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Bereits 6.000 Libanesen in Israel eingetroffen, Tausende werden folgen

Von Mosche Meisels

Politik

Tel Aviv - Der Massenandrang von flüchtenden Milizionären der "Südlibanesischen Armee" (SLA) und ihren Familien an den israelischen Grenzübergängen stellt Israels Behörden vor große Probleme. Bisher sind 6.000 Personen in Israel eingetroffen, weitere Tausende werden noch erwartet.


Sie sind enttäuscht und verbittert über den überstürzten Abzug der israelischen Truppen aus der Pufferzone. Viele von ihnen klagen, dass Israel sie im Stich gelassen hätte. Sie kommen fast ohne Hab und Gut und haben auch kein Geld. Viele von ihnen möchten nach Amerika, Frankreich oder andere westliche Länder auswandern.

Ein Sprecher des Innenministeriums in Jerusalem erklärte am Mittwoch, dass viele Ortschaften und Kibbuzim spontan ihre Bereitschaft bekundet hätten, die libanesischen Flüchtlinge aufzunehmen. Der im Südlibanon stationierte, von Israel kontrollierte SLA-Sender "Stimme des Libanon" stellte nach vielen Jahren seine Sendungen ein. Das israelische Militär sprengte vor dem Abzug die bisherigen Stützpunkte der SLA in der Pufferzone.

Die israelischen Leitartikler drücken in den Mittwoch-Ausgaben zwei divergierende Meinungen aus: Während die einen betonen, Premier Ehud Barak habe sein vor einem Jahr gegebenes Wahlversprechen eingehalten, die israelischen Truppen im Laufe eines Jahres aus dem Libanon abzuziehen, was ihm ohne Verluste gelungen sei, teilen die anderen die Ansicht von Oppositionschef Ariel Sharon, dass es sich um eine "beschämende Flucht", einen "Sieg des Terrors", handle und Israel seinen SLA-Verbündeten "verraten" habe.

Die Bewohner der Ortschaften an der israelischen Nordgrenze befinden sich nach wie vor in Unterständen. Es besteht derzeit noch Ungewissheit darüber, wie die schiitische Hisbollah-Miliz sich verhalten wird. Der israelische Generalstabschef Shaul Mofaz erklärte, dass Israel den Libanon und Syrien für die Aufrechterhaltung der Ruhe an der israelischen Nordgrenze verantwortlich macht. Er beschuldigte Syrien, den Aufbau einer Infrastruktur der Hisbollah im Grenzgebiet zu unterstützen, und warnte, sollte es zum Beschuss israelischer Ortschaften an der Nordgrenze kommen, dann würde Israel mit aller Schärfe auf die libanesische Infrastruktur und auch auf syrische Ziele im Libanon reagieren.

Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah erklärte in Beirut, seine Miliz werde ihre Angriffe auf israelische Ziele so lange fortsetzen, bis Israel auch das Chabaa-Gebiet am Fuße des Hermonberges räumt und sämtliche libanesischen Häftlinge freilässt, darunter Scheich Abdel Karim Obeid und Mustafa Dirani, die der israelische Geheimdienst aus dem Libanon entführt hatte.

Der UNO-Sonderemissär Terry Larssen soll am Mittwoch im Libanon eintreffen, um mit der Regierung in Beirut die Aufstellung von UNIFIL-Truppen in der Pufferzone an der israelischen Grenze zu erörtern. Der Weltsicherheitsrat beschloss in New York, die derzeit 4.500 Mann starke UNIFIL bis auf 8.000 Mann aufzustocken.