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Beklemmung zum Bettgang

Von Andreas Rauschal

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Aufgrund von Eigenproduktionsdurchfällen mit Spargebot und billig zugekaufter Serien-Stangenware wird gerne auf eines vergessen: Nicht im gleichen Ausmaß wie ein Abstecher ins Kino, aber doch, bietet das Fernsehen über sein Filmprogramm die Möglichkeit der Realitätsflucht auf Zeit - mit, im besten Fall, geistigem Mehrwert. Bietet? Böte. Zu oft laufen gute Filme unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Siehe dazu: "The Big Lebowski", Mittwoch, 0.35 Uhr, ORFeins.


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Wie so oft fand man am Dienstag in 3sat die rettende Insel. Dort lief, im Rahmen der Themenwoche "Sein oder Haben. Die Zukunft des Kapitalismus" Christian Petzolds Drama "Yella" zur Prime Time. "Yella" erzählt die Geschichte einer Frau, die nach einer gescheiterten Ehe (und Geschäftsbeziehung) in ein neues Leben aufbrechen will. Ihr Ex-Mann will das verhindert wissen und steuert den Wagen auf einer gemeinsamen Autofahrt in die Elbe.

Yella überlebt und rettet sich in die Welt der Finanz, Abteilung Private Equity. Sie lernt Philipp kennen ("Interessieren Sie sich für Bilanzen?"). Gemeinsam wird den Geschäftspartnern künftig das Fürchten gelehrt. Philipp betrügt. Zwischen zähen Verhandlungsrunden in sterilen Büros, wortkargen Dienstfahrten und kühlen Hotelzimmern richtet Petzold seinen nüchternen Blick auf die Dinge, um ihn mit Realitätsverschiebungen zu brechen. Wirklichkeit und Fiktion gehen ineinander über, der Horror des Realen wird letztlich zur Gruselgeschichte.

Am Ende ist bei "Yella" alles ein Alptraum. Beklemmt schritt man der Restnacht entgegen.