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Benedikt im Klartext: Die Kirche ist mit ihrem Latein noch nicht am Ende

Von Heiner Boberski

Analysen

Mit zwei jüngst veröffentlichten Dokumenten hat der Vatikan für Aufsehen gesorgt. Eines gestattet der gesamten römisch-katholischen Kirche wieder, was zuletzt von der Erlaubnis des jeweiligen Ortsbischofs abhängig war: nämlich den "vorkonziliaren" oder Tridentinischen Ritus in lateinischer Sprache. Das andere betont die Einzigartigkeit der römisch-katholischen Kirche und bekräftigt das umstrittene Schreiben "Dominus Iesus" aus dem Jahr 2000, demzufolge protestantischen Glaubensgemeinschaften nicht die Bezeichnung Kirche, sondern lediglich "kirchliche Gemeinschaft" gebühre.


Ob sich diese Texte in der Praxis sehr auf das kirchliche Leben auswirken werden, ist eher fraglich - aber nicht auszuschließen: Wird in den Gemeinden die Nachfrage nach lateinischen Gottesdiensten dramatisch steigen? Werden immer mehr Priester den Gläubigen Tridentinische Messen anbieten? Oder wird die Ökumene auf allen Ebenen erlahmen, weil der römische Pontifex seine Brücken vor allem zu den Orthodoxen baut, aber einen Zusammenschluss reformierter Christen nicht als Kirche akzeptiert? Oder wird gar die Zerrissenheit des Christentums gefördert, während der Islam mächtiger und militanter wird?

In jedem Fall sind die neuen Dokumente kennzeichnend für den Stil von Papst Benedikt XVI., der damit jenen entgegen kommt, für die die katholische Welt vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) noch in Ordnung war. Was sie, so ihre Überzeugung, ohne Konzil auch heute noch wäre. Jene, die im Gegensatz dazu meinen, die heutige Krise der Kirche würde ohne Konzil noch ärger sein, oder die sagen, das Konzil hätte noch viel weiter gehen müssen, können die jüngsten römischen Erklärungen hingegen kaum nachvollziehen.

Als sich Benedikt XVI. zu winterlicher Zeit mit einer roten Mütze zeigte, dachten Uninformierte an eine Anbiederung des Papstes an den Weihnachtsmann. Doch der Pontifex machte nur augenfällig, wie sehr ihm an alten Traditionen liegt, indem er die alte päpstliche Kopfbedeckung namens Camauro aufsetzte. Von diesem Papst ist keinerlei Bruch mit der katholischen Vergangenheit zu erwarten, sondern eher eine Rückkehr zu überlieferten, wenn auch in letzter Zeit nicht mehr besonders betonten Positionen.

So kehrte er auch jüngst zur alten Tradition zurück, dass eine gültige Papstwahl unbedingt einer Zweidrittelmehrheit bedarf, während zuletzt notfalls die einfache Mehrheit gereicht hätte, was Benedikts eigene Wahl möglicherweise erst gesichert oder zumindest beschleunigt hat.

Dieser Papst will keine verschwommenen, sondern klare - auf mehr Identität, aber auch auf mehr Konflikte in der Kirche hinauslaufende - Standpunkte einnehmen. Er tut das selbstbewusst und in der Überzeugung, dass die Kirche mit ihrem Latein noch nicht am Ende ist.

Siehe auchDer Papst mag es nach alter Sitte