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Beirut wartet noch immer auf die Wahrheit über den Mord an Hariri

Von WZ-Korrespondent Markus Bickel

Politik

Aufbruchsstimmung des "Beiruter Frühlings" verflogen. | Großkundgebung zum Jahrestag des Anschlags. | Beirut. Seit Sonntag hängt er auch am Wahrzeichen der libanesischen Hauptstadt, dem Taubenfelsen vor dem Beiruter Stadtteil Raousche. Überlebensgroß weht das riesige Transparent mit dem Gesicht Rafik Hariris über den Wellen, überlebensgroß ist auch die Darstellung des vor einem Jahr ermordeten libanesischen Expremierministers durch sein ungebrochen vitales PR-Team.


Bilder des Chefs von insgesamt fünf libanesischen Regierungen schmücken Häuserwände und Plakattafeln. Seit Tagen schon fahren mit Lautsprechern bestückte Wagen durch Beirut und rufen die Bewohner auf, heute, Dienstag, zur großen Kundgebung am Märtyrerplatz zu kommen. Bis zu einer Million Menschen werden am Jahrestag des Attentats erwartet.

Spuren führen zu Syriens Geheimdienst

"Er lehrte, er baute, er befreite", heißt es auf den Plakaten, oder einfach nur: "Die Wahrheit". Die Wahrheit über die Hintermänner des Attentats, die der voriges Frühjahr von UNO-Generalsekretär Kofi Annan in den Libanon entsandte Berliner Staatsanwalt Detlev Mehlis in zwei Berichten im syrischen Sicherheitsapparat ortete. Wochenlange Proteste sorgten im April 2005 zum Abzug der 29 Jahre zuvor, kurz nach Beginn des Bürgerkrieges, in den Libanon entsandten syrischen Truppen. Zumindest formal endete damit die Vormundschaft der Protektoratsmacht über den Libanon. Doch die Präsenz der einst übermächtigen syrischen Geheimdienste dürfte noch lange nicht beendet sein. Und auch die von Mehlis´ Nachfolger, dem belgischen Staatsanwalt Serge Brammertz, seit Januar fortgesetzte Wahrheitssuche wird nicht einfacher, je länger das Attentat zurückliegt. Schon Stunden nach der Autobombenexplosion begannen die eng mit dem syrischen Sicherheitsapparat verflochtenen libanesischen Militärs am Tatort Spuren zu verwischen.

Obwohl mehrere Vertraute des Syrien-treuen Präsidenten Emile Lahoud verhaftet wurden, sitzt der einstige Intimfeind Hariris immer noch fest im Sattel. Dass US- und EU-Diplomaten den nur auf Geheiß von Syriens Präsident Baschar Assad im Amt gebliebenen Exgeneral schneiden, schadet ihm offenbar nicht.

Heterogenes Regierungsbündnis

Und auch Hariris Sohn Saad, der am Wochenende nach Monaten im französischen und saudi-arabischen Exil nach Beirut zurückkehrte, ist es nicht gelungen, die während des "Beiruter Frühlings" entstandene breite Allianz zu einem schwungvollen Neuanfang zu nutzen. Seit den Parlamentswahlen im Sommer vorigen Jahres wird der Libanon von einer diffusen Koalition regiert, die so unterschiedliche Partner umfasst wie die religiös motivierte schiitische Hisbollah Hassan Nasrallahs und die Progressiven Sozialisten Walid Dschumblatts. Der vorige Woche unterzeichnete Pakt zur "nationalen Verständigung" zwischen Nasrallah und dem oppositionellen Exchristengeneral Michel Aoun könnte das heterogene Bündnis schon bald sprengen. An der Wahrheit ist den beiden Desperados als letztes gelegen. Während Nasrallah sich Unterstützung im Kampf gegen UNO-Resolution 1559 erhofft, die die Hisbollah zur Abgabe ihrer Waffen auffordert, sichert der Deal dem auf das Präsidentenamt schielenden Aoun die für eine Wahl notwendigen muslimischen Stimmen. Den Hariri-Attentätern dürfte es derweil so gehen, wie so vielen der Verantwortlichen für politische Morde während des Bürgerkrieges: Sie bleiben auf freiem Fuß.