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Bei Raiffeisen rauchen die Köpfe

Von Reinhard Göweil

Wirtschaft

Bank braucht in den kommenden Jahren zirka fünf Milliarden Euro Kapital.


Wien. Es ist häufig von "bad banks" die Rede in Österreich, und die Debatte überlagert die Frage, wie die gesunden Banken die kommenden Kapital-Herausforderungen schultern werden. Diese treffen dem Vernehmen nach auch den Marktführer Raiffeisen mit fünf Milliarden Euro. Über den Sommer will die Organisation herausgefunden haben, wie dies bewerkstelligt werden kann.

In Österreich ist beinahe jeder Zweite Kunde einer Raiffeisenbank, in der Mittelstandsfinanzierung liegt der Marktanteil bei 40 Prozent. 32 Prozent aller Spareinlagen des Landes schlummern auf Sparbüchern mit dem Giebelkreuz drauf, und an der Wiener Börse ist die Bank für mehr als ein Viertel aller Geschäfte verantwortlich. Dass Raiffeisen so gut wie jedes Feuerwehrfest des Landes sponsert sowie Hochkultur und Spitzensport, unterstreicht die Bedeutung des Sektors. Inklusive Osteuropa und anderen Töchtern beschäftigt Raiffeisen im Bankgeschäft weltweit 87.000 Mitarbeiter. Da sind Bau (Strabag-Beteiligung), Lagerhäuser, Mühlen, Zucker, Fruchtsäfte, Molkereien, Medien und Immo-Geschäft nicht einmal mitgezählt.

Nun steht Raiffeisen vor einem Berg an Herausforderungen und in den diversen Raiffeisen-Zentralen wird fieberhaft gearbeitet und gerechnet. Denn - so interne Vorschauen aus der Gruppe - der "grüne Riese" wird in den kommenden Jahren wenigstens fünf Milliarden Euro frisches Kapital benötigen. Die drohende Kapitallücke wird mit circa 2,3 Milliarden beziffert, dazu kommen 2,6 Milliarden Euro staatliches und privates Partizipationskapital, das ersetzt werden will. Der Grund: Aufsicht und Finanzmarkt werden in Kürze mindestens zehn Prozent hartes Kernkapital von Raiffeisen verlangen.

Die eigentlich bis 2022 laufenden Übergangsbestimmungen werden von Aufsicht und Investmentbankern als graue Theorie abgetan. "Eine Bank, die über die Börse oder privat Kapital aufnimmt, wird danach diese Quote zeigen müssen, egal was im Gesetz steht. Und Raiffeisen brauche deutlich vor 2022 und auch 2019 zusätzliches Kapital", sagte ein Investmentbanker zur "Wiener Zeitung".

EZB prüft im Herbst Kredit-Qualitäten

Im Raiffeisen-freundlichen Finanzministerium gibt es - auf Basis von ESZB-Papieren - noch eine Befürchtung. Die Europäische Zentralbank wird im Herbst die Qualität der Kredite von Banken prüfen ("asset quality review"). Nicht nur, aber auch bei Raiffeisen könnte dies in Osteuropa zu zusätzlichen Abschreibungen führen - und damit zu weiteren Kapitalerfordernissen. Je schlechter ein Kredit, desto höher die Kapitalunterlegung - so die Vorschriften. Denn die EZB wird künftig in der EU das "Frühwarnsystem" für Banken übernehmen, Österreich stimmte dem zu. "Wir wollen die Banken, die wir künftig prüfen, auch gut kennen", sagte EZB-Direktor Jörg Asmussen und sorgte damit in Wien für Nervosität.

Schwergewicht RBI steht vor Veränderungen

Jedenfalls steht die Raiffeisen-Gruppe vor weitreichenden Entscheidungen. Die Hauptprobleme: Bankenaktien sind erstens derzeit nicht viel wert. Und zweitens ist Raiffeisen - unabhängig von der Außenwirkung - kein Konzern, sondern besteht regulatorisch aus 500 selbständigen Banken.

