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Bei Seuchenalarm ist Zeit kostbar - ein bisschen Panikmache gehört dazu

Von Ronald Schönhuber

Analysen

Als die damalige Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat im Jahr 2006 angesichts der gerade abgeklungenen zweiten Vogelgrippewelle Unmengen an Grippe-Schutzmasken einkaufte, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Gerade einmal eine Million der insgesamt neun Millionen Masken konnten wie vorgesehen über den Handel an die Bevölkerung weiterverkauft werden. Rauch-Kallat erntete Spott und Hohn, die übrig gebliebenen Schutzmasken wurden in Ermangelung von Alternativen eingelagert. | Heute sieht die Situation gänzlich anders aus. Der derzeitige Ressortchef Alois Stöger ist nämlich alles andere als unglücklich über den Umstand, dass er angesichts der herannahenden Schweinegrippe auf einem Berg von Schutzmasken sitzt. Österreich sei - nicht zuletzt durch das Vorhandensein der Masken - bestens auf einen möglichen Pandemiefall vorbereitet, heißt es nun bei fast jeder denkbaren Gelegenheit.


Die Schutzmasken-Episode zeigt dabei sehr deutlich, in welchem Dilemma die Behörden auf der ganzen Welt im Fall der Seuchenvorsorge stecken. Werden umfangreiche Präventivmaßnahmen gesetzt und die Gefahrenmomente im Akutfall über alle Kanäle getrommelt, ist der Vorwurf der Panikmache schnell zur Hand. Wird die Reizschwelle hingegen niedrig gehalten, steht - vor allem retrospektiv gesehen - der Vorwurf der Untätigkeit im Raum. Doch wenn auch vielleicht manchmal weniger mehr ist, darf man im konkreten Fall wohl eines nicht vergessen: Trommeln gehört hier zum Kerngeschäft, sowohl von Behörden wie auch von Medien.

Gerade in einer globalisierten Welt bleibt nämlich im Fall einer tödlichen Seuche wenig Zeit. Der Flugverkehr verteilt die Erreger über seine globalen Drehkreuze innerhalb nur weniger Tage über den ganzen Planeten. Studien haben in diesem Zusammenhang sogar gezeigt, dass eine Influenza-Pandemie um den Faktor sechs verlangsamt werden könnte, wenn man die am stärksten vernetzten Flughäfen wie Frankfurt, Amsterdam, Paris, London und New York aus dem System herausnähme.

Ist der Damm hingegen erst einmal gebrochen, ist es in der Regel um ein Vielfaches schwerer, der Verbreitung der Krankheit Herr zu werden. Lokale Seuchenherde lassen sich eben nur dann einfach austrocknen, wenn sie auf Grund der entsprechenden Aufklärungs- und Informationsarbeit auch lokal bleiben. Dass sich die Schweinegrippe nun so rasant ausbreitet, ist daher auch der mexikanischen Regierung anzulasten, welche die anderen Länder erst umfassend gewarnt hat, nachdem es erste Tote gegeben hatte.

Und so gesehen erscheinen die auf den ersten Blick skurril anmutenden Bilder von asiatischen Flughäfen, die mit Wärmebildkameras nach fiebrigen Reisenden suchen, beim zweiten Hinschauen gar nicht mehr so abwegig. Die Möglichkeit, übers Ziel hinauszuschießen, dürfte im Fall einer möglichen Pandemie deutlich weniger schwer wiegen als die Gefahr, sehenden Auges nichts unternommen zu haben. *