die Hauptgründe, weshalb Betroffene um Hilfe bitten. Hausärzte, Gynäkologen und Psychologen sollten deshalb bei ängstlichen und depressiven Patientinnen auch an eine mögliche Sucht denken.

"Erschwert wird die Behandlung süchtiger Frauen nicht selten durch mangelnde Selbstwertgefühle und Abgrenzungsfähigkeiten, sowie verdrängter Identität", stellt Funke fest. Bei Männern, die häufiger durch Stress, Leistungsdruck oder Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten am Arbeitsplatz den Weg in die Abhängigkeit finden, wird eine Therapie eher durch grundsätzliche Nähe-Distanz-Konflikte, Probleme beim Annehmen von Hilfe und mangelnder emotionaler Kompetenz erschwert.

Später süchtig, früher krank

In der Regel beginnt die Suchtkarriere bei Frauen später als bei Männern, sie erkranken dafür aber früher. Möglicherweise, weil die Mehrfachbelastung durch Haushalt, Nebenerwerb und Kindererziehung die Prozesse beschleunigt. "Diese Zusatzbelastungen sind es auch, weshalb betroffene Frauen eher ambulante Angebote der Suchtbehandlung annehmen, weil sie allem gerecht werden wollen", sagt Dr. Hans Neustädter, Chefarzt der Saarbrücker Fachklinik Tiefental.

Dr. Ulrich Hutschenreuther, Leiter der Tagesklinik Dudweiler, bestätigt: "Der Anteil von Frauen in unserer Einrichtung ist in den letzten Jahren von 25 auf 40 Prozent gestiegen." Schließlich erfordert die Behandlung suchtkranker Frauen auch deshalb spezielle Angebote, weil viele von ihnen Mütter sind, deren Kinder einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, später ebenfalls süchtig zu werden. Diesem Umstand hat zum Beispiel die Fachklinik Tiefental Rechnung getragen. Vor 20 Jahren war sie die erste Suchtklinik Deutschlands mit einem speziellen Mutter-Kind-Angebot.