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Belesen oder eingekocht?

Von Christina Böck

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Es ist jetzt auch schon wieder zehn Jahre her, dass der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einen Kanon der deutschen Literatur ausgewählt hat. Und sich der Kopfwäsche des gesammelten Feuilletons stellen musste. Denn es gibt nichts Fruchtbringenderes für Literaturkritiker, als andere Literaturkritiker für ihre total jenseitige Auswahl zu verhöhnen. Reich-Ranicki wurde etwa eine "verstockte Perspektive" vorgeworfen, weil es sein Kanon gerade mal bis zum Jahr 1984, bis zu Thomas Bernhards "Holzfällen" geschafft hat.

Das freilich war noch eine zivilisierte Debatte gegen das, worauf sich die Library of Congress wahrscheinlich jetzt gefasst machen kann. Die hat nämlich einen amerikanischen Kanon veröffentlicht. Sie nennt ihn sicherheitshalber "88 Bücher, die Amerika geprägt haben". Es ist eine recht eigentümliche Textsammlung geworden, die mit "Experiments and Observations on Electricity" von Benjamin Franklin beginnt. Sie enthält aber auch nachvollziehbare literarische Einträge wie Truman Capotes "In Cold Blood", Fitzgeralds "Great Gatsby" oder Jack Kerouacs "On the Road". Immerhin hat man sich in der Listenzielgerade auch noch an die schwarze Nobelpreisträgerin Toni Morrison erinnert. In die Kategorie Kuriositäten fällt die Erwähnung von Ralph Naders Autoindustrie-Polemik "Unsafe at any speed". Vor allem der Eintrag "The Joy of Cooking" - ja, genau, ein Kochbuch - lässt dann doch an der Ernsthaftigkeit des Projekts zweifeln. Andererseits: Vielleicht muss man einfach einsehen, dass dieses Kochbuch Amerika nachhaltiger geprägt hat als zum Beispiel "Moby Dick".