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Berlin ist vom Mars, Paris von der Venus

Von Christian Ortner

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Frankreich und Deutschland huldigen völlig unterschiedlichen ökonomischen Glaubensgemeinschaften: Für den Euro ist das ein zunehmendes Problem.


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Zu behaupten, Europa hätte aus der Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre sonderlich viel gelernt, hieße wohl, über jedes vernünftige Maß hinaus Optimist zu sein. Das schrille Gegacker am Brüsseler Hühnerhof zur Causa Griechenland belegt das höchst anschaulich.

Und trotzdem gibt es eine einzige, ohnehin eher banale Erkenntnis, die sich im Zuge dieser Krise wenigstens weitgehend durchgesetzt hat: nämlich die Einsicht, dass eine gemeinsame Währung für derart viele derart unterschiedliche Staaten auf die Dauer in der Praxis nur Bestand haben kann, wenn dieser gemeinsamen Währung künftig auch irgendeine Form von gemeinsamer Wirtschaftspolitik gegenübersteht.

Und das, würde man meinen, sollte bei einigermaßen gutem Willen aller Beteiligten doch machbar sein. Alle Beteiligten: das heißt in diesem Falle in erster Linie Deutschland und Frankreich, die beiden zentralen Wirtschaftsräume der Union. Doch das ist leider ein frommer Wunsch mit riskanten Folgen.

Es gehört zu den Eigenheiten der Krise in Europa, dass sie viele Konfliktlinien sichtbar werden ließ, die in den guten Jahren verdeckt waren. Der wohl bedeutendste dieser lange Zeit verdeckten Konflikte ist jener zwischen Frankreich und Deutschland in der Frage, wie Wirtschaftspolitik in ihren Grundsätzen aussehen soll. Berlin und Paris fehlt es dabei nicht an gutem Willen - es fehlt vielmehr am gemeinsamen wirtschaftspolitischen Fundament.

Deutschland und Frankreich sind einander in dieser Hinsicht ungefähr so ähnlich wie Männer und Frauen. Frankreich ist, jenseits der Parteipolitik, tendenziell eher vom Segen staatlicher Planung, staatlicher Eingriffe und staatlichen Eigentums in der Wirtschaft überzeugt; Deutschland hingegen präferiert im Wesentlichen eine gewisse Zurückhaltung des Staates gegenüber den Märkten. Deutschland verstaatlicht Banken aus Not, Frankreich gelegentlich aus Überzeugung. Frankreich neigt traditionell zu Protektionismus, Deutschland hingegen vertraut viel mehr auf die Vorzüge des freien Welthandels. Frankreich hält Industriepolitik für unentbehrlich, in Deutschland gilt sie als eher anrüchig. Frankreich hält Atomkraftwerke für fortschrittlich, Deutschland hält das Zusperren von Atomkraftwerken für fortschrittlich. Deutschland ist vom Mars, Frankreich von der Venus: Der Graben, der Deutschland in wirtschaftspolitischer Hinsicht von Frankreich trennt, ist mindestens so tief wie jener, der Europa oft von den USA trennt. Dabei geht es nicht um Details, dabei geht es um Dogmen.

Für die Zukunft des Euro birgt das weitere erhebliche Risken in sich. Denn wenn man unterstellt, dass die Einheitswährung à la longue eine einheitlich(er)e Wirtschaftspolitik braucht, dann ist eine Verständigung zumindest zwischen Frankreich und Deutschland auf wenigstens die Grundzüge dieser Wirtschaftspolitik logische Voraussetzung.

Bis zum Ausbruch der Krise deckte das regelmäßige Wirtschaftswachstum diesen fundamentalen Konflikt gnädig zu. Doch jetzt, da es um die Existenz der Union geht, wird er umso sichtbarer - und zum Hindernis auf dem Weg aus der Krise.