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Bei Gas auf Solidarität setzen

Von Miljkovic Marijana

Wirtschaft
Das Wärmekraftwerk Theiß könnte statt mit Gas mit Erdöl betrieben werden, schlagen Forscher des CSH vor. Das ist laut Betreiber EVN aber nicht mehr möglich.
© Bwag

Lieferstopp wäre laut einer Studie verkraftbar, Umrüsten von Kraftwerken von Gas auf Öl wäre aber nicht möglich.


Ein sofortiger Gas-Lieferstopp aus Russland wäre für Österreichs Wirtschaft bewältigbar — zu diesem Schluss kommt eine Studie des Complexity Science Hub Vienna (CSH). Voraussetzung ist, dass sich die Länder der Europäischen Union bei der Gasbeschaffung, der Verteilung und Diversifizierung der alternativen Gasquellen solidarisch zeigen. Die Berechnungen gehen von zwei Szenarien aus, die mit dem fiktiven Lieferstopp am 1. Juni 2022 beginnen. Im ersten, positiven Szenario, beträgt der Lieferengpass 17,4 Prozent. Die Versorgung der Industrie würde um 10,4 Prozent zurückgehen, der gesamte Produktionsrückgang würde demnach knapp zwei Prozent betragen, sagt Stefan Thurner, Leiter des CSH.

In einem negativen Szenario, dem die Forscher das Attribut "unkoordiniert" verpassten und das davon ausgeht, dass Österreich das benötigte Erdgas selbst auf Auktionen und ohne einheitliches Vorgehen der EU beschaffen müsste, wäre der Schaden höher: Der Lieferengpass würde minus 36 Prozent betragen, die industriellen Gasversorgung würde um mehr als die Hälfte zurückgehen und der Produktionsrückgang würde mehr als 9 Prozent betragen. "Im ersten Szenario würden sich die Verluste der Bruttoproduktion auf 1,11 Milliarden Euro belaufen, im negativen Szenario aber auf 5,3 Milliarden Euro - pro Monat", gab Thurner zu bedenken.

Die Folgen eines sofortigen Gasstopps würde abfedern, wenn auch Haushalte beginnen würden, Gas zu sparen. Reduziert man ein Prozent seines Gasverbrauchs pro Jahr, käme es laut Thurner zu einem Multiplikatoreffekt, und die Industrie hätte zwei Prozent Gas mehr zur Verfügung. Das hätte nicht nur für die Produktion, sondern auch auf den Arbeitsmarkt positive Effekte.

Erdgas gegen Erdöl

Ebenfalls Teil der CSH-Berechnung ist, dass Österreich zur Stromerzeugung kurzfristig Gas durch Erdöl ersetzt. Die Forscher nennen hier das Wärmekraftwerk Theiß und schlagen vor, dass man die klimaschädliche Maßnahme mittelfristig durch Investitionen in erneuerbare Energien kompensieren könne. Damit würde man immerhin ein Zehntel der Gasversorgung ersetzen können, berechneten die Komplexitätsforscher.

Gaskraftwerke mit Erdöl betreiben, geht das heute noch? Die EVN, Betreiberin des Kraftwerks Theiß, sagt Nein. Bis 2019 sei das noch möglich gewesen, doch "die E-Control hat die Kosten nicht mehr genehmigt", sagt Stefan Zach, Sprecher der EVN. Also habe der Abbau begonnen, das Heizöl und Teile der Anlage wurden verkauft.

In Deutschland bringt man angesichts des drohenden Gasengpasses auch die Inbetriebnahme von Kohlekraftwerken ins Spiel. In Österreich ist auch das kein Thema. Das Kraftwerk Dürnrohr, ebenfalls von der EVN betrieben, wurde 2019 de facto stillgelegt. "Wir würden unter normalen Bedingungen ein dreiviertel Jahr brauchen, um es wieder in Betrieb zu setzen. Doch die Mitarbeiter sind in Pension gegangen oder anderswo im Einsatz, die Kohlehalde ist zu 100 Prozent abgetragen und der Kohlemarkt derzeit ist leer", sagt der EVN-Sprecher. Ähnlich sieht das Bild in Mellach aus, wo der Stromkonzern Verbund ein Kohlekraftwerk betrieben hatte. Auch hier käme eine Aktivierung nicht in Frage, sagt ein Sprecher auf Anfrage.

Verbrauch in Österreich groß

In Österreich wurden im Vorjahr 9,3 Milliarden Kubikmeter Gas verbraucht, russische Gaslieferungen machten 80 Prozent, das sind 7,5 Milliarden Kubikmeter, aus. Die CSH-Forscher sprachen sich in ihrem Resümee dafür aus, jetzt schon zu beginnen, eine gemeinsame EU-Gasversorgungsstrategie zu erarbeiten.

Österreich hat angesichts der Pläne, die staatlichen Gasreserven auf 20 Terawattstunden (TWh) aufzustocken, inzwischen bereits mit dem Ankauf auf internationalen Gasmärkten begonnen: Die ersten 7,7 TWh im Wert von 958 Millionen Euro werden am 1. Juni eingespeichert. Insgesamt stehen 6,6 Milliarden Euro für den Ankauf der Reserve zur Verfügung.