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Benachteiligte im Match um Masken

Von Martina Madner

Politik

In der Pflege fehlt nach wie vor Schutzausrüstung - trotz Hochrisiko-Bereich. Testungen stehen vor dem Start.


Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerks Österreich, spricht von einem "kompletten Marktversagen". Schutzmasken, egal ob Mund-Nasen-Schutz, FFP2- oder FFP3-Masken, erhalte man auf dem Weltmarkt im Moment bestenfalls "zu wenige, oft zu Wucherpreisen, oder die Qualität passt nicht." Zwar werden nun auch Pflegeeinrichtungen in die zentrale Beschaffung über den Bund und die Verteilung der Länder einbezogen, aber: "Unsere Einrichtungen berichten uns, dass sie nur ein Zwanzigstel, manchmal ein Dreißigstel des Bedarfs erhalten."

In Österreich werden 95.000 Menschen in Pflegeheimen und 153.000 von mobilen Diensten gepflegt. Die Pflegebedürftigen sind, weil älter und häufig multimorbid, besonders gefährdet. In Zahlen heißt das: Ihr Risiko, an Covid-19 zu sterben, ist um 50 bis 80 Mal größer als jenes der Menschen unter 50 Jahren.

"Der Bund hat mittlerweile verstanden, wie wichtig Schutz in der Langzeitpflege ist, trotzdem habe ich den Eindruck, dass für uns nur die Restgrößen aus dem Verteilungstrichter der Länder herauströpfeln", sagt Anselm. Auch Diakonie, Volkshilfe, Haus der Barmherzigkeit und Caritas berichten von möglichen Engpässen. Immerhin soll im Laufe der Woche ein Test-Schwerpunkt in Alters- und Pflegeheimen starten.

Enorm hoher Bedarf

Die Situation in französischen Alten- und Pflegeheimen ist alarmierend. Vor einer Woche gaben die Behörden bekannt, dass mehr als 3200 der damals insgesamt 10.000 Todesfälle in diesen zu verzeichnen sind. Auch in Spanien wütet das Virus nirgends so tödlich wie in Altenheimen, dort gebe es ein Fünftel aller Corona-Opfer. Und gegen manche Pflegeheime in Italien, laut Experten "tickende Zeitbomben", ermittelt sogar die Justiz wegen nicht gemeldeter Infizierter und Todesfälle.

In Österreich sind zwar laut APA-Rundruf nur rund 600 Personen in der Pflege, je 300 Pflegekräfte und ältere Menschen, positiv getestet worden. Besorgniserregend ist aber, dass sich, wie das Beispiel der Salzburger Gemeinde Altenmarkt zeigt, gerade das Seniorenheim zum Hotspot entwickelte. Elf Bewohner sind zwar bereits im Covid-Haus in Salzburg versorgt, alle anderen Bewohner und Mitarbeiter werden heute, Dienstag, durchgetestet. Das Beispiel zeigt aber: "In der Pflege muss ein Dominoeffekt unbedingt verhindert werden", wie Anselm sagt.

Das Personal wird sehr leicht zum Überträger: "Wenn eine mobile Pflegekraft das Virus vom ersten zu acht weiteren Patienten und dann noch den Kolleginnen bringt, breitet es sich in Windeseile aus - und zwar ganz gewaltig", sagt Bernd Wachter, Generalsekretär der Caritas in Österreich. Zwar habe sich die Versorgungssituation mit der Zuteilung über die Krisenstäbe der Länder verbessert, aber: "Die dramatische Situation wurde noch nicht überall erkannt." Und Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe, hält fest: "Ich warne davor, dass wieder ein Engpass entsteht."

Auch die Direktorin der Diakonie Österreich, Maria Katharina Moser, erzählt von Pflegerinnen, die sich "selbst helfen müssen, indem sie OP-Masken und Schutzmäntel nähen". Zwar komme die Versorgung langsam in Fahrt, der Vorrat reiche aber nur "eine, maximal zwei Wochen" - die Situation sei von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich, jedenfalls "von Versorgungssicherheit weit entfernt".

