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Berlin im Licht des Halbmondes

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Berlin ist die größte türkische Stadt außerhalb der Türkei. Im Lande selbst würde es immerhin noch den 20. Rang belegen. Doch wie viel Türkei kann man hier an der Spree entdecken?


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"Adieu Aly! Adieu Hassan", sollen die letzten Worte der erst 36-jährigen Preußenkönigin Sophie Charlotte auf ihrem Sterbebett gewesen sein. Offenbar gedachte sie zuletzt ihrer engsten Vertrauten, der beiden "Kammertürken", die 1686 nach der Rückeroberung Ofens als Beute an den Berliner Hof verschleppt worden waren.

Wie Mokka-Trinken, Turban- und Pluderhosen-Tragen gehörte es damals zur europäischen Mode, sich den Kaffee von "Kammertürken" servieren zu lassen. "Datteln essen gehört jetzt zum guten Ton in Berlin, und die Gecken pflanzen sich einen Turban aufs Haupt", spottet selbst der Preußenkönig in einem Brief.

So begann vor 300 Jahren die Geschichte der türkischen Einwanderer nach Berlin. Alys Nachfahren leben heute noch hier und gehören somit zu den ältesten Berliner Familien. Er selbst und sein Schicksalsgenosse Hassan verdienten gut bei Hofe und konnten in der Nähe des Schlosses Charlottenburg (benannt nach der jungen Königin) sogenannte Freihäuser errichten, waren also aller Abgaben-Pflichten ledig.

Anfang des 20. Jahrhunderts kommen erstmals Türken in größerer Zahl nach Berlin: Schüler, Lehrlinge und Offiziere zur Ausbildung in der Armee, die ersten "Gastarbeiter" in der Zigarettenindustrie sowie politisch Verfolgte; bis Ende der 20er Jahre schwankt ihre Zahl zwischen 1200 und 1900.

Nach dem Ende des Osmanischen Reiches führt Mustafa Kemal Atatürk sein Land in die Moderne und verstärkt den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch mit Europa. Junge Türken kommen zum Studium nach Deutschland, bleiben jedoch in der Regel nur wenige Jahre. Lebten 1938 noch 3310 Türken in Berlin, waren es nach dem Krieg nur noch 79.

Das Wirtschaftswunder der 50er Jahre brachte den großen Schwung, und heute leben rund 200.000 Türken an der Spree. Was dazwischen geschah, der steinige Weg der Integration, füllt Bibliotheken. Ich will mir lieber die Fußabdrücke auf diesem Weg ansehen. Wie viel Türkei findet man im Stadtbild?

Beginnen wir bei den Sinterterrassen von Pamukkale. Um die zu sehen, fahren Sie mit der U1 zum Görlitzer Park. Dort befindet sich ein herrlicher Brunnen, der von diesem Naturwunder inspiriert ist und der nach einer (hoffentlich bald stattfindenden Renovierung) wieder zu bewundern sein wird.

Sicht-, hör- und riechbar werden Berliner Türken auch durch hupende Autokonvois bei Hochzeiten oder nach Spielen türkischer Fußballmannschaften oder am Wochenende beim Hammel-Grillen im Großen Tiergarten. Zwei Berliner Wochenmärkte sind zu richtigen Basaren geworden: In Schöneberg und Neukölln kann man sich an vier Tagen pro Woche orientalische Händlersitten aneignen.

Eindeutiges Zentrum ist Kreuzberg: Der Kiez rund um die Oranienstraße wird auch Klein-Anatolien genannt. Türkische Banken befinden sich hier, Reisebüros, Buchläden, Vereine, Bäckereien, Friseure und Moscheen. Es gibt übrigens rund 56 türkische Moscheen in Berlin. Und der Dönerkebap, der von hier aus seinen Siegeszug durch Europa antrat, ist längst stadtbildprägend.

Mein täglicher Büro-Weg führte mich die Potsdamer Straße entlang an zwei prächtigen türkischen Lebensmittelläden vorbei. Das ornamental aufgetürmte Obst und Gemüse ist winters wie sommers von verführerischer Frische und Farbenpracht. Ein impressionistisches Gemälde vor dem Grau der Sozialbauten.

Ich bin zu wenig Fachmann, um zu beurteilen, ob Multi-Kulti "funktioniert", aber eines weiß ich sicher: Es existiert!

kauffmannsladen@wienerzeitung.at