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Bericht über eine etwas andere Reise

Von Lilo Baumgartner

Wissen

Im November des Vorjahres fand am Riley Hospital in Indianapolis (Indiana, USA) eine Konferenz zu einem Thema statt, von dem man noch vor wenigen Jahren glaubte, dass es gar kein Thema sei: die elektrische und zugleich akustische Stimulation des Innenohres von stark Hörgeschädigten. Die elektrische Reizung des Hörnervs über eine in die Schnecke des Innenohres eingepflanzte Elektrode gibt es für Taube seit etwa 25 Jahren. Aber mit der Einführung der Elektrode würde, so war die Fachmeinung, das Hörorgan derart geschädigt, dass eine Schallaufnahme auf akustischem Wege nicht mehr möglich sei.


Als dann die ersten Patienten, bei denen vor der Operation noch ein Rest an akustischem Hörvermögen vorhanden war, nach der Implantation berichteten, dass sie mit dem operierten Ohr auch bei ausgeschaltetem Implantat etwas hören, war die Meinung der Fachwelt ziemlich einhellig: Das bilden die sich ein!

Ich bin so ein "eingebildeter Patient", wobei man gerechter Weise dazu sagen muss, dass es tatsächlich nicht einfach ist zu objektivieren, ob ein Innenohr-Schwerhöriger echte Geräusche und Töne der Außenwelt hört oder ob seine Höreindrücke nur auf seinen Tinnitus zurückzuführen sind, auf Geräusch-Sensationen, die das geschädigte Gehörorgan selbst produziert und die so stark sein können, dass sich Menschen deswegen schon das Leben genommen haben.

Mein Cochlear-Implantat (CI) habe ich außerdem erst zu einem Zeitpunkt erhalten, als einige Chirurgen zumindest in Deutschland und Österreich schon daran glaubten, dass auch bei einer CI-Operation ein gewisser Rest an akustisch stimulierbarem Hörvermögen erhalten werden kann (Erste EAS-Versorgung in Frankfurt 1998, in Wien 1999). Aber: Was bringt diese elektro-akustische Stimulation (EAS) dem Patienten an zusätzlicher Spracherkennung?!

Von meinem Operateur Wolf-Dieter Baumgartner (die Namensgleichheit ist zufällig), der am Wiener AKH in der Klinik Ehrenberger arbeitet und trotz seiner Jugend schon eine anerkannte CI-Kapazität ist, wurde ich zu dieser EAS-Konferenz nach Indianapolis eingeladen, die von einer österreichischen Medizin-Technik-Firma (MedEl aus Innsbruck) gesponsert war. Zweck der Tagung war, amerikanische Kliniken zur Teilnahme an einer "multicenter study" für die EAS-Versorgung von Hörgeschädigten zu interessieren, was gelungen ist.

Wie weit meine Tagebuch-Aufzeichnungen als CI-Patientin und die Tests, denen ich mich in einer anschließenden Arbeitswoche am Research Triangle Institute in Raleigh (North Carolina) unterzogen habe, für die Fachwelt zu brauchbaren EAS-Erkenntnissen geführt haben kann ich nicht beurteilen; ich habe dort aber besser verstehen gelernt, was sich da seit mehr als einem Jahr in meinen Ohren und in meinem Gehirn abspielt und wie durch das Zusammenwirken von Mikrochirurgie und Computer-Technik der Hörsinn zum ersten menschliche Sinn wurde, für den es eine in der Praxis schon ganz gut brauchbare Prothese gibt.

Gehirn ohne Schallinfos

Diese Prothese überwindet die früher für unüberwindlich geltende Hürde des geschädigten Innenohres. Wenn durch eine entsprechende Schädigung des Innenohres auch noch so starke akustische Reize, übertragen durch ein noch so gutes und inzwischen auch durch Mikroprozessoren gesteuertes Hörgerät nicht mehr ausreichen, um einen genügend starken Reiz auf den Hörnerv auszuüben, dann war's vor der CI-Technik aus: Das Gehirn erhielt keine Schallinformation mehr. Über die Elektroden eines CI, die nach der "continuous interleaved sampling (CIS)"-Strategie gesteuert werden, erfährt das Gehirn nicht bloß, dass da ein Geräusch ist; es kann auch lernen, Vokale und Konsonanten und damit Worte zu verstehen.

Als wir, mein Mann und ich, am Raleigh-Durham-Airport aus einem stark verspäteten Flieger kletterten, nahm uns einer der Erfinder dieser CIS-Strategie in Empfang: Blake S. Wilson, Fellow am Center for Auditory Prosthesis Research des Research Triangle Institute (RTI), das 1958 von drei Universitäten - Raleigh, Durham und Chapel Hill - gegründet worden war zu dem alleinigen Zweck, darin Grundlagenforschung zu betreiben.

