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Belgrads Krieg um jeden Preis

Von Ines Scholz

Politik

Wien · Der Startschuß für die NATO-Bombardements auf Jugoslawien fiel den Allierten des Bündnisses sichtlich schwer. Nicht nur das Risiko für die eigenen Streitkräfte ließ sie zögern, auch | daß hier erstmals ein Krieg gegen ein souveränes Land ohne Mandat der Vereinten Nationen von Zaun gebrochen wird, der auch der unschuldigen Zivilbevölkerung viel Blut und Tränen bringen wird, erklärt | die bis zuletzt noch unternommenen fast verzweifelten Versuche, Serbiens Präsidenten Slobodan Milosevic doch noch zum Einlenken zu bewegen, sprich die brutale Vertreibungspolitik gegen die Kosovo- | Albaner zu beenden. Doch die Pendeldiplomatie ging ins Leere.


Milosevic war fest entschlossen, seinen Zermürbungskrieg gegen die Menschen im Kosovo auch um den Preis eines NATO-Angriffs voranzutreiben. Dies mußte die Allianz zur Kenntnis nehmen.

Im Jänner dieses Jahres zog Milosevic 14.000 Soldaten und Mitglieder der Sonderpolizei von den Städten Nis, Kraljevo, Kragujevac und Lescovac in den Kosovo ab. Damals wurden die Nachschubwege

aus dem Norden besetzt.

Der Belgrader Geheimplan "Hufeisen" war aus der Taufe gehoben · und er war von langer Hand vorbereitet. SeinerRealisierung stand spätestens nach den Verhandlungen von Rambouillet und Paris nichts

mehr im Wege: Brechen des Widerstands der Kosovo-Befreiungsarmee UCK und anschließend Durchführung der ethnischen Säuberungen · ohne Guerilla im Nacken. Zudem brachten serbische Beamte laut

"Washington Post" alle wichtigen Dokumente aus Dörfern bzw. Städten im Westen und im Zentrum des Kosovo sowie bedeutende historische Manuskripte, religiöse Reliquien und Kunstschätze in

Sicherheit. Milosevic war bereits mitten im Kriegstaumel.

Als NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark gemeinsam mit dem deutschen Chef des NATO-Militärausschusses Klaus Neumann am 25. Oktober in Belgrad eindringlich versuchte, ihn von einer Friedenslösung im

Kosovo zu überzeugen, war es der jugoslawische Generalstabchef Momcilo Perisic, der sich sorgenvoll an die beiden Generäle wandte: "Es wäre ein Desaster für Serbien, wenn die Streitkräfte durch die

NATO zerstört würden." Als die beiden Generäle am Abend abreisten, war Perisic bereits gefeuert. Es war ein deutliches Warnsignal, daß Milosevic seine Pläne im Kosovo um jeden Preis umsetzen

wird. Perisic war für die Aktion "Hufeisen" nur im Weg.

"Ich habe mir Tage und Nächte hindurch unzählige Male die Frage gestellt, ob wir wirklich alles nur Erdenkliche getan haben, um diesen Krieg zu vermeiden und ob wir tatsächlich alle diplomatischen

Möglichkeiten ausgeschöpft haben, die wir hatten, um eine friedliche Lösung für den Kosovo zu erreichen, und meine Antwort war jedesmal: wir haben", sagt einer, dem man Glauben schenken darf, Joschka

Fischer. Der deutsche Außenminister war noch wenige Tage vor Beginn der Bombardements neuerlich nach Belgrad gereist, um Milosevic und seine hohen Militärs zu überzeugen.