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Berlin baut seine Berge selbst

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Für österreichische Verhältnisse ist Berlin so flach wie ein Brett. Doch sieht man genauer hin, kann man selbst an ihren "Bergen" die wechselvolle Geschichte der Stadt ablesen. | 1945 - Stunde Null. Hitler und Goebbels hatten sich den irdischen Richtern entzogen und den Berlinern eine Stadt des Grauens hinterlassen: 29 Quadratkilometer in Trümmern, 600.000 Wohnungen total zerstört, 100.000 beschädigt, mehr als 1,5 Millionen Berliner obdachlos, eine weitere Million seit Kriegsbeginn 1939 gefallen, gefangen oder geflohen.


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Weil ihre Männer an der Front oder im Lager geblieben waren, fingen die Frauen an, die unvorstellbare Menge an Mauerresten, zerfetzten Ziegeln, Glasscherben und Holzsplittern mit bloßen Händen in Eimer zu füllen und Ordnung zu schaffen.

70 bis 90 Millionen Kubikmeter Schutt mussten beseitigt werden; das entsprach fast einem Sechstel der gesamten in Deutschland angefallenen Trümmermenge.

Unermüdlich räumten die legendär gewordenen "Trümmerfrauen" weg, was der Weltenbrand zerstört hatte. Doch Berlins Mülldeponien konnten die Mengen nicht fassen. So entstanden im Stadtgebiet über zwanzig künstliche Trümmerberge. Der höchste von ihnen ist der 115 Meter hohe Teufelsberg im Grunewald.

Seine Aufschüttung dauerte über zwanzig Jahre, obwohl täglich etwa 800 Lastzüge unterwegs waren. 1955 waren fünf Millionen Kubikmeter Schutt von ehemaligen Wohngebäuden abgeladen worden, 1957 bereits zehn Millionen, bis Anfang der 70er Jahre 26 Millionen. Entstanden war die höchste Erhebung der westlichen Halbstadt. (Die gleich hohen, doch natürlichen Müggelberge lagen im Osten.) Befürchtungen, der künstliche Hügel würde im Laufe der Zeit unter seiner eigenen Last nachgeben, erwiesen sich als unbegründet.

Die Ironie der Geschichte bestand nämlich darin, dass der "Gröfaz" auf dem Gelände 1937 den Grundstein für eine gigantomanische "Wehrtechnische Fakultät" gelegt hatte, die "ein Denkmal (. . .) der deutschen Kultur, des deutschen Wissens und der deutschen Kraft" werden sollte. Doch der Krieg verhinderte den Bau der Kriegshochschule, nur der Rohbau blieb stehen - heute das Fundament des Teufelsbergs.

Der Berg mit seinen beiden Gipfeln wurde mit 180.000 Bäumen, überwiegend Kiefern, bewaldet. Die US-Besatzer bauten eine futuristische Radar- und Abhörstation mit weißen kugelförmigen Kuppeltürmen, um den Funkverkehr der östlichen Nachrichtensysteme zu überwachen. Doch daneben wurde das Areal zu einem beliebten Sport- und Freizeitparadies der ummauerten Berliner.

Insbesondere im Winter. Es gab einen Skihang mit einer 380 Meter langen Skipiste, auf der im Jahr 1987 sogar ein Weltcup-Rennen veranstaltet wurde, eine bei tollkühnen Buben als Todesbahn geliebte Rodelbahn, sogar eine (inzwischen verfallene) Sprungschanze mit Schlepplift.

Der Alpenverein errichtete an einer Flanke einen künstlichen Übungskletterfelsen. Drachenflieger und Modellflugpioniere pilgern zum Teufelsberg ebenso wie unzählige Berliner, die zu Silvester das Feuerwerk über Berlin bestaunen.

Teile dieses künstlichen "Natur"-Parks sind nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung der Stadt an private Investoren verkauft worden, die jedoch - trotz Besitzerwechsels - ihre Pläne bis dato nicht realisiert haben.

Zur Freude einer Bürgerinitiative, die das Naherholungsgebiet gerne retten und komplett renaturieren möchte.

Im November 2007 legte die Maharishi-Weltfriedensstiftung mit ihrem prominenten Mitglied, dem Hollywood-Regisseur David Lynch, auf dem Plateau den Grundstein für den Bau einer Universität mit einem 50 Meter hohen "Turm der Unbesiegbarkeit".

Doch der Senat hat inzwischen das gesamte Gelände als Waldfläche gewidmet. Und im Wald darf man halt nicht bauen . . .