Neue Methode CIS

CIS ist der bisher am besten gelungene Versuch, den Schall derart in Form elektrischer Impulse abzubilden, dass das Gehirn über den elektrisch stimulierten Hörnerv daraus Sprachinformationen entnehmen kann. Die Dauer des einzelnen elektrischen "Pulses" liegt dabei in der Größenordnung von wenigen Millisekunden. Das Neue am CIS besteht darin, dass zumindest vier Elektroden, die in unterschiedlichen Frequenzbereichen arbeiten, ständig stimuliert werden. Jeder Konsonant und jeder Vokal wird vom normal Hörenden ja auch in verschiedenen Frequenzbereichen "gehört", wobei je nach der Art des Lautes die verschieden hohen Frequenzen unterschiedlich hohe Energien für die Nervenreizung liefern.

Rechtes und linkes Ohr

Was wir uns hier so stark vereinfacht über die Vorgänge in meinem Schädel zu Recht gelegt haben, war eigentlich nur ein persönliches Nebenprodukt meiner Tätigkeit als "Versuchskaninchen" am RTI. Interessant war ich dort vor allem dadurch, dass an meinem rechten Ohr eine elektrische Stimulation durch das Implantat mit einer akustischen durch das Hörgerät zusammen arbeitet - oder das doch sollte. Zusätzlich verkompliziert wird die Situation noch dadurch, dass ich auch am linken Ohr Sprachinformationen aufnehme, aber das kann man in einem Sprachlabor zur Erleichterung der Forschung wegschalten.

Über diese Zusammenarbeit von CI und Audio-Geräten weiß man noch recht wenig. Es gab Ende 2002 auf der ganzen Welt nur 21 Patienten - 15 nach Operationen in Frankfurt, sechs in Wien - deren Gehör auf diese Weise funktioniert.

Versuche im Sprachlabor

Mein Sprachverständnis wurde im Sprachlabor des RTI mittels sogenannter Konsonantentestwörter und mit Hilfe des Oldenburger Satztestes untersucht. Die Konsonantenwörter (ana, ama, ascha, assa, awa, ava usw.) werden von einem Computer-Programm angeboten. Auf dem Bildschirm klickt die Testperson jene Konsonanten (n, m, sch, ss, w, v usw.) an, die sie gehört zu haben glaubt. Das Ganze wird durch einen Zufallsgenerator gesteuert, damit man auch bei einer größeren Menge an Testwörtern - ich habe während der Woche im RTI 5.400 derartige Wörter "gehört" - weder aus der Reihenfolge noch aus dem Sinn der Wörter eine Erkennungshilfe hat.

Präzises Testverfahren

Ebenso werden die Wörter im Oldenburger Satztest durch ein Zufallsprogramm des Computers variiert; man hört so sinnlose Sätze wie "Kerstin schenkt fünf grüne Autos" oder "Britta kennt acht schöne Messer" und hat somit keine Möglichkeit, sich aus dem Satz-Zusammenhang einzelne Wörter, die man nicht verstanden hat, im Gehirn zu ergänzen.

Aus den richtigen und falschen Antworten bildet der Computer einen Score, aus dem man auch als Laie ein recht eindrückliches Bild seiner Gehörleistung gewinnen kann. Wesentlich für mich war, dass sich mein Wortverständnis deutlich erhöht hat, wenn dem CI das Audio-Hören am rechten Ohr dazu geschaltet worden ist.

Indikations-Stellung

Es hat sich - zumindest für mich - doch gelohnt, dass mein Chirurg das geringe Rest-Hörvermögen an meinem implantierten Ohr erhalten konnte, obwohl dieses Rest-Hörvermögen ohne Hilfe des CI praktisch keine Spracherkennung mehr liefert. Wenn sich dieser Befund auch bei anderen Patienten bestätigen lässt, wird das wohl Auswirkungen auf die Indikations-Stellung bei solchen Hörschädigungen haben - bei welchem Grad der Schädigung soll implantiert werden und an welchen Ohr, dem besseren oder dem schlechteren - und wird auch, so hoffe ich zumindest, die Entwicklung und Programmierung von Audio-Geräten beeinflussen, die mit einem CI zusammen verwendet werden.

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Cochlea-Implantate

Sie sieht tatsächlich aus wie eine kleine, gewundene Schnecke (Bild oben), die Cochlea. Und wenn die Verbindung zu ihr gestört ist, führt dies zu einer Reihe von Leiden bis starken Hörschädigung. Um dem Abhilfe zu schaffen, führte Professor Graeme Clark von der Universität Melbourne im Jahr 1978 die Technik der Cochlea-Implantate ein und schuf damit eine weltweit bahnbrechende Neuerung.

Die Gesellschaft der Ärzte trägt diesem Umstand mit einer Festveranstaltung "25 Jahre Cochlea Implantat in Wien" am 19. Juni 2003 sowie einem Phoniatriesymposium und einem Seminar "Praxis der Stimmdiagnostik" am 20. Juni 2003 im Billrothhaus Rechnung. Infos: www.univie.ac.at/cochlear Foto: Washington Univers.