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Belgiens politischer Graben trennt selbst die Lotti-Brüder

Von Roland Siegloff

Europaarchiv

Schlagersänger macht gegen Rechtsextreme mobil. | Sein Bruder singt für den Vlaams Belang. | Brüssel. (dpa) Der Schlagersänger Helmut Lotti hat klar Flagge gezeigt. Eine Woche vor den belgischen Kommunalwahlen am Sonntag trällerte der Plattenmillionär mit swingendem Bigband-Sound bei jener Konzertreihe, mit der zehntausende Belgier für mehr Toleranz eintraten. Für Toleranz heißt im belgischen Fall: gegen den Vlaams Belang und andere rechtsextreme Parteien. Und für Helmut Lotti hieß das auch: gegen seinen eigenen Bruder.


Die Wahlerfolge der belgischen Rechtsextremen haben einen tiefen politischen Graben im Land aufgerissen. Nicht nur Parteien streiten über den richtigen Umgang mit dem offen ausländerfeindlichen Vlaams Belang (VB). Die Kluft trennt auch Nachbarn und Familien bis hin zu den prominenten Lottis. Bevor Helmut Lotti bei den Konzerten für Toleranz auftrat, hatte sein weniger erfolgreicher Bruder Kurt Lottegiers beim Familientag des Vlaams Belang gesungen.

Hochburg Antwerpen

Dort klagte VB-Chef Frank Vanhecke, die anderen Parteien machten den Urnengang "mehr denn je zum Kampf alle gegen einen". Von einer "Gedankenpolizei" und "politischen Prozessen" sprach Vanhecke, um den christdemokratischen Ministerpräsidenten von Flandern zugleich als "eine Art Auftragsmörder der Mafia" zu beschimpfen. Tausende VB-Anhänger, im Bier- und Bratwurstdunst einer Messehalle versammelt, jubelten.

Ein wahrer Mord im Mai ließ die VB-Wähler hingegen kalt. Umfragen ergaben keinen Meinungswandel, nachdem ein junger Mann in Antwerpen ein zweijähriges Mädchen und dessen afrikanische Kinderfrau erschossen und eine Türkin schwer verletzt hatte. Der Täter gestand rassistische Motive. Verbindungen zur Gedankenwelt des Vlaams Belang wies Vanhecke empört zurück, um im nächsten Atemzug mit kaum kaschierter Fremdenfeindlichkeit "ein flämisches Flandern und ein europäisches Europa" zu fordern.

Der VB ist in Flandern längst keine Randgruppe mehr. Am Sonntag stellen sich fast 5000 VB-Kandidaten in 240 Städten und Gemeinden zur Wahl. Das sind mehr als je zuvor, weshalb ein Stimmenzuwachs schon als sicher gilt. Laut Umfragen könnte der VB aber selbst in seiner Hochburg Antwerpen die 33 Prozent der Kommunalwahl vor sechs Jahren noch übertreffen. Nur ein Bündnis aller anderen Parteien hat den VB dort - wie anderswo - bisher von der Macht fern gehalten.