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Bei Griechen-Exit wäre Chaos programmiert

Von Stefan Melichar und Hermann Sileitsch

Europaarchiv

Kleine Ursache, große Wirkung - bis hin zum Horrorszenario für Europa.


Athen/Wien. Was soll schon passieren, falls die Griechen aus dem Euro austreten? Schließlich handelt es sich um gerade einmal zwei Prozent der Wirtschaftsleistung - wie soll das den größten Marktplatz der Welt ins Wanken bringen? Sogar renommierte Ökonomen sehen im Euro-Austritt die einzige Lösung.

Nun: Kleine Ursachen können große Wirkungen verursachen, warnt Barry Eichengreen. Der Ökonom, im Unterschied zu vielen seiner US-Kollegen ein Europa-Freund, hat sich intensiv wie kein anderer mit diesem Szenario auseinandergesetzt. Er sieht dafür ein historisches Vorbild - just in Wien. 1931 habe der Zusammenbruch der Creditanstalt von diesem kleinen Finanzplatz aus so hohe Wellen geschlagen, dass aus der Krise die Große Depression wurde.

Könnte die Eurozone an Griechenland tatsächlich zerbrechen? Ein hypothetisches Szenario . . .

Verhandlungen scheitern

Die Wahl in Griechenland vom 17. Juni ist seit einigen Wochen vorbei. Doch die Verhandlungen der neuen Regierung mit dem Internationalen Währungsfonds und der EU treten auf der Stelle. Die Troika der Geldgeber ist zwar bereit, die Fristen für den Spar- und Reformkurs zu verlängern (Analyse unten). Der Regierung in Athen ist das aber nicht genug - sie will weitere Zugeständnisse.

"Auf gar keinen Fall", lautet jedoch die Vorgabe für die Verhandler - nicht zuletzt aus Berlin. Unter den griechischen Sparern wächst die Unruhe: Sie befürchten, dass ihre Guthaben schon bald nur noch die Hälfte wert sein werden, wenn die alte Währung, die Drachme, zurückkommt. Wer kann, bringt deshalb sein Geld in Sicherheit und transferiert es auf Konten ausländischer Banken - vielen legen es sogar als Bargeld unter den Kopfpolster.

Die griechischen Banken geraten dadurch immer stärker unter Druck - die Bargeldabflüsse lassen sie schleichend verbluten. Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt hat ihre Versorgung mit Liquidität bereits eingestellt: Jetzt ist die Bank of Greece, die griechische Notenbank, dafür zuständig, die Banken am Leben zu erhalten. Sie ist allerdings auf das Okay der EZB angewiesen. Weil die einseitigen Geldflüsse aber das Verrechnungssystem im Eurosystem in arge Schieflage bringen, regt sich im Frankfurter EZB-Tower Widerstand: Eine Zweidrittel-Mehrheit der Euro-Notenbanker spricht sich dafür aus, die Notversorgung zu kappen.

Damit ist das Schicksal des Finanzsektors besiegelt - die griechischen Banken sind pleite. Der neue griechische Premier sieht sich damit an keine Vereinbarungen mehr gebunden - er kündigt an, die Banken umgehend zu verstaatlichen und ab sofort weder die Zinsen noch die ausstehenden Staatsschulden zurückzuzahlen.

Wer es noch nicht getan hat, stürmt spätestens jetzt zu den Bankomaten und Bankfilialen, um seine Ersparnisse abzuheben. Doch die Geldautomaten sind längst außer Betrieb - die Online-Portale überlastet und für Überweisungen gesperrt. Vor den Bankfilialen verwehren Exekutivbeamte den Sparern den Zutritt. "Die Banken werden wieder aufsperren, wenn die Sicherheit gewährleistet ist", heißt es in Athen. Erste gewitzte Händler haben schon reagiert - und verlangen auf den Märkten doppelt so hohe Preise für ihre Waren.

Über das Wochenende werden die Sparkonten aller Griechen eingefroren und von Euro auf Drachmen umgestellt. Unter internationalen Spekulanten hat sich ein "grauer Markt" für Devisengeschäfte herausgebildet: Für eine neue Drachme erhält man nicht einmal 0,5 Euro. Bis es die neue, alte Währung auch physisch geben wird, werden noch Monate vergehen: Es dauert, die Banknoten drucken und Münzen prägen zu lassen. Wer jetzt noch in Griechenland mit Euro-Banknoten zahlen will, muss diese abstempeln lassen. "Geldwäsche" bekommt eine neue Bedeutung: Findige Griechen versuchen, den Stempel zu entfernen - vergebens. Touristen sind entsetzt: Auch die Euroscheine, die sie mitgebracht haben, sind nur noch die Hälfte wert.

An den Grenzen setzt unterdessen ein lebhafter Schmuggelbetrieb ein: Schlepperbanden versprechen, mit Euro-Scheinen gefüllte Bargeldkoffer außer Landes zu bringen - gegen eine Gebühr. Das Militär wird an die Grenze bestellt, um die Zollposten und grüne Grenze zu sichern.

