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Belgrads Militärs bedrohen Montenegros Eigenständigkeit

Von Marita Vihervuori

Politik

In der jugoslawischen Teilrepublik Montenegro ist der seit langem befürchtete Konflikt zwischen der Republiksregierung und der Belgrader Führung offen zum Ausbruch gekommen. Dienstag abend hatten

jugoslawische Truppen · rund 300 Mann · die entmilitarisierte Zone zwischen Montenegro und Kroatien gesperrt und den Grenzposten besetzt. Am Mittwoch warnte der britische Premierminister Tony Blair

den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic vor einer Machtübernahme in der jugoslawischen Teilrepublik. Die NATO werde Montenegro verteidigen, verlautete aus London.

Die westlich orientierte montenegrinische Regierung von Präsident Milo Djukanovic setzt sich verzweifelt gegen die Direktiven aus Belgrad zur Wehr, die auf eine Übernahme der Kontrolle nicht nur

durch die Bundesbehörden, sondern in Schlüsselbereichen durch die jugoslawische Armee hinauslaufen. Montenegro soll nach dem Willen Belgrads hermetisch abgeriegelt werden.

Die Militärpräsenz Belgrads ist durch das Zweite Jugoslawische Armeekorps, das in der Teilrepublik stationiert ist, sowie durch die in Montenegro beheimatete gesamte jugoslawische Flotte

gewährleistet. Die Truppenstärke ist nicht leicht zu schätzen, denn Reserven werden ungeachtet der Proteste der montenegrinischen Regierung rekrutiert. Ferner gibt es eine Anweisung der Zweiten

Armee, daß montenegrinische Soldaten in alle Gebiete Jugoslawiens einschließlich des Kosovo abkommandiert werden können. Dies ist eine klare Brüskierung der montenegrinischen Regierung, die eine

Teilnahme am Kosovo-Krieg und "Zwangsrekrutierungen" kategorisch ablehnt. Djukanovic, weigert sich auch, die Polizei seines Landes dem jugoslawischen Militär zu unterstellen.

Vergangene Woche sperrten jugoslawische Kriegsschiffe den Hafen von Bar. Der Außenhandel Montenegros und die Fährverbindungen nach Italien und Albanien wurden damit jäh unterbunden. Auch feuerten

Kriegsschiffe aus dem Handelshafen von Bar auf NATO-Flugzeuge. "Glücklicherweise hat die NATO auf diese Angriffe nicht mit Bomben geantwortet", sagte dazu Präsident Djukanovic. Er verstehe, daß die

Aufgabe von der jugoslawischen Armee in der Verteidigung des Landes bestehe, doch solle dabei der Schaden für Leben und Vermögen der Bürger auf ein Minimum reduziert werden. Er verurteilte die

"unnötigen Schießereien", die keine Chance hätten, NATO-Flugzeuge zu erreichen, sondern nur Montenegro schadeten.

Der Auslöser zur Sperre des Hafens von Bar war ein einlaufender Öltanker, den die Armee mit der Begründung des Kriegszustandes konfiszieren wollte. In Montenegro gibt es keinen Kriegszustand, doch

die Föderation und die jugoslawischen Streitkräfte ignorieren diese Haltung Montenegros.

Die Bedürfnisse der jugoslawischen Armee haben die Treibstoffversorgung in Montenegro verschlechtert. In der Provinzhauptstadt Podgorica und selbst an der Küste ist es schwierig, Treibstoff zu

finden. Als eines Abends ein Tankwagen Treibstoff zur Tankstelle der ehemaligen Hauptstadt Detinje brachte, war diese in der Früh abgeriegelt: Die Armee hatte den Treibstoff requiriert. Diesel, der

das Gros der Armeefahrzeuge antreibt, ist am schwersten zu bekommen. Djukanovic protestierte gegen diese Zwangskonfiskationen bei montenegrinischen Unternehmen, stieß aber bei der Armee auf taube

Ohren.

Ein Ausweg aus der Isolierung Montenegros war bisher die Grenzstation Debeli Brijeg auf der Halbinsel Prevlaka, die die Armee als "halblegal oder illegal" bezeichnet. Montenegro hat den seit 1991

geschlossenen Grenzübergang geöffnet, ohne die Erlaubnis der Föderation einzuholen. Der 2. Artikel der Verfassung besagt: Montenegro ist souverän in allen Fragen, die es nicht der Zuständigkeit der

Bundesrepublik Jugoslawien übertragen hat. Sogar Geldverkehr läuft jetzt vor allem über Dubrovnik.

Auch die Grenzposten zu Albanien sind wegen vorgeschobener Militärpolizeiposten nur mehr schwer oder gar nicht erreichbar. Im Grenzgebiet zu Albanien wimmelt es nur so von Soldaten. Auch die Kosovo-

Flüchtlinge und viele der dort lebenden Albaner fühlen sich vor allem nach den jüngsten Übergriffen serbischer Einheiten auf albanische Grenzdörfer nicht mehr sicher. Aus Angst vor Vertreibung

flüchteten nach Angaben des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR seit Dienstag bereits 4.500 von ihnen nach Albanien. Und "die Flüchtlingszahlen steigen senkrecht in die Höhe", warnte der Leiter des UNHCR-

Büros in Shorda, Mubashir Ahmad. Am vergangenen Sonntag hatten betrunkene jugoslawische Soldaten in der Nähe der Ortschaft Rozaje sechs Zivilisten getötet.

Auch die Pressefreiheit ist de facto abgeschafft. Die von der montenegrinischen Regierung propagierte Freiheit und Offenheit des Landes beschränkt sich auf die Stadt Podgorica. Auf den Landstraßen

sind viele Kontrollposten der jugoslawischen Militärpolizei aufgebaut. Die Bewegungsfreiheit der Presse ist damit abgeschafft. Die Armee erkennt Akkreditierungen der montenegrinischen Behörden nicht

an, sondern verlangt aufgrund des Kriegszustandes solche der jugosalwischen Armee · die nicht zu erhalten sind.