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Beim Flirt tanzen die Botenstoffe

Von WZ-Korrespondent Roland Mischke

Wissen
Haben hier die beiden richtigen Typen zu einander gefunden? Foto: corbis

Zuneigung und Abneigung sind vom Typus abhängig. | Hormone steuern unsere Gefühle. | Berlin. Philipp ist sofort entflammt, als ein Freund ihm Nina vorstellt. Lächeln, Reden, ein sanfter Flirt. Man trifft sich wieder, dann muss Philipp für vier Monate ins Ausland. Mails werden gewechselt, es geht um grundsätzliche Lebensfragen. Philipp formuliert seine Sätze überlegt, streut poetische Sentenzen ein, wirbt mit Komplimenten. Nina reagiert karg, schreibt weiter nur von ihrem Alltag, immer kürzer und seltener.


Nach der Rückkehr treffen sich beide, es scheint wie am Anfang zu sein. Philipp schwärmt von der Liebe als Lebensentwurf, Nina reagiert verhalten bis leicht abwehrend darauf. Kurz darauf schreibt sie Philipp, dass sie keinen Kontakt mehr möchte. Der versteht die Welt nicht mehr. Er hat nicht begriffen, dass Nina einen Gefährten im Geiste suchte, während er mit einer Seelengefährtin verschmelzen wollte.

Vier Grundtypen

Helen Fisher, die seit Jahren an der Rutgers-Universität in New Jersey die neurologischen Grundlagen menschlicher Beziehungen untersucht und weltweit als bekannteste Expertin auf dem Gebiet gilt, hat von 49 Männern und Frauen die Gehirnströme gemessen. Dazu wurde jedem Probanden ein Bild des von ihm geliebten Menschen vorgelegt. Sofort wurden verschiedene Gehirnregionen und Schaltkreise aktiviert. Darunter solche, "die zum Belohnungssystem des Gehirns gehören, einem komplexen Netzwerk", das für Sehnsucht, Ekstase, Motivation und Sucht verantwortlich ist. Das funktioniert prompt, vor allem bei akuter Verliebtheit.

Aber selbst bei jenen, die seit Jahrzehnten mit einem Partner verheiratet waren, sprang der Regelkreis sofort an. "Liebe ist einer der machtvollsten Regelkreise im Gehirn", so die Bilanz von Fisher.

Geliebt wird allerdings auf unterschiedliche Weise. Die biologischen Grundlagen eines Menschen prägen seine Persönlichkeit lebenslang. Zwar ist er auch von seinem Charakter bestimmt, den Eigenschaften, die auf Lebenserfahrungen bis in die Kindheit zurückgehen. Entscheidend sei aber, so Fisher, die Wirkung der Botenstoffe Testosteron, Östrogen, Noradrenalin, Dopamin, Serotonin und Oxytocin - die unterschiedlichen Mengen davon bedingen Persönlichkeitseigenschaften mehr als bisher bekannt war. Jeder Mensch wird von allen Botenstoffen beeinflusst, aber sie docken in unterschiedlicher Intensität an Rezeptoren in den Gehirnregionen an und bestimmen unser Verhalten.

Philipp ist ein östrogendominanter "Diplomat", Nina aber ein testosterondominanter "Wegbereiter". Helen Fisher hat nach der Untersuchung von 28.000 Probanden, die an einer Partnerwahlstudie der Website chemistry.com teilnahmen, die Menschheit in vier Typen unterteilt. Neben dem Diplomaten und dem Wegbereiter gehört weiter der dopamindominante "Entdecker" und der serotonindominante "Gründer" dazu. Diese Vier-Gruppen-Einteilung der Menschen gab es schon in der Antike, die zwischen Cholerikern, Sanguinikern, Melancholikern und Phlegmatikern unterschied. Auch damals galt schon: Die Biochemie entscheidet, als welcher Mensch man anderen begegnet.

Alle sind Mischformen

Während der "Wegbereiter" Informationen als Linie von A nach B auffasst, neigt der "Diplomat" dazu, ganzheitlich zu denken und "selbst abseitigste Fakten zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden", so die Expertin.

Der "Gründer" wiederum, der "mit bestimmten Genen im Serotoninsystem" zur Welt kam, ist "gewöhnlich ruhig, sozial eingestellt, umsichtig ohne ängstlich zu sein, beständig, loyal, ordnungsliebend", führt Fisher aus. Die Biologie des "Entdeckers" steuert Norepinephrin, ein Dopamin-verwandter Botenstoff, der Offenheit und Abenteuerlust auslöst. Diese Menschen suchen stets "die Herausforderung im Geist und mit den Sinnen", sind gewöhnlich "ruhelos, energiegeladen und spontan bis zur Impulsivität", auch besonders risikobereit.

Es gibt allerdings keinen Zeitgenossen, der sämtliche Eigenschaften eines Typs in sich vereint. Das ist biochemisch unmöglich. Vielmehr sind wir alle Mischtypen, etwa "Diplomat/Entdecker" oder "Gründer/Wegbereiter". Einer dieser typischen Wesenszüge ist aber dominant, der erstgenannte. Helen Fisher ist überzeugt, dass Partner im Vorteil sind, wenn sie mit einem Typen zusammengehen, der optimal zu ihnen passt. "Natürliche Kombinationen" sorgten für eine "tiefergehende Intimität, weil sich die Partner intuitiv besser verstehen".

Literaturtipp: Helen Fisher, "Die vier Typen der Liebe". Droemer Verlag, 335 Seiten, 16,95 Euro.