Im benachbarten EU-Ausland sorgt der zwielichtige Grenzverkehr für Sorgen: In Bulgarien tritt die Grenzsicherung auf den Plan. Sofia stellt in Brüssel den Antrag, die Reisefreiheit im Schengen-Raum nach den neuen Notfallregeln vorerst ein halbes Jahr lang zu suspendieren.

Eine Welle der Ansteckung

Medien berichten, dass auch bei den Banken in Spanien, Portugal und Italien die Bargeldbehebungen neue Rekorde erreichen. Mehrmals pro Tag rollen Geldtransporter in die Filialen, Bankomaten werden im Stundentakt befüllt. Die Nationalbanken kalmieren und sichern unbegrenzt Liquidität zu. In Spanien erinnern sich jedoch Kommentatoren an den sogenannten "corralito" in der Argentinienkrise von 2001 - damals wurde das Geldabheben limitiert.

Genau so kommt es: Spanische Sparer dürfen nicht mehr frei über ihr Geld verfügen, in Italien und Portugal wird dasselbe diskutiert. Brüssel warnt: Der freie Kapitalverkehr ist eine der Grundsäulen des Binnenmarktes. Die Kommission droht mit Vertragsverletzungsverfahren und kündigt eine Überprüfung an. Ergebnisse werden freilich frühestens in einem halben Jahr erwartet.

Exportvorteile verpuffen

Der Zusammenbruch der griechischen Banken erreicht Österreich über Umwege. Jetzt befürchten nämlich Bulgarien und Rumänien den Wirtschaftskollaps: Dort gehörten griechische Banken zu den wichtigsten Geldgebern. Manche Bankmanager sehen attraktive Chancen für österreichische Institute, günstig Marktanteile zu gewinne - andere sehen schwarz: Drohende Pleiten und Kreditausfälle werden die heimischen Institute treffen.

Die griechische Wirtschaft, die sich von der Währungsabwertung einen Exportschub verhofft hatte, ist enttäuscht: Das Vertragschaos macht vorerst alle Vorteile zunichte. Ob Lieferungen von deutschen Maschinenbauern nach Thessaloniki oder der Kredit eines Häuslbauers bei einer internationalen Bank: Alle Verträge waren in Euro ausgestellt und müssen nun für Drachmen neu verhandelt werden. Viele Vertragspartner wollen nicht auf ihre Forderungen verzichten und gehen vor Gericht. Sie weigern sich, Rechnungen zu bezahlen. Griechische Klein- und Mittelbetriebe trifft das hart. Die Zahl der Pleiten nimmt zu.

Lediglich jener kleine Teil der griechischen Industrie, der gute Geschäfte im Ausland macht, profitiert vom Exportschub. Dafür gibt es neue Probleme: Strom, Gas und Öl werden knapp. Die Energieimporte sind in Drachmen kaum bezahlbar. Den Dieselgeneratoren auf vielen Inseln fehlt schon der Nachschub.

Das trübt den Tourismusboom: "Wir haben viele Billigtouristen dazu gewonnen", heißt es bei den Reiseveranstaltern - allerdings lasse sich zahlungskräftigeres Publikum vom Chaos abschrecken.

Die Eurozone ist am Ende

Der Austritt der Griechen aus der EU und der Ausschluss aus dem Binnenmarkt lässt das Wachstum einbrechen: Das BIP schrumpft alleine im ersten Jahr um 10 Prozent. An den Kapitalmärkten erhält der griechische Staat keinen Kredit mehr. Beamte und Pensionisten werden mit neu gedruckten Drachmen ausgezahlt.

Das befeuert allerdings die Inflation, die den Exportschub zunichte macht: Sie erreicht im ersten Jahr 35 Prozent und sinkt erst nach Jahren auf fünf Prozent. Die Gewerkschaften haben ihre Lohnforderungen längst an die starke Teuerung angepasst.

Unterdessen haben sich die Investoren an den Finanzmärkten eine klare Meinung gebildet: "Die Eurozone ist gescheitert, Irland, Spanien, Portugal und Italien werden als Nächste austreten", lauten die Kommentare.

Tatsächlich haben die politischen Verhandlungen über einen starken "Nord-Euro" rund um Deutschland, Niederlande, Finnland und Österreich und einen schwachen "Süd-Euro" längst begonnen. Hinter den Kulissen hagelt es Vorwürfe: Berlin wirft Paris vor, seine Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre weise ganz klar Richtung Süden, das sei mit der stabilen Nord-Währung unvereinbar. Ohne Frankreich gibt es kein Kerneuropa, lautet die erzürnte Antwort. Die Esten, das bis dato jüngste Mitglied im alten Euro, reklamieren ebenfalls ihre Zugehörigkeit zum Norden, stoßen aber in der deutschen Bevölkerung auf Vorbehalte.

Die Freude über den soliden "Nord-Euro" währt unterdessen nur kurz: Dieser kann sich der Geldzuflüsse nicht erwehren und wertet raketenhaft gegenüber dem Südeuro, aber auch dem Dollar auf. Die Exporte kommen zum Erliegen - die Rezession trifft besonders hart die Länder mit hohem Export- und Tourismusanteil: unter anderem Deutschland und Österreich. Die Wirtschaftsleistung der einstigen Eurozonenländer schrumpft durch den Zusammenbruch der Währungsunion um durchschnittlich neun Prozent.