Das Schwergewicht bildet die börsenotierte "Raiffeisen Bank International" (RBI). Mit aktuellen Kursen um 20 Euro ist die RBI derzeit insgesamt vier Milliarden Euro wert. Wenn die Mutter RZB also bei der RBI die Mehrheit aufgeben und von 80 auf 30 Prozent Anteil zurückgehen würde, was innerhalb Raiffeisens einem Erdbeben gleichkommt, bringt das "bloß" zwei Milliarden. So wird derzeit - berichten Investmentbanker - auch geprüft, ob für die RBI ein strategischer Investor gewonnen werden kann - etwa die deutsche Genossenschaftsbank DZ Bank.

Hier lohnt ein Blick auf die komplexe Struktur Raiffeisens. Das Giebelkreuz, das von 2100 Bankstellen in Österreich und 3100 in Osteuropa, von Lagerhaus-Silos und Helmen der Skiasse herunterlacht, suggeriert einen Konzern, der so nicht existiert. Er manifestiert sich in Österreich bloß politisch. Raiffeisen und (über den Bauernbund) die ÖVP sind eine untrennbare Einheit - dementsprechend mächtig ist die Organisation.

In der wirtschaftlichen Wahrheit Raiffeisens wedelt allerdings der Schwanz mit dem Hund, und das schafft seit Ausbruch der Bankenkrise 2007 ("subprime") auch Probleme. Seither versuchen EU, EZB und alle Aufsichtsbehörden, die Eigentümer der Banken stärker in die Pflicht zu nehmen. Bisher retteten die Steuerzahler die Banken.

Dividende für Landesbanken unverzichtbar

Bei Raiffeisen ist aber nicht der Eigentümer stark, sondern das Eigentum: Die RBI, ein Koloss in Osteuropa und den GUS-Republiken, gehört zu 80 Prozent der RZB. Diese RZB ist eine Holding, zu 90 Prozent kontrolliert von den Raiffeisen Landesbanken in den Bundesländern. Und diese Landesbanken ruhen auf den 494 Raiffeisenbanken.

Ein Beispiel aus Niederösterreich. Die dortige Landesbank ist mit fast 35 Prozent stärkster Aktionär der RZB, ihr Chef Erwin Hameseder Aufsichtsratsvorsitzender. Die RLB NÖ/Wien hat - im zugegeben schwachen Geschäftsjahr - 2012 einen Jahresüberschuss von 23 Millionen Euro erwirtschaftet. Die RZB hat ihr aber für 2012 eine Dividende in Höhe von fast 85 Millionen Euro überwiesen (siehe auch Grafik auf dieser Seite). Insgesamt schüttete die RZB 2012 stattliche 244 Millionen Euro Dividende aus.

"Die RZB sollte ab sofort sämtliche Gewinne ins Eigenkapital stellen und aufhören, Dividenden zu zahlen. Dann könnte es sich in der jetzigen Ausformung ausgehen. Das geht aber nicht, weil die Landesbanken als Eigentümer auf Gedeih und Verderb von diesen Dividenden abhängen", sagte ein mit Banken-Kontrolle befasster Beamter unter Zusicherung der Anonymität zur "Wiener Zeitung".

Geschäft zurückfahren, Marktanteile verlieren?

Die andere Möglichkeit: Raiffeisen fährt das Geschäft brutal zurück. Die Formel: weniger Geschäft = weniger Kapitalerfordernis. Auch in diese Richtung wird bei Raiffeisen gedacht. Hinter den Kulissen ist zu hören, dass nach dem Abgang von RBI-Chef Herbert Stepic, der über private Geschäfte in Steueroasen stolperte, sein Nachfolger Karl Sevelda nur für ein Jahr hätte bestellt werden sollen. Auch die Finanzmarktaufsicht, wissend um die heraufdräuende EZB-Prüfung, war dagegen. Eine solche Interims-Lösung hätte nur wertvolle Zeit gekostet. Nun muss Karl Sevelda, der eigentlich in Pension gehen wollte, Raiffeisen in eine neue Zukunft führen.

"Die Entscheidungen fallen jetzt und müssen in den kommenden drei Jahren umgesetzt werden. Es geht darum, die Stabilität der größten Bank Österreichs und in Osteuropa zu erhalten", ist aus Zentralbank-Kreisen in Frankfurt und Brüssel zu hören.

Für Raiffeisen sind das ungewohnte Töne, bisher waren sie es gewohnt, den heimischen Hof allein zu bestellen. Nicht nur mit ihrer wirtschaftlichen Power, auch mit ihrer politischen Macht. Der im Vorjahr als Generalanwalt (das ist der Generalrepräsentant Raiffeisens in Österreich) abgetretene Christian Konrad baute Raiffeisen in seiner heutigen Form auf. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg kam politischer. Er machte und dirigierte ÖVP-Minister (konnte aber die FPÖ-Regierungsbeteiligung 2000 durch Wolfgang Schüssel nicht verhindern, obwohl er Kritiker daran war und blieb).

In dieser Zeit baute er eine tragfähige Beziehung zu Wiens Bürgermeister Michael Häupl auf, was Raiffeisen auch in der SPÖ salonfähig machte - und der Bank gute Geschäfte mit der Gemeinde Wien bescherte. Raiffeisen hat maßgeblich die Finger in Medienkonglomeraten (Mediaprint, "Kurier", "profil"), und ist an der Senderkette des ORF beteiligt. "Wir haben als größter privater Arbeitgeber Österreichs eine Verantwortung, und diese Verantwortung fordern wir auch von unseren Beteiligungen", sagte ein hochrangiger Raiffeisen-Funktionär zur "Wiener Zeitung".

Große Koalition macht Sache für Banken leichter

Jedenfalls wird in politischen Kreisen mittlerweile kolportiert, dass die Fortsetzung der großen Koalition nach dem 29. September auch deswegen gewünscht wird, um die - auch auf gesunde Banken - zukommenden Herausforderungen besser zu meistern. Ohne politische Unterstützung sei dies nicht zu machen. Und eine SPÖ in Opposition oder (aufgrund der Koalitions-Optionen weniger wahrscheinlich) eine ÖVP in Opposition würde dies bedeutend erschweren.

"Die kommenden Jahre werden schwierig genug, alles, was stabil ist, sollte auch stabil bleiben", ist zum Thema Raiffeisen aus Kreisen der Sozialpartnerschaft zu hören. Über die Landwirtschaftskammern hat Raiffeisen auch auf sie Einfluss.

Denn die Sozialpartner und die Regierungskoalition haben aktuell - von der Opposition ignoriert - Raiffeisen bei der kommenden Kapitalaufbringung deutlich unterstützt (siehe Artikel Schwarm-Finanzierung).

Der Löwenanteil wird aber von Raiffeisen selbst kommen müssen, denn alle Bestimmungen (mit grausigen Gesetzes-Kürzeln wie Basel III, CRR oder CRD IV) sind auf europäischer Ebene beschlossen. Das politische Österreich, in dem sich Raiffeisen bewegt wie der Fisch im Wasser, hat wenig zu sagen. Im laufenden Denkprozess wird bei Raiffeisen sogar überlegt, sich in Osteuropa aus ganzen Ländern zurück zu ziehen - sprich: dortige Tochterbanken zu verkaufen. Dies war bis vor wenigen Wochen anders.

Raiffeisen will im Herbst Antworten geben

Gerüttelt wird aber auch an der österreichischen Raiffeisen-Konstruktion. Zuerst wollte die EU, dass Eigenkapital-Beteiligungen der Raiffeisen-Landesbanken am sogenannten Spitzeninstitut, also der RZB, abgezogen werden müssen. Mit ganz guten Argumenten: Jeder Kredit muss - aufgrund der jetzigen Vorschriften - mit acht Prozent Eigenkapital "unterlegt" werden. Für 100 Millionen Kreditvolumen braucht die Bank acht Millionen Euro Eigenkapital, in Kürze sogar zehn Millionen. Gesetzliches Augenzwinkern vor der Krise 2007 führte dazu, dass zwei Millionen reichten.

Im Herbst will Raiffeisen Antworten geben, auch sanft gedrängt von der Finanzmarktaufsicht. Bis dahin ist Raiffeisen unverändert mächtig und alle anderen sind vorsichtig - hochoffizielle Anfragen zu Raiffeisen blieben von der FMA-Pressestelle unbeantwortet.