Der Bedarf bei Schutzmasken und -ausrüstung mit hohem Sicherheitslevel steigt enorm: In Vor-Corona-Zeiten waren solche nur bei fünf bis zehn Pflegebedürftigen mit multiresistenten Erregern im Einsatz. Aktuell: Das Hilfswerk hat den Bedarf für die rund 6000 Beschäftigten, die 30.000 Menschen in Heimen oder mobil versorgen, erhoben. Es ist ein Anstieg von "fast null auf hundert". Für drei Monate brauche man rund 360.000 Stück Mundnasenschutz (MNS) und FFP1-Masken, 260.000 FFP2- und FFP3-Schutzmasken mit Ventil. Selbst bei Desinfektionsmitteln und Einmalhandschuhen benötige man nun die eineinhalbfache Menge als in Vor-Corona-Zeiten.

Auch an den über 20 Standorten von "Haus der Barmherzigkeit" tragen alle der 1500 Beschäftigten prophylaktisch einen Mundnasenschutz. Da dieser für maximal vier Stunden brauchbar ist, benötigt jede Pflegekraft rund drei pro Dienst, das macht rund 30.000 pro Woche. Institutsdirektor Christoph Gisinger sagt zwar, dass man bei "Haus der Barmherzigkeit" schon seit Jänner Vorräte aufbaue, derzeit genügend Schutzmasken habe. "Aber die Situation kann sehr schnell kippen." - "Es ist so, als ob wir mit einem Auto mit ständig leuchtender Tankanzeige auf Reserve fahren." Man habe nach Partnern zur Maskenaufbereitung gesucht und werde im Laufe dieser Woche damit starten, "damit wir jedenfalls Masken haben, falls kein Nachschub mehr kommt, quasi als Reservekanister", sagt Gisinger.

Schwerpunkt-Testungen

Für eine effektive Prävention der Verbreitung des Virus in der Pflege brauche es zudem mehr Tests mit rascher Rückmeldung, sagt Gisinger: "Im Moment warten wir immer noch zehn bis 14 Tage auf Rückmeldungen." Einmal positive sollten sogar täglich getestet werden, meint Moser: "Das haben Länder wie Singapur oder Südkorea erfolgreich zur Eindämmung der Infektionsrate gemacht."

So häufig dürften die Testungen zwar nicht sofort stattfinden. Immerhin kündigte Gesundheitsminister Rudolf Anschober aber an, diese Woche ein "Großprojekt" zu starten - und war mit der schrittweisen Testung der Mitarbeiter und Bewohner in Alten- und Pflegeheimen in ganz Österreich. "Wir wollen den Schutz von Alten- und Pflegeheimen nochmals deutlich ausbauen."

Was das konkret bedeutet, war aus dem Burgenland zu erfahren: Erst sind die 1200 Beschäftigten der Heime dran, dann deren Bewohner, um diese "sensiblen Einrichtungen zu schützen", sagt Soziallandesrat Christian Illedits. "Die mobile Hauskrankenpflege ist derzeit nicht voll im Einsatz und hat demnach weniger Kontakt zu RisikopatientInnen, weshalb diese erst in einem weiteren Schritt getestet werden." Danach folgten Behinderteneinrichtungen, zum Schluss jene der Kinder- und Jugendhilfe. Man priorisiere nach Gefährdungsgrad.

Für Diakonie-Chefin Moser sind Tests in der Langzeitpflege ein Beitrag zur Versorgungssicherheit, denn: "Das Risiko, ein Krankenhausbett oder Intensivbehandlung zu brauchen, ist bei alten pflegebedürftigen Personen hundert- bis tausendmal höher als bei jungen gesunden Personen. Die Überlastung des Gesundheitssystems steht und fällt mit dem Risikomanagement in der Langzeitpflege."