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Bei Scheitern drohen Verfahren wegen Schmiergeldaffären

Von Olivier Junker

Politik

Paris - Nun ist Jacques Chirac doch aus der Deckung gekommen. Mit 69 Jahren stürzt sich der französische Staatspräsident in die Schlacht um seine Wiederwahl - die möglicherweise schwerste seiner langen Politikerkarriere. Sein voraussichtlicher Hauptkonkurrent wird - wie schon vor sieben Jahren - der heutige sozialistische Premierminister Lionel Jospin sein.


Seit der Neogaullist Chirac 1995 seine lange Politikerlaufbahn mit dem Einzug in den Elysee-Palast krönte, suchte er mit sonorer Stimme und großen Gesten die Position Frankreichs in der Welt zu verteidigen. Meist war dem Charmeur die Volksgunst gewiss. Diesmal jedoch ist es fraglich, ob sie noch ausreicht. Seit fast zwei Jahren kommen immer neue Enthüllungen zur Schmiergeldaffäre um Chiracs RPR-Partei zu Tage und setzen den Staatschef gewaltig unter Druck. Für den Präsidenten geht es um alles: Wird er wiedergewählt, schützt ihn weiter seine Immunität. Scheitert er, muss er sich vermutlich wie ein normaler Bürger vor der Justiz verantworten.

Die Visite in der alten Päpstestadt Avignon war für den Neogaullisten ein Heimspiel. Dort fügten seine Leute vor einem Jahr der sozialistischen Arbeitsministerin und Bürgermeisterkandidatin Elisabeth Guigou bei den Kommunalwahlen eine empfindliche Niederlage zu. Der 69-Jährige hatte allen Grund, die Ankündigung seiner Wiederkandidatur vorzuziehen. Einerseits ist da der Linksrepublikaner Jean-Pierre Chevenement, der als "Dritter Mann" im Präsidentschaftsrennen für Furore sorgt und mit seiner Law-and-order-Politik dem Amtsinhaber rechte Wähler streitig macht. In Umfragen liegt Chevenement schon bei 14 Prozent. Zum anderen kehrte in der vergangenen Woche ein gewisser Didier Schuller nach langer Abwesenheit nach Frankreich zurück, ein ehemaliger Parteifreund, der viel Unangenehmes über das Schmiergeldsystem um Chirac "Rassemblement pour la Republique" (RPR) zu Tage fördern könnte.

Schließlich wurde auch Regierungschef Jospin immer offensiver, der zwar selbst erst Ende Februar offiziell in den Ring steigen will, aber in den Umfragen allmählich zulegt. Ein weiteres Zögern, so rieten Chiracs Berater, könnte Geländeverlust bedeuten. Bei seinem Auftritt in Avignon machte der Präsident und Kandidat klar, dass er die Kampagne für seine Wiederwahl auf die klassischen Themen der Rechten konzentriert: innere Sicherheit und wirtschaftliches Wohlergehen. Dort vermutet er die Achillesferse Jospins, da die Arbeitslosigkeit, bei deren Bekämpfung der Premier noch bis Mitte 2001 eine Erfolgsbilanz vorweisen konnte, seit Monaten wieder konstant steigt.

Für den "Bulldozer", wie der Staatschef auch genannt wird, ist es bereits der vierte Präsidentschaftswahlkampf nach 1981, 1988 und